NSJF 1996


North Sea Jazz Festival 1996
North Sea stürmte in die dritte Dekade

pdf[1](erschienen 9/1996)

 

Mit der 21. Ausgabe des North Sea Jazz Festivals im Den Haager Kongreßzentrum konnten Organisator Paul Dankmeijer und sein Team an den großen Erfolg des Vorjahres anknüpfen. Drei ausverkaufte Tage mit insgesamt 69000 Zuschauern waren der Lohn für ein ausgewogenes breites Programm auf 14 Bühnen, das mit stark besetzter Pop/Rock-Schiene (von Santana bis Little Richard, von George Clinton bis Isaac Hayes) die Massen anzog und im Jazz-Bereich neben bewährten Namen viele neue Gesichter präsentierte.

Klassiker

Oscar Peterson ist wahrscheinlich der Musiker, der die meisten der 21 bisherigen Den Haager Festivals bestritten hat. Dieses Jahr kam er im Quartett mit Bassist Niels-Henning Oersted-Pedersen, Gitarrist Lorne Lofsky und Schlagzeuger Martin Drew. Interessant waren die Veränderungen in seinem Spiel seit seinem Schlaganfall vor einigen Jahren. Er hat sich damit arrangiert, daß seine linke Hand nicht mehr die gewohnten wahnwitzigen Läufe bewältigt, indem er sich stärker auf sein Blues Feeling besann und damit seiner Musik mehr Ausdruck verlieh.

Shirley Scott ist eine Heroine der Hammond Orgel der 60er Jahre. Sie hat ihren Stil überhaupt nicht verändert, und so wirkte ihr Sound in Den Haag etwas altmodisch, aber trotzdem mitreissend swingend. Am Schlagzeug hatte sie den höchst variablen Bobby Durham, der langjähriger Begleiter von Ella Fitzgerald war. Besonders begeisterte in diesem Trio aber Saxophonist David Fathead Newman, der schon lange nicht mehr der Blues Tenor Man seiner Ray Charles Zeit ist, sondern einen höchst kultivierten Sound entwickelt hat, den er in Den Haag vor allem in Balladen eindrucksvoll demonstrierte.

Nachdem schon Ray Bryants legendärer auf Platte dokumentierter Montreux Auftritt 1972 seine Fähigkeiten als Solopianist belegte, zeigte er in Den Haag seine eindrucksvolle Weiterentwicklung. Seine Spielauffassung ist eher traditionell, mit gelegentlichen Boogie Woogie Einschüben mit der linken, melodischen Linien mit der rechten, und viel Swing. Er trat auf der für Pianisten reservierten Bühne auf und es war im so möglichen direkten Vergleich mit anderen Pianisten frappierend, wie grandios und anders das Klavier unter seinen Händen klang. Ob mit Eigenkompositionen oder Standards wie ‘I Can’t Get Started’, er lies den Flügel wahrhaft singen.

Es ist faszinierend, wie Betty Carter immer wieder neue junge Talente entdeckt und formt. Nach Den Haag brachte sie Travis Shook am Piano, Bassist Vashon Johnson und Drummer Byron Landham, alle drei blutjung und höchst talentiert. Den nötigen Feinschliff wird Miss Carter ihnen noch verpassen. Allein für diese Art von Talentförderung verdient sie schon die vielen Ehrungen, mit denen sie in den letzten Jahren überhäuft wurde – erst kürzlich mit dem American Eagle Award für ihre Verdienste um Musik und Musikausbildung.

Sie sang eine Reihe von neuen maßgeschneiderten Songs neben bekannten wie ‘Fake’ und ‘30 Years’, wie gewohnt mit überwältigender Bühnenpräsenz, gurrend bis scattend mit großer Expressivität, auch wenn die Stimme eine gewisse altersbedingt nachlassende Biegsamkeit zeigte.

Die New Yorker Jazz Clubs sind nachwievor ein Mekka für Freunde des Piano Trios. North Sea brachte die Quintessenz eines New Yorker Piano Trios nach Den Haag: Pianist Kenny Barron, Bassist Ray Drummond und Schlagzeuger Ben Riley. Ob in Miles Davis’ ‘Solar’ oder Standards wie ‘Sweet Lorraine’, Barron begeisterte mit geschmackvollem variablem Spiel, perlenden Läufen und prägnanten Akkorden, Drummond mit sonoren melodiösen Baßlinien und Riley mit subtilem Drumming, vor allem mit den Besen. Die drei hörten sich offensichtlich gut zu und griffen immer wieder gegenseitig Ideen auf. Trio Jazz vom Feinsten!

Das Zusammenkommen so vieler hervorragender Musiker wie in Den Haag eignet sich immer besonders für sogenannte Summits. Die können zu durch freundlichen Wettbewerb inspirierten Sternstunden werden oder aber zu öden Blowing Sessions, wenn der Funke nicht überspringt. Beim diesjährigen Trumpet Summit sprang er nur halb. Zunächst war das Publikum enttäuscht, daß der angekündigte Clark Terry aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen war. Dann erwies sich das Cedar Walton Trio als schlechte Wahl, da der Pianist zwar schön, aber zum Anheizen einer solchen Session einfach zu intellektuell spielte. Benny Bailey konnte kräftemäßig nicht mit seinen drei Kollegen mithalten, zog sich aber mit Witz einigermaßen passabel aus der Affäre. Jon Faddis hatte seinen besten Moment, als er ein Solo lang darauf verzichtete, mit einer gewissen Arroganz eine Oktave höher zu spielen als alle anderen. Ein echter Wettbewerb fand nur zwischen Nicholas Payton und Roy Hargrove statt, der sehr melodisch spielte, aber zweiter Sieger blieb gegen Payton, der energiegeladen und feurig ein ums andere Solo abfeuerte.

Weder eine leichte Erkältung noch eine nicht eingespielte Begleitband konnten Dianne Reeves an einer überzeugenden Vorstellung hindern. Pianist Peter Martin hatte zwar gute Solos, aber die Band nicht richtig im Griff. Doch Miss Reeves konnte dank ihrer beeindruckenden Souveränität problemlos mit diesen Schwächen umgehen. Ihre Stimme drückte soviel Musikalität aus, war so wandelbar von Jazz-Standards wie ‘Yesterdays’ bis hin zu einem eher poppigen ‘Nine’, daß das Konzert trotz der Probleme zum Genuß wurde.

Bird Awards

Die alljährlich verliehenen Bird Awards gingen in diesem Jahr in der internationalen Kategorie an Ray Brown, in der niederländischen Kategorie an den Pianisten Cees Slinger, und in der Sonderkategorie posthum an den Pianisten Pim Jacobs. Ray Brown konnte die ganzjährige Feier seines siebzigsten Geburtstags auch in Den Haag fortsetzen. Er bestritt umjubelte Auftritte mit seinem Trio mit Benny Green und Greg Hutchinson und nahm im Bird Winners Concert die verdienten Ovationen für ein höchst erfolgreiches Jazz-Leben entgegen. Dieses Konzert hatte einen besonders bewegenden Moment, als die holländische Sängerin Rita Reys den Preis für ihren Ehemann und Pianisten Pim Jacobs überreicht bekam, der kurz vor Festivalbeginn seinem Krebsleiden erlegen war.

Tributes

Die Gruppe Roots stellte ihr Programm unter das Motto ‘For Bird’ und lud Trompeter Claudio Roditi als Gast dazu, der gewohnt brilliant die Rolle Dizzy Gillespies einnahm. Roots selbst wirkte dagegen ausgesprochen müde. Nur Chico Freeman konnte in einigen Solos seine Klasse zeigen, ansonsten eher Langeweile bei Arthur Blythe, Pianist Kirk Lightsey, Bassist Buster Williams, Schlagzeuger Ed Thigpen und vor allem bei Nathan Davis und Benny Golson.

Spektakulär war hingegen der Auftritt des Contemporary Piano Ensemble mit ihrem Tribut an Phineas Newborn und die Schule der Memphis Pianisten. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, fünf Pianisten an vier Flügeln zu erleben, noch dazu vom Kaliber eines Mulgrew Miller, James Williams, Geoff Keezer, Donald Brown und Harold Mabern in Begleitung von Bassist David Ephross und Drummer Carl Allen? Es war spürbar, daß diese Gruppe den beteiligten Pianisten sehr am Herzen liegt. Die Arrangements ließen ihnen genügend Raum für Solos und ermöglichten originelles Zusammenspiel, ohne daß die Pianisten sich gegenseitig auf die Füße traten.

Weniger gelungen war das mit viel Vorschußlorbeeren bedachte Tribute for Bud Powell, für das Chick Corea den Bassisten Christian McBride, den Drummer Roy Haynes, Tenorsaxophonist Joshua Redman und Trompeter Wallace Roney um sich versammelt hatte. Die Bläser waren offensichtlich mit den Arrangements nicht hinreichend vertraut und lieferten falsche Einsätze in Serie, McBride blieb ungewohnt blaß, Corea wirkte sehr akademisch. So konnte nur Haynes mit brillianten Einlagen im Stil der Zeit Bud Powells überzeugen, mit dem er als einziger der Beteiligten noch selbst gespielt hatte. Redman hatte einige temperamentvolle Solos, Roney blieb gewohnt unterkühlt.

Neue Gesichter

Altsaxophonist Abraham Burton kam in letzter Minute ins Programm und konnte den guten Eindruck bestätigen, den er schon bei seinen Auftritten in Deutschland gemacht hatte. Bei seinen energiegeladenen schnellen Stücken ging zwar mitunter die musikalische Aussage etwas verloren, doch in Balladen zeigte er, daß hinter seinem ausgeprägten Selbstbewußtsein durchaus eine ebensolche Empfindungsfähigkeit steht. Sein Sound erinnerte höchst vorteilhaft an seinen Lehrer Jackie McLean.

Der englische Pianist Julian Joseph kann bereits einige CDs unter eigenem Namen sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Musikern wie Chico Freeman und Arthur Blythe vorweisen. In Den Haag hatte er das Handycap, direkt nach Ray Bryant auftreten zu müssen, was er nicht wett machen konnte. Trotz karibischer Rhythmen wirkte sein Spiel recht blaß und eindimensional.

Zu einem Höhepunkt wurde hingegen der Auftritt der Sängerin Nnenna Freelon, die in USA bereits einen guten Ruf erworben hat, in Europa aber noch wenig bekannt ist. Sie bestach mit ansprechender Bühnenpräsenz, modulationsfähiger Stimme und gutem Repertoire, das Standards mit Eigenkompositionen mischte. In Erinnerung blieb vor allem ihr ‘Future News Blues’, in dem sie ihre ökologische Botschaft im traditionellen Blues Format rüberbrachte. Auch ihr Begleittrio mit Pianist Bill Anschell, Bassist Neil Starkey und Drummer Woody Williams, mit dem sie schon längere Zeit zusammenwirkt, wußte zu gefallen, auch wenn das Trio noch ein paar Tips von Betty Carter hinsichtlich Dynamikwechseln brauchen könnte.

Höhepunkte

Von der ersten Note an auf höchstem Energie Level bewegte sich das McCoy Tyner Trio mit Michael Brecker. Der Saxophonist zeigte sich von seiner jazzigsten Seite und blies mit seinem harten leicht metallischen Sound einen kreativen Chorus nach dem anderen. Tyner war ebenfalls in Höchstform, erzeugte wahre Donnerstürme von Klustern und ließ den Flügel unter seinem mächtigen Anschlag erbeben. Zusammen mit Avery Sharpe am Baß und Aaron Scott am Schlagzeug zelebrierten sie die ungebrochene Kraft des Jazz.

Wenn jemand Jazz Arrangements schreiben kann, die auf höchstem Niveau stimmig sind und den Solisten nicht nur Raum lassen, sondern sie geradezu zur Kreativität zwingen, dann ist es Carla Bley. Ihre Big Band brachte ein zum großen Teil an Gospel und religiöser Musik orientiertes Programm, in dem als Solisten die Saxophonisten Andy Sheppard und Wolfgang Puschnik, Trompeter Lew Soloff, der Posaunist Gary Valente mit seinem wunderbar schmutzigen Sound sowie Bassist Steve Swallow herausragten.

Saxophonist James Carter wird von Jahr zu Jahr besser. Seine technischen Fähigkeiten sind atemberaubend, aber er setzte sie dieses Jahr schon wesentlich zweckdienlicher ein als noch im Vorjahr. Das Tenorsaxophon ist sein stärkstes Instrument, aber er erwies sich auch auf den anderen Saxophonen als meisterlich und spielte die Klarinette so mitreissend und modern, daß man schon auf eine Renaissance dieses wunderbaren Instruments hoffen könnte. Unterstützt wurde Carter von Pianist Craig Taborn, der einige Gelegenheiten so Solos hatte, Bassist Jaribu Shahid sowie Drummer Tani Tabbal.

Grand Slam – der Name war gut gewählt für den Set von Gitarrist Jim Hall und Saxophonist Joe Lovano. Einfühlsam begleitet von Bassist Scott Colley und Schlagzeuger Yoron Israel zelebrierten sie einen leisen, eher zurückhaltenden Jazz, der doch in jeder Sekunde spannend war in seiner Melodiösität und Spielkultur. In Deutschland noch nicht sehr bekannt, gilt Lovano in New York inzwischen als führender Tenorsaxophonist. Seine Vielseitigkeit ist verblüffend. Während er auf seiner kürzlich erschienen Village Vanguard Doppel-CD mit Tom Harrell Hardbop spielt und mit Mulgrew Miller Standards swingt, zeigte er sich mit Jim Hall in Den Haag ganz zart und biegsam.

Craig Handy tut die Zusammenarbeit mit Herbie Hancock hörbar gut. Der Saxophonist ließ sich sowohl mit Sopran wie auch mit Tenor zu emotionalen und gleichzeitig sauber strukturierten Solos inspirieren. Hancock selbst zeigte sich nicht nur in glänzender Form unter anderem über Pop Material von Peter Gabriel und Stevie Wonder, sondern demonstrierte seine gute Laune auch in seinen Entertainer-Einlagen als Conferencier. Bassist Dave Holland begeisterte mit seinem kraftvollen Sound als Begleiter wie auch in einem langen Solo über seine Komposition ‘Dream of the Elders’.

Zwei der herausragenden Altsaxophonisten unserer Zeit sind in Europa bedauerlicherweise sehr selten zu hören: Charles McPherson und Gary Bartz. Um so verdienstvoller war es, daß Phil Woods sie als Mitglieder seiner Gruppe Sax Machine nach Den Haag brachte, zu der außerdem am vierten Alt Jesse Davis sowie einer der aufregendsten Nachwuchspianisten, Cyrus Chestnut, Bassist Steve Kirby und Drummer Alvester Garnett gehörten. Die Gruppe hatte gute Head Arrangements, die den Solisten viel Raum ließen. Besonders bestachen McPherson mit seinem vollen warmen Sound und Bartz mit wohlstrukturierten Linien sowie Chestnut mit unbändig temperamentvollen Einlagen. Als einziger Weißer in diesem Septett widerlegte Leader Phil Woods wohl nicht ganz unabsichtlich die absurden Rassismus-Vorwürfe, die diesem glühenden Verehrer von Charlie Parker wegen seines rein weißen Quintetts in den letzten Jahren in USA gemacht wurden.

Zukunft

Die virtuelle Zukunft hatte auch North Sea erfaßt. So gab es ein gelungenes Experiment unter dem Namen ‘Jazz in Cyberspace’, bei dem Bassist J. Granelli und Drummer John Mettem in der New Yorker Knitting Factory spielten, Bild und Ton über das Internet live nach Den Haag übertragen wurden und dort Gitarrist Brad Schoeppach und Saxophonist Briggan Kraus ihren Teil zum harten Knitting Factory Sound beitrugen. Das Bild aus New York litt zwar unter einer leichten Asynchronität, aber der Ton war einwandfrei. Das Ergebnis ist im Internet unter ‘http://www.knittingfactory.com’ abrufbar. Auch das North Sea Jazz Festival selbst ist im Internet unter ‘http://www.netcetera.nl/jazzfacts’ zu finden, einem Server, der von einer niederländischen Stiftung betrieben wird und zur Förderung des Jazz beitragen soll.

Doch die reale Zukunft des Festivals wird sich weiterhin im Den Haager Kongreßzentrum abspielen, das nächste Mal vom 11. bis 13. Juli 1997. Interessenten seien gewarnt: Vorreservierung von Eintrittskarten und Unterkunft ist inzwischen unumgänglich. Organisator Paul Dankmeijer hat sich durch langfristige Sponsorenverträge, eine zehnjährige Unterstützungszusage der Stadt Den Haag und eine erhebliche Ausweitung der Zusammenarbeit mit Radio- und Fernsehstationen und Jazz Labels eine stabile finanzielle Planungsgrundlage geschaffen. Sorgen bereiten nur Umbaupläne im Kongreßzentrum. So soll auf das Dach ein Hotelneubau gesetzt werden, wodurch die Dachterrassenbühne wegfallen wird. Der Beginn eines Büroneubaus neben dem Kongreßzentrum führte schon in diesem Jahr dazu, daß das gewohnte große Zelt durch eine kleinere Spielstätte ersetzt werden mußte, die zu einer drangvollen Enge führte. So sind für nächstes Jahr eine Begrenzung der Zuschauerzahl auf niedrigem Niveau und damit verbunden höhere Preise zu erwarten. Diese stärkere Begrenzung der Zuschauermassen kann allerdings für die, die dabei sein werden, den Genuß dieses einzigartigen Festivals nur erhöhen.

Hans-Bernd Kittlaus