NSJF 2013


North Sea Jazz Festival 2013
3 ausverkaufte Tage in Rotterdam

pdf[1](erschienen 9/2013)

 

Zum ersten Mal seit Jahren war das Port of Rotterdam North Sea Jazz Festival, wie es neuerdings dank eines neuen Sponsors heißt, an allen drei Tagen ausverkauft. Dies war angesichts der Wirtschaftskrise in den Niederlanden besonders bemerkenswert. Es lag vermutlich weniger am immer noch ansehnlichen Jazz-Inhalt des Festivals, sondern primär an dem geballten Star-Aufgebot aus anderen Musikrichtungen von Santana über John Legend bis zu Bonnie Raitt und Sting. Wie immer war auch an großen Jazz-Namen wie Herbie Hancock, Diana Krall, Branford Marsalis oder Ron Carter kein Mangel, und das ideale Festival-Wetter trug ebenfalls zum Gelingen bei.

Der Paul Acket Award ging an die Klarinettistin und Saxofonistin Anat Cohen, gebürtige Israelin, die schon seit Jahren in New York lebt. Nach einem heftig swingenden Gastauftritt mit der Royal Conservatory + Codarts Big Band spielte sie mit ihrem Quartett mit Pianist Jason Lindner moderneren Jazz vermischt mit brasilianischen Stücken von ihrer aktuellen CD „Claroscuro“ (Sunnyside). Mit ihrer überragenden Technik und großen Musikalität führt sie die Klarinette zurück in die erste Liga der Jazz-Instrumente. In den besten Momenten wurde ihr ganzer Körper von den Haar- bis zu den Zehenspitzen zu Musik, eine mitreißende Live-Erfahrung für jeden Zuhörer und inspirierend für ihre Mitmusiker. Terence Blanchard präsentierte das Programm seiner gerade erschienen CD „Magnetic“, das live deutlich spontaner und abwechslungsreicher wirkte als auf der etwas überarrangierten CD. Blanchard steuerte einige gefühlvolle Trompetensolos bei, der junge kubanische Pianist Fabian Almazon zeigte sich immer mutiger in seinen Solos, und Drummer Kendrick Scott erwies sich einmal mehr als meisterlicher Antreiber, der an einen modernisierten Elvin Jones erinnerte. Roy Hargrove hingegen, dessen Karriere seit 25 Jahren mit dem North Sea Jazz Festival verbunden ist, hatte einen schwachen Tag. Sein Trompetenton wirkte dünn und kraftlos, und seine neue Band mit Pianist Sullivan Fortner kam nicht in Schwung. Da war selbst ein unterdurchschnittlich agierender Altsaxofonist Justin Robinson noch ein Lichtblick. So blieb das einzig Bemerkenswerte an dem Set die neue Haarpracht von Hargrove in ihrer Mischung aus Irokesenschnitt und fein ziselierten Rapper-Verzierungen an den Seiten. Dass Robinson mehr leisten kann, bewies er am nächsten Tag im Set mit Schlagzeuger Willie Jones III. Jones spielte sein Schlagzeug recht traditionell, aber es gelang ihm hervorragend, gemeinsam mit Bassist Daryl Hall den rechten Hardbop Groove zu erzeugen, über dem Robinson ebenso brilliant solierte wie Trompeter Eddie Henderson. Der strafte seine fast 73 Lebensjahre Lügen mit seinem ungemein kraftvollen Ansatz und innerem Feuer. Höhepunkt war sein atemberaubendes Solo über den Standard „You Don’t Know What Love Is“. Später am Abend als Mitglied der All Star Band The Cookers blieb er etwas mehr im Hintergrund und überließ die solistischen Höhepunkte den Saxofonisten Billy Harper und Donald Harrison, der als neues Mitglied der Gruppe zwar einige Einsätze verpatzte, aber gute Solos lieferte und stilistisch besser in das Gruppenkonzept passte als sein Vorgänger Craig Handy. Die beiden vorherigen Pianisten in Hargrove’s Band spielten ebenfalls in Rotterdam. Jon Batiste aus der renommierten New Orleans Musikerfamilie bot mit seiner Stay Human Band unterhaltsamen New Orleans Jazz auf hohem musikalischen Niveau, wobei allerdings seine pianistischen Fähigkeiten nur in einigen kurzen Solos aufblitzten. Gerald Clayton kam als Mitglied des NEXT Collective, einer Band der jungen amerikanischen Jazz-Musiker, die das Concord Label unter Vertrag genommen hat. Das Programm des Collective speiste sich aus der gerade vorgelegten CD, wurde aber live wesentlich lebendiger und engagierter dargeboten als auf der Konserve. Die Rhythmusgruppe mit Bassist Ben Williams und Schlagzeuger Jamire Williams sprühte vor Spielfreude und legte einen mitreißend jazzigen Groove unter die mehr oder minder bekannten Pop Stücke. Clayton spielte kreative Solos an Klavier und Keyboard, Matt Stevens’ Gitarre klang gut, aber in der Abmischung zu dominant. An den Saxofonen blieb Logan Richardson recht blass, während Walter Smith III mit seinen intelligenten Solos mit schönem Ton aufhorchen ließ. Trompeter Christian „aTunde Adjuah“ Scott, wie er sich in Anlehnung an seine afrikanischen Wurzeln jetzt nennt, spielte als Gast nur wenige Solos, die seine Ausnahmestellung belegten. Es gab einige spannende programmatische Ansätze. John Zorn durfte zu seinem bevorstehenden 60-sten Geburtstag eine Programmschiene gestalten und tat dies mit einem ähnlichen Programm wie in Moers im Mai. Steve Coleman kuratierte eine Schiene und brachte mit dem Schlagzeuger Doug Hammond einen seiner Lehrmeister nach Rotterdam, der noch die Spiritualität der 60er Jahre in seiner Musik hatte, was nur durch seine schrecklich falsch singende Saxofonistin gestört wurde. Eine weitere Schiene war dem Thema „New Urban Jazz“ gewidmet, was wohl bedeuten sollte, dass unterschiedliche Formen der Annäherung zwischen Jazz und Hip-Hop oder Pop versucht werden.

Die Logik in der Konzeption der neuen Band The Vigil von Chick Corea erschloss sich auch im Live-Auftritt nicht. Da wechselten Corea und Bassist Christian McBride mit einiger Beliebigkeit innerhalb von Stücken zwischen akustischen und elektrischen Instrumenten, da trommelte ein eher avantgarde-orientierter Marcus Gilmore neben einem recht traditionell agierenden lateinamerikanischem Perkussionisten Luisito Quintero, da spielte ein gut aufgelegter Saxofonist Tim Garland neben dem deplaziert wirkenden Nachwuchs-E-Gitarristen Charles Altura. Und das Ganze war deutlich weniger als die Summe seiner Teile. Der gebürtige Mexikaner Antonio Sanchez demonstrierte seine Brillianz am Schlagzeug mit eigener Band mit dem immer besser werdenden englischen Piano-Talent John Escreet, dem einfühlsamen Bassisten Matt Brewer und David Binney, der wesentlich weniger abstrakt spielte als in seinen eigenen Gruppen. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Sanchez und Escreet erzeugte mehrfach knisternde Spannung. Joe Lovano wandelte bei seinem Auftritt mit dem Metropole Orchester unter Vince Mendoza auf Coltrane’s Spuren und widmete sich den Balladen des alten Meisters. Trotz schöner Arrangements, die gekonnt Gebrauch machten von der Klangvielfalt des großen mit Streichern und Big Band besetzten Orchesters, wirkte Lovano ungewohnt uninspiriert. Ganz anders dagegen Kenny Barron mit seinem Klaviertrio. Gemeinsam mit dem nach einem Armbruch vor zwei Jahren wiedererstarkten George Mraz am Bass und dem höchst dynamisch und melodisch spielenden Schlagzeuger Lewis Nash bot Barron die hohe Schule des Trios mit „Softly As In a Morning Sunrise“ als Highlight und „Second Thoughts“ als Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Pianisten Mulgrew Miller, der North Sea im Laufe der Jahre einige Sternstunden beschert hatte. Bassist Ron Carter gab zum Abschluss des Festivals ein Konzert mit der WDR Big Band unter Dennis Mackrel, das brilliante Arrangements von Carter Kompositionen mit gutem Ensemble-Spiel der Band und inspirierten Solos von Carter und einigen Band-Mitgliedern verband.

Jan Willem Luyken und sein Organisationsteam konnten den großen wirtschaftlichen Erfolg des Festivals feiern. Zwar wurde der Eintrittspreis stabil gehalten, aber die Gastronomiepreise (an denen die Festivalorganisation kräftig mitverdient) stiegen auf grenzwertige Höhen, und das Programm wurde quantitativ weiter ausgedünnt, d.h. die Besucher hören im Mittel ein bis zwei Gruppen pro Tag weniger als vor einigen Jahren. Dieses Rezept wird nicht beliebig fortsetzbar sein. Das nächste Festival ist vom 11. bis 13. Juli 2014 geplant.

Hans-Bernd Kittlaus