JazzFest Bonn 2016


Die Jazz-Erfolgsstory

pdf[1] (erscheint im Jazz Podium 07/2016)

© JazzFest Bonn – Lutz Voigtländer 2016

Bettye Lavette by © JazzFest Bonn – Lutz Voigtländer 2016

Beim JazzFest Bonn konnte man wahrlich nicht sagen, dass das siebte Jahr „verflixt“ war. Zwar musste Organisationschef Peter Materna den Tod von Roger Cicero bewältigen, der 2 Wochen später das Eröffnungskonzert hätte bestreiten sollen. Doch mit dem Sänger Thomas Quasthof fand er rechtzeitig Ersatz. Insgesamt bot das JazzFest 11 ausverkaufte Doppelkonzerte an verschiedenen Bonner Spielorten innerhalb von 16 Tagen und darin ein breites Musikspektrum mit zahlreichen musikalischen Leckerbissen.

Schon die erste Band, das BundesJazzOrchester (BuJazzO) unter Niels Klein, sorgte für die richtige Stimmung mit präzisem Ensembleklang und guten solistischen Leistungen. Die Nachwuchsband spielte Werke von Nachwuchskomponisten, die in ihrem jüngsten Kompositionswettbewerb ausgezeichnet wurden. Als weiteres Highlight erwies sich der Auftritt von Schlagzeuger Antonio Sanchez und seiner Band Migration. Sie spielten seine Meridian Suite, mit der der gebürtige Mexikaner seine beachtlichen Fähigkeiten als Komponist demonstrierte (siehe auch seine Musik zum Film Birdman). Saxofonist Seamus Blake glänzte auf dem Tenorsaxofon, und selbst das eigentlich schreckliche EWI klang bei ihm noch anhörbar. Bassist Matt Brewer entlastete Sanchez rhythmisch, so dass dieser mit kreativem Fluss von Akzenten die Musik bereichern konnte. John Escreet bewies seine Stellung als einer der aufregendsten jungen Pianisten in New York mit eckigen Akkorden und inspirierten Läufen sowohl auf dem Piano wie auf dem Keyboard.

Der kubanische Pianist Ramón Valle verstand es mit seinem Trio, lateinamerikanische Rhythmen mit Modern Jazz zu verbinden. Sein Set gipfelte publikumswirksam in seinem „Hit“ „Levitando“. Die Sängerin Lisa Simone brachte mit überzeugender Stimme eine gute amerikanische Bühnenshow mit mehr Pop als Jazz. Sie setzte sich selbst proaktiv in Beziehung zu ihrer Mutter, der berühmten Nina Simone, aber deren starke spirituelle Ausstrahlung zeigte die Tochter in keinster Weise. Mitreißenden Modern Jazz aus Deutschland boten die Fuhr Brothers, also Saxofonist Wolfgang und Bassist Dietmar. Ihr Programm bestand überwiegend aus Kompositionen von wichtigen deutschen Jazzern von Albert Mangelsdorff und Gerd Dudek bis Wolfgang Dauner und Manfred Schoof, ein schöner Ansatz in einer Zeit, in der nahezu alle jüngeren Jazz-Musiker unabhängig von ihrem Talent als Komponisten meinen, nur eigenes spielen zu müssen. Den beiden Brüdern zur Seite standen der bestens aufgelegte Norbert Scholly an der Gitarre mit geschmackvoller melodischer Improvisation und der inspiriert agierende Schlagzeuger Jens Düppe. Pianist Michael Wollny begeisterte das Publikum mit seinem aktuellen Trio und seiner Mischung aus romantischer Klassik und Jazz-Improvisation. Die Band Girls in Airports, fünf Männer wohlgemerkt, kreierte einen Sound, der zupackender war, als man es von nordischen Bands kennt. Soul-Sängerin Bettye Lavette lieferte – gerade 70 geworden – eine kraftvolle Show mit einigen ihrer Hits wie „I’ve got my own hell to raise“ und dem eindrucksvollen „Souvenirs“, einem ihrer frühen Songs.

Der einzige der elf Abende, an dem die beiden auftretenden Bands eine ähnliche musikalische Ausrichtung hatten, war Jazz-Interpretationen von klassischer Musik gewidmet. Dem Bonner Pianisten Markus Schinkel gelang es vorzüglich, Beethoven zu verjazzen. Dabei zeigte Tenorsaxofonist Ernie Watts seine Klasse als variabler Musiker, der sich schnell in Schinkels Arrangements eingefunden hatte und am Ende mit seiner Eigenkomposition „Letter From Home“ besonders schön seinen charakteristischen Saxofon-Sound zelebrierte. Der New Yorker Pianist Matt Herskowitz nahm sich vor allem Bach und Chopin vor. Leider neigte er dazu, seine zweifellos vorhandene technische Brillianz allzu selbstverliebt zu demonstrieren bis hin zu bombastischen Übertreibungen, die an den amerikanischen Show-Pianisten Liberace erinnerten. Die dänische Sängerin Caecilie Norby trat im Duo mit ihrem schwedischen Bassisten und Ehemann Lars Danielsson auf und überzeugte mit einem Programm von Jazz bis Country. Warum allerdings Danielsson fast das gesamte Konzert mit einem Synthesizer-Brei unterlegte, blieb sein Geheimnis. Pianist Wolfgang Dauner, gerade 80 geworden, bildete ein Duo mit seinem Sohn Florian am Schlagzeug. Der Pianist begann zurückhaltend, doch mit fortschreitender Konzertdauer schien sich mehr und mehr die Energie des Sohnes auf den Vater zu übertragen, der dann mit bewunderswerter Kraft und Ausdrucksstärke in die Tasten griff. Das beste an Nils Petter Molvaers Solo-Konzert waren die schönen Videoprojektionen. Die synthetischen und teilweise vorproduzierten Klänge konnte man wohlwollend als sphärisch bezeichnen, weniger wohlwollend als unendlich langweilig, daran rettete auch Molvaers dazu gehauchte Trompete nicht viel. Doch das Ausharren lohnte sich, denn danach demonstrierte das Vijay Iyer Trio den Stand der Kunst des modernen Jazz Klaviertrios. Mit Bassist Stephane Crump und Schlagzeuger Marcus Gilmore spielte Iyer ohne Unterbrechungen eine Folge von Kompositionen, unter anderem von ihrer aktuellen CD „Break Stuff“, und sagte hinterher treffend, der Flow sei so gut gewesen, dass sie ihn einfach nicht verlassen wollten.

Der Kammermusiksaal des Bonner Beethovenhauses mit seinem Spitzenflügel und seiner exzellenten Akustik ist ein Spielort, der vor allem Pianisten regelmäßig zu Höchstleistungen beflügelt. Davon ließ sich auch Jacob Karlzon in seinem Solo-Konzert inspirieren, auch wenn seine Musik immer ein wenig zu gefällig wirkte. Zu einem besonderen Highlight wurde dann der Auftritt von Pianist Richie Beirach und Saxofonist Dave Liebman. Das begann gleich mit einer schnellen Version von Beirachs „Pendulum“ und gipfelte im inspirierten „Softly as in a morning sunrise“. Die beiden spielen schon seit 50 Jahren zusammen, und auch wenn die persönliche Beziehung über die Zeit ihre Höhen und Tiefen hatte, so spürte man in ihrer Musik die tiefe Freundschaft und enge Vertrautheit.

Dem künstlerischen Leiter Peter Materna – selbst auch Jazz Saxofonist, der sich aber nie als auftretenden Musiker beim JazzFest engagiert – und seinem Team kann man nur gratulieren zu dem nachhaltigen Erfolg. Viel besser kann man ein Festival nicht managen – vom reibungslosen Ablauf der Konzerte über das exzellente umfangreiche kostenlose Programmheft, Profi Thomas Heyer als Ansager, Profis Lutz Voigtländer und Walter Schnabel als Fotografen, bis zur Fähigkeit, zahlreiche Bonner Unternehmen (Deutsche Telekom, Deutsche Post DHL und viele kleinere) als Partner des Festivals zu gewinnen und zu halten. Wie bei jedem Festival kann man über die Programmauswahl streiten, insbesondere über das Konzept, an den meisten Abenden zwei Bands mit extrem unterschiedlichen Musikrichtungen nacheinander auftreten zu lassen. Doch der Erfolg – alle 11 Abende komplett ausverkauft, 5000 Besucher, zumeist begeistertes Publikum – gibt Materna Recht. Auch 2017 soll das JazzFest Bonn wieder mit 11 Doppelkonzerten stattfinden.

Hans-Bernd Kittlaus 14.05.16