NSJF 2007


North Sea Jazz Festival 2007
Zweite Ausgabe in Rotterdam

pdf[1](erschienen 9/2007)

 

Im Jahr 2 nach dem Umzug von Den Haag ins Ahoy Veranstaltungszentrum in Rotterdam glänzte das North Sea Jazz Festival mit Highlights, zeigte aber auch einige Schattenseiten. Mit 65.000 Zuschauern in drei Tagen war eine Steigerung von 5% gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen, aber nur der Samstag war ausverkauft. Wie gewohnt bot das Festival ein breites musikalisches Spektrum mit Pop, Blues und Soul von Paul Anka, Al Green und Katie Melua bis Steely Dan, Sly & the Family Stone und Snoop Dog, aber natürlich auch Jazz mit Superstars wie Dee Dee Bridgewater, David Sanborn (der überraschend mit Marcus Miller auftrat) und Dave Holland.

Highlights

Der diesjährige Artist-in-residence Wynton Marsalis hatte zwei umjubelte Auftritte mit seinem Lincoln Center Jazz Orchestra und einen mit seinem aktuellen Quintett. Er demonstrierte seine tiefe Verwurzelung in der Jazz-Tradition mit seiner exzellent besetzten und eingespielten Big Band sowohl in einem Ellington-orientierten Programm als auch bei der Interpretation von Ornette Coleman Titeln. Coleman trat selbst in Rotterdam auf mit gleich drei Bassisten und Schlagzeug und bot altersweise Improvisationen und einen angenehm transparenten Sound, der belegte, warum dem Saxofonisten und Geiger im Alter so viele Huldigungen zuteil werden. Big Band Freunde wurden dieses Jahr sehr gut bedient. Neben dem Lincoln Center Jazz Orchestra spielten zwei weitere New Yorker Bands. Der Trompeter Charles Tolliver konnte letztes Jahr mit Hilfe des Blue Note Labels eine Big Band ins Leben rufen, die in Rotterdam mit spannenden Arrangements und exzellenten Solisten überzeugte, auch wenn sie nicht optimal eingespielt war. Ein Vergnügen für sich war dabei die Rhythmusgruppe mit Pianist George Cables, Bassist Cecil McBee und Schlagzeuger Victor Lewis, von denen man sich einen separaten Trio-Auftritt gewünscht hätte. Das Vanguard Jazz Orchestra zeigte sich ebenfalls von seiner besten Seite. Jahrzehntelange montägliche Auftritte im Village Vanguard haben aus der Band eine bestens geölte Maschine mit Spitzen-Arrangements gemacht, in der viele gute Solisten Höhepunkte setzten.

Die Sängerin Roberta Gambarini feierte einen Triumph. Begleitet von Pianist Tamir Hendelmans Trio mit dem kalifornischen Meister-Swinger Jake Hanna am Schlagzeug sang sie amerikanische Standards in der Tradition von Ella Fitzgerald. Geadelt wurde ihr Auftritt durch die einfühlsame Begleitung des Trompeters Roy Hargrove und einen Überraschungsauftritt von Dee Dee Bridgewater, die mit der New Yorker Italienerin ein mitreissendes Duett über „Midnight Sun” improvisierte und diese anschließend als die beste jüngere Jazz Sängerin im Business lobte. Hargrove hatte anschließend einen Auftritt mit seinem neuen akustischen Quintett, der als körperliche und künstlerische Wiederauferstehung betrachtet werden muss. Nach einigen Jahren einer gewissen Orientierungslosigkeit, die 2006 in massive gesundheitliche Probleme gipfelten, zeigte er sich bei seinem 1:45 Stunden-Set in glänzender Verfassung. Das Quintett spielte nicht mehr so neo-konservativ wie seine früheren Formationen, sondern war stilistisch wesentlich offener. Unermüdlich angetrieben durch Montez Coleman am Schlagzeug brillierten nicht nur Hargrove, sondern auch Altsaxofonist Justin Robinson und vor allem der junge Pianist Gerald Clayton solistisch. Ein potentieller nächster Superstar der Jazz-Trompete war auch schon in Rotterdam zu erleben. Christian Scott ist erst Anfang 20, hat deutlich mehr Entertainer-Qualitäten als Hargrove, und spielte mit seiner Youngster-Gruppe weiche Trompetentöne über harten Rock Beats. Eine Sternstunde der Improvisation boten Altsaxofon-Legende Lee Konitz und Pianist Martial Solal im Zusammenspiel mit den virtuosen Brüdern Moutin an Baß und Schlagzeug. Wie gut Meister ihres Fachs zusammen klingen können, wenn sie genügend Zeit für Proben bekommen, demonstrierte das SF Jazz Collective. Diese All-Star-Band wurde vor vier Jahren unter anderem von Joshua Redman ins Leben gerufen. Der spielt inzwischen nicht mehr mit, aber mit Joe Lovano am Tenorsaxofon, Miguel Zenon am Alt, Trompeter Dave Douglas, Pianistin Renee Rosnes und anderen sind überragende Solisten an Bord, die in ihrem Programm mit Monk und Eigenkompositionen auch im Ensemble-Klang überzeugen konnten.

Veränderungen

Die Wahl von Wynton Marsalis als Artist in Residence, der ja wie kaum ein anderer für Jazz als Great Black Music steht, stellte einen gewissen Widerspruch dar zur neuen Ausrichtung des neuen Leiters des Festivals, Jan Willem Luyken, der die europäische Szene wesentlich stärker in den Blickpunkt rückte. Dies resultierte in einigen interessanten Sets. So trat der italienische Trompetenaltmeister Enrico Rava mit seiner Gruppe auf, in der vor allem Gianluca Petrella an der Posaune hervorstach. Petrella war auch der diesjährige Preisträger des Paul Acket Awards. Die polnische Saxofon-Legende Zbigniew Namyslowski, international nur noch selten zu sehen, überzeugte mit einer sehr jungen Band. Der spanische Pianist Chano Dominguez kann sich inzwischen auf Basis seines großen auch kommerziellen Erfolgs eine 12-köpfige Band leisten, die allerdings in ihrer Zusammensetzung mit E-Gitarre, Bläsern und Flamenco-Sänger und Tänzer etwas überladen wirkte. Am überzeugendsten war er mit den Songs, die er in kleineren Besetzungen spielte. Die Hinwendung zu Europa führte auch dazu, dass mehr deutsche Musiker für North Sea engagiert wurden als je zuvor. So traten Franz von Chossy und Frederik Köster mit ihren Gruppen im Rahmen der European Jazz Competition auf, Michael Schiefel war mit Jazz Indeed ebenso dabei wie Till Brönner. Der Frankfurter Saxofonist Tony Lakatos hatte einen glanzvollen Auftritt im Set mit dem ungarischen Pianisten Szakcsi Lakatos, in dem auch der englische Trompeter Gerard Presencer zu begeistern wusste.

Aus organisatorischer Sicht hatte Luyken keinen guten Einstand. Zwar wurden die Raumgrößen gegenüber letztem Jahr gut angepasst und die Wegführung im Ahoy Center optimiert und die Räume waren wieder angenehm und atmosphärisch ansprechend eingerichtet, aber die Hitze wurde trotz moderater Außentemperaturen in einigen Sälen unerträglich und beim Sound gab es große Probleme. Vor allem die mangelnde akustische Entkopplung gleich mehrerer Bühnen führte bei Besuchern und Musikern zu Verärgerung. Auf die im Vorjahr sehr bewährten Akustik-Wände hatte man ganz verzichtet, und die Fähigkeiten der Tontechniker ließen in einigen Sälen zu wünschen übrig. Das Programmheft des Festivals wurde nur zusammengebunden mit der aktuellen Ausgabe der niederländischen Jazz-Zeitschrift Jazzism verkauft, was sich als schlechte Idee entpuppte, da nur wenige den pfundschweren Wälzer durchs Ahoy Center schleppen wollten. Auch die Programmplanung zeigte wieder Schwächen, so zeugte etwa das parallele Auftreten von Big Bands (die sich dann auch noch akustisch gegenseitig beeinträchtigten) oder von Lee Konitz und Ornette Coleman von wenig Verständnis für die Interessen der Fans. Da gibt es Verbesserungsbedarf für das nächste Festival vom 11. bis 13. Juli 2008.

Hans-Bernd Kittlaus