NSJF 1997


North Sea Jazz Festival 1997
North Sea Jazz

pdf[1](erschienen 9/1997)

 

Mit insgesamt 70000 Zuschauern an drei ausverkauften Tagen konnte das North Sea Jazz Festival im Den Haager Kongreßzentrum seine Position als größtes europäisches Festival souverän behaupten. Die 14 Bühnen boten wie immer für jeden etwas von Pop und Rock zu Blues und Jazz, wobei sich das ‘Legends’-Konzert mit Eric Clapton, David Sanborn, Joe Sample, Marcus Miller und Steve Gadd als überragender Publikumsmagnet erwies.

Trends

Immer deutlicher wird in Den Haag der Einfluß der Musikindustrie aufs Festivalprogramm spürbar. Mancher Besucher mag sich freuen, nach einem Set sofort die CD im Plattenladen zu finden, die nicht nur in der Besetzung, sondern auch in den Titeln nahezu identisch zum live Gehörten ist. Allerdings ist das weniger die passende CD zum Set, sondern eher der Set zur gerade erschienenen CD. So prägten die Neuerscheinungen der Major Labels der letzten 12 Monate einen wachsenden Teil des Den Haag Programms. Dies führte zwar zu einigen durchaus erfolgreichen Sets, so etwa Herbie Hancocks All-Star Gruppe New Standards mit Michael Brecker, John Scofield, Dave Holland, Jack DeJohnette und Perkussionist Don Alias, die mit mitreissendem Drive zur Sache gingen. Der Auftritt der in den Niederlanden populären Sängerin Laura Fygi im Trio mit dem legendären Komponisten Michel Legrand am Klavier erwies sich sogar als gelungener als die CD der beiden, die mit schmalzigen Streichern überladen ist. Doch insgesamt litt unter diesem Trend die Spontaneität vieler Sets, der Reiz des Unerwarteten für die Zuschauer. Unangekündigtes Einsteigen von Musikern scheint völlig out zu sein, obwohl North Sea eigentlich der ideale Rahmen dafür wäre, sah man doch viele Musiker auch als Zuschauer in den Sets von Kollegen.

Die heutige internationale Jazz-Welt ist geprägt von einer extremen Vielfalt, in der starke musikalische Trends kaum auszumachen sind. Dies wurde im North Sea Programm genau reflektiert. Ein noch schwacher, aber zunehmender Trend zur Integration von karibischen und afrikanischen Einflüssen ist allerdings deutlich zu bemerken. Die Niederlande haben als Kolonialmacht eine gewisse Affinität zur Karibik und so wurde unter dem Namen ‘Caribbean Jazz Connection’ eine ganze Schiene dem karibischen Jazz gewidmet, die sich großem Publikumszuspruch erfreute. Hier konnte man unter anderem die Fra Fra Big Band (siehe separater Artikel), Ronald Snijders und Franky Douglas’ Sunchild sehen. Saxofonist David Sanchez trat mit einigen Musikern aus seiner Heimat Puerto Rico auf, die seinen eher klassischen Stil rhythmisch interessant verfremdeten. Weniger gelungen erwies sich die Gruppe Crisol, die unter dem Motto ‘Roy Hargrove goes Latin’ stand. Leider blieb deren Sound steril, eine echte Integration der kubanischen und US-amerikanischen Musiker gelang nicht. Eine faszinierende Kombination von afrikanischen Rhythmen mit modernem Jazz und Rap glückte hingegen David Murray mit seiner Gruppe Fo Deuk Revue, in der u.a. Robert Irving an den Keyboards und Jamaaladeen Tacuma am Baß spielten. Deren Musik war gleichzeitig anspruchsvoll und stark zum Tanzen anregend.

Highlights

Henry Threadgill gilt als einer der wenigen jenseits aller Trends agierenden Avantgarde Jazz Musiker unserer Tage. Nach Den Haag brachte er seine Society Situation Dance Band, die durch ihre ungewöhnliche Instrumentierung mit Streichern, Bläsern und Akkordion auffiel. Threadgill entwickelte mit dieser Big Band einen höchst abwechslungsreichen Sound, der das große Publikum zum Tanzen brachte. Als Sängerin Aster Aweke hinzukam, erinnerte die Musik allerdings mehr an das Jahr 1970 als an 2000.

In New Orleans ist der Jazz heute nur eine unter vielen Musikrichtungen. Trotzdem bringt die Stadt immer wieder exzellente Jazz-Musiker hervor. Eine Entdeckung des diesjährigen Festivals war der Pianist und Sänger Henry Butler. Sein Klavierspiel wirkte zunächst etwas eckig, doch er hatte sich schnell freigespielt und brillierte mit seiner souveränen Beherrschung fast vergessener Klavierstile und beliebiger Schwierigkeitsgrade. Dabei war sein Spiel bluesgetränkt und humorvoll zugleich, etwa in seiner Eigenkomposition ‘Party Shuffle’.

Wieviel Enthusiasmus eine ‘Festival-Band’ haben und auslösen kann, demonstrierten Trompeter Jon Faddis, Posaunist Slide Hampton und Saxofonist Jimmy Heath eindrucksvoll. Angetrieben von der exzellenten Rhythmusgruppe mit Pianist Kenny Drew Jr., Bassist Paul West und Schlagzeuger Winard Harper zelebrierte Heath seinen zweiten (oder dritten) Frühling, produzierte Hampton spielfreudig fetzige Posaunenlinien und bot Faddis nicht nur Stratosphärenklänge, sondern auch kreative Improvisationen.

Die in USA geborene und in Frankreich aufgewachsene Madeleine Peyroux erzeugte zwiespältige Reaktionen. Schloß man die Augen, glaubte man Billie Holiday zu hören. Der optische Eindruck stand dazu allerdings in krassem Gegensatz. Mit ihrer Gitarre und ihrem unvorteilhaften weißen Kleid mit Blümchen erinnerte die weiße (!) junge Dame eher an eine amerikanische Amateur Country Sängerin, deren offene Fröhlichkeit in Konflikt lag zu der Tragik, die man mit dem Holiday Sound automatisch verbindet. Gute Musik, aber ein Gesamteindruck, der den Zuschauer rätseln ließ, ob er mehr über Mademoiselle Peyroux oder seine eigenen Assoziationen irritiert war.

Diana Krall hatte mit Russell Malone einen exzellenten Gitarristen dabei, der als Solist wie auch als Begleiter begeisterte. Krall wird immer besser. Ihre Phrasierung war ein Genuß, ihr Feeling für Balladen ging unter die Haut, und ihr Klavierspiel reichte von bluesig bis swingend.

T.S. Monk Jr. wacht mit Argusaugen über den Nachlaß seines Vaters. Gleichzeitig gelang es ihm in den letzten Jahren, den Namen Monk erfolgreich zu vermarkten, zum Beispiel durch die Etablierung des Thelonious Monk Talentwettbewerbs in Washington, D.C., als dessen Vorsitzender er fungiert. Daneben ist er auch ein ordentlicher Schlagzeuger, der in diesem Jahr in Den Haag mit seiner Gruppe Monk on Monk dies alles vorzüglich miteinander verband. Heraus kam dabei ein faszinierender Rückblick auf die Musik Monks für größere Besetzungen, wie sie heute nur selten zu hören ist. Als Solisten stachen besonders der Saxofonist Willie Williams und die Sängerin Nnenna Freelon heraus. In der Monk gewidmeten Festivalschiene traten daneben einige Sieger des Talentwettbewerbs auf, die sich inzwischen etabliert haben: Joshua Redman (Tenorsaxofon), Jacky Terrasson (Klavier) sowie die Niederländer Jesse van Ruller (Gitarre) und Michiel Borstlap (Komposition).

Einige der besten Sets lieferten einmal mehr Altmeister der Jazz-Musik. Harmonika-Spieler Jean Toots Thielemans verzauberte den großen PWA Saal mit seinem Duett mit dem ausdrucksstarken niederländischen Pianisten Bert van den Brink. Er teilte sich seinen Set mit Sängerin Dianne Reeves, die ihren besten Moment im Duett mit Thielemans hatte: ‘Besame Mucho’ läßt sich nicht besser darbieten. Pianist Ahmad Jamal hat mit Schlagzeuger Idris Muhammad seinen idealen musikalischen Partner gefunden. Das Zusammenspiel funktionierte traumwandlerisch und führte zu inspirierten Interpretationen, die Jamal mit seinem perkussiven Spiel sehr abwechslungsreich gestaltete.

Schlagzeuger Elvin Jones schien Wynton Marsalis das Feuer zu vermitteln, das man in der Vergangenheit oft an ihm vermißt hat. Jedenfalls blies er seine Trompete höchst gefühl- und temperamentvoll. Die Saxofonisten Teddy Edwards und Houston Person boten begleitet vom Rein de Graaf Trio einen recht altmodischen Sound, der aber dank ihrer swingenden Solos und ihrem überaus kultivierten Saxofonspiel sehr lebendig wirkte.

Zu einem besonderen Genuß wurde der Set von Vibraphonist Milt Jackson und Pianist Hank Jones mit Bassist Ray Drummond und Schlagzeuger Mickey Roker. Selten hat man Jackson so gelöst und fröhlich gesehen wie bei diesem Fest der Ästhetik. Man merkte Jackson und Jones an, daß sie sich lange kennen und schätzen. Sie warfen sich die Bälle zu, freuten sich wechselseitig an ihren Beiträgen und ernteten verdiente Ovationen.

Der junge panamaische Pianist Danilo Perez wurde mit seinem Trio-Set den Lobpreisungen der amerikanischen Presse der letzten Zeit voll und ganz gerecht. Zusammen mit dem vor Energie berstenden Schlagzeuger Jeff Ballard und Bassist Avishai Cohen bot er eine mitreissende Mischung von Monk und Latin, besonders in seiner überragenden Interpretation von ‘Round Midnight’.

Preise und Zufriedenheit

Der Bird Award ging dieses Jahr an Trompeter Clark Terry in der internationalen, an Pianist Jasper van’t Hof in der niederländischen Kategorie und an die Sängerin Greetje Kauffeld als Sonderpreis. Organisator Paul Dankmeijer und sein Team waren mit Recht zufrieden mit ihrem Festival. Es gab allerdings auch kleinere Schwächen. Neben dem oben genannten stärker werdenden Industrieeinfluß und den durch die Menschenmengen ausgelösten Unannehmlichkeiten fiel vor allem eine ungewohnt suboptimale Zeitplangestaltung auf. So waren Jazz-SängerInnen ganz unausgewogen auf den ersten Festivaltag konzentriert. Durch gleichzeitige Beendigung von Sets auf vielen Bühnen kam es an allen Tagen zu vermeidbarem besonderem Gedränge. Doch die Vielzahl herausragender musikalischer Momente ließ den Besucher leicht über diese Unzulänglichkeiten hinwegsehen. Die Zukunft des Festivals ist durch längerfristige Verträge mit Sponsoren und der Stadt Den Haag gesichert. Und der nächste Termin steht auch schon fest: 10.-12.7.1998.

Hans-Bernd Kittlaus