NSJF 1999


North Sea Jazz Festival 1999
North Sea ’99: Den Haag im Sonnenschein

pdf[1](erschienen 9/1999)

 

Vielleicht lag es an dem traumhaften Sommerwetter, daß das North Sea Jazz Festival in der Zuschauerzahl ganz knapp unter der Kapazitätsgrenze blieb. Aber mit 68500 Zuschauern in drei Tagen konnten die Organisatoren hochzufrieden sein. Auch in der 24sten Ausgabe begeisterte das Festival mit einem in Europa unerreicht breiten Querschnitt von Jazz und jazznaher Musik.

Etablierte Stars

Wie immer war das Den Haager Progamm voll von klangvollen Namen. Das reichte von Al Jarreau, Oleta Adams, David Sanborn und Elvis Costello im Pop-orientierten Bereich über die Soul Stars Wilson Pickett und Al Green und die Blues Jung- und Altstars Jonny Lang und B.B. King bis in den Jazz im engeren Sinne zu Chick Corea und Herbie Hancock, dessen Versuch, die Musik seiner exzellenten CD ‘Gershwin’s World’ live darzubieten, von vornherein zum Scheitern verurteilt war, da die Qualität und Vielfalt der CD (u.a. mit Stevie Wonder, Joni Mitchell und Kathleen Battle) auch bei bestem Willen nicht mit der holländischen Sängerin Trijntje Oosterhuis zu reproduzieren war, auch wenn die holländischen Zuschauer ihr in lokaler Verbundenheit heftig applaudierten.

Schlagzeuglegende Max Roach konnte dieses Jahr den Bird Award entgegennehmen, der ihm letztes Jahr verliehen worden war. Er bedankte sich mit einem eindrucksvollen Solo Set und einem unverstärkten Konzert seines Brass Quintet, in dem Posaunist Delfeayo Marsalis zeigte, daß er das Zeug hat, aus dem Schatten seiner Brüder Wynton und Branford herauszutreten, und der junge Trompeter Rod McGaha neben Cecil Bridgewater mit durchdachten Solos glänzte. Während der Mittsiebziger Roach sich in hervorragender körperlicher Verfassung präsentierte, konnte sich der nur wenig ältere Trompeter Clark Terry sich nicht mehr ohne Hilfe auf der Bühne bewegen. Sein Sound auf dem Flügelhorn erwies sich aber nachwievor als warm und kräftig und seine Entertainer-Qualitäten demonstrierte er als Sänger mit ‘Squeeze Me’. Ein anderer alter Herr, Mundharmonikaspieler Toots Thielemans, zeigte sich in Top-Form im Duo mit Pianist Kenny Werner. Hier hatten sich zwei verwandte Seelen gefunden. Die beiden erforschten die Schönheit der Musik, wobei Ivan Lins’ ‘The Island’ zum besonderen Höhepunkt geriet. Am Schluß pfiffen die Zuschauer mit Toots seine Komposition ‘Bluesette’, seine Rentenversicherung, wie er es nannte.

Dianne Reeves ist inzwischen zum Stammgast in Den Haag geworden, und es macht Spaß, ihre Entwicklung über die Jahre zu beobachten. Sie hat nicht nur ihre stimmlichen und musikalischen Fähigkeiten stetig weiterentwickelt, sie zeigte darüber hinaus eine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz, die auch den hintersten Platz im großen Konzertsaal des Den Haager Kongreßzentrums noch erreichte. Damit fiel das musikalisch schwächere Pop-Material ihrer neuesten CD ‘Bridges’ nicht so ins Gewicht, das den überwiegenden Teil ihres Sets ausmachte. Höhepunkt war ein ausdrucksstarkes ‘Yesterdays’ mit Tenorsaxofonist Joe Lovano als Gast. Am Schluß des Sets stieg schließlich noch Dianne Reeves’ Cousin George Duke am Klavier ein. Eine weitere überzeugende Gesangsdarbietung kam von Abbey Lincoln, die mit Bobby Hutcherson an Vibrafon und Marimba und Pianist Marc Cary exzellente Solisten dabei hatte und auf bewegende Weise den Geist Billie Holidays aufleben ließ.

Die Besetzung des David Murray Tentet las sich wie in Who’s Who des modernen Jazz. Herausragend waren vor allem Flötist James Newton, Hamiet Bluiett am Baritonsaxofon, Craig Harris an der Posaune und David Murray selbst an Tenorsaxofon und Baßklarinette. Sie konzentrierten sich auf ein abwechslungsreiches Ellington Programm, das allerdings in den Ensemble-Passagen einige zusätzliche Proben hätte brauchen können. Das All Star Quintet von Benny Golson machte seinem Namen alle Ehre. Am Flügel swingte Mike LeDonne, Buster Williams am Baß und Carl Allen am Schlagzeuger hatten gute solistische Momente, und mit Curtis Fuller an der Posaune hatte Golson einen alten Weggefährten an der Seite, der wegen seines Hüftleidens lange nicht mehr in Den Haag zu sehen war.

Die nächste Generation

Pianist Benny Green kam in diesem Jahr im Trio mit Bassist Christian McBride und Gitarrist Russell Malone. Die drei zeigten harmonisches Zusammenspiel und brillierten jeweils in dem einen oder anderen Solo, aber insgesamt war das Ganze arg brav, mehr kammermusikalisch als bluesig. Tenorsaxofonist Joshua Redman ist auf der Suche nach seinem neuen Sound. Mit seinem frischen Bebop voll jugendlicher Energie war er Anfang der 90er Jahre zu großer Popularität gekommen. Die schon auf seinen letzten CDs zu spürende Neuorientierung zeigte sich auch live. Die stärkere Betonung von Form und Arrangement ist allerdings noch nicht zu einem harmonischen Ganzen mit Drive und Spielfreude gereift. Vielleicht bekam Joshua Redman dazu Anregungen vom Joris Teepe Quartet, einer der erfreulichen Überraschungen des Festivals, das Redman gleich nach seinem Set als Zuschauer besuchte. Teepe, Bassist und Komponist holländischer Herkunft mit Wohnsitz New York, präsentierte eine exzellente Band mit dem Tenorsaxofonisten Chris Potter, dem Pianisten Aaron Goldberg und dem spanischen Drummer und Perkussionisten Marc Miralta. Teepes Kompositionen waren Ausgangspunkt für grandiose Solos von Potter, der Struktur und Ausdruckskraft auf meisterliche Weise zu verbinden wußte. Seine chronische Gehörerkrankung scheint ihn glücklicherweise nicht merklich in seiner Entwicklung zu behindern. Hinter Potter brauchten sich die anderen Bandmitglieder nicht zu verstecken. Der zunächst zurückhaltend wirkende Goldberg steigerte sich in fulminanten Solos, Miralta zeigte sich nicht nur als kreativer, Akzente setzender Schlagzeuger, sondern begeisterte auch mit dem ungewöhnlich schönen Sound seiner Congas.

Stefon Harris gilt als die große Nachwuchshoffnung am Vibrafon. Er kommt aus dem Umfeld des Tenorsaxofonisten Greg Osby, den er auch als Gast dabei hatte und mit dessen Trio mit Pianist Jason Moran er auftrat. Harris erwies sich als virtuoser Spieler, der sich aber von seinen „Vorfahren” Milt Jackson und Bobby Hutcherson insofern absetzte, als für ihn weniger der melodiebetonte Wohlklang seines Instruments im Vordergrund stand, sondern der Gruppenklang. Greg Osby blieb etwas blaß bei diesem Auftritt. Ein anderer junger Musiker, der in letzter Zeit für Schlagzeilen in USA sorgte, ist Kyle Eastwood, der Sohn des jazzbegeisterten Schauspielers Clint Eastwood. Kyle spielt Baß und kam mit einer exzellent besetzten Gruppe nach Den Haag. Am Schlagzeug hatte er Yoron Israel, der lange Zeit bei Ahmad Jamal spielte und in Den Haag höchst dynamisch trommelte, am Klavier Jon Regen, einen jungen Swinger, an der Trompete den feurigen Jim Rotondi und am Tenor statt des angekündigten Eric Alexander Craig Handy, der sein starkes Blues Feeling einbrachte. Eastwood selbst mußte auf den E-Baß ausweichen, da sein Upright von der Airline versehentlich nach Paris transportiert worden war, doch das hinderte ihn nicht, neben seinen Kompositionen auch solide Bass Lines und gute Solos beizusteuern. Natürlich hilft ihm sein prominenter Name beim Karrierestart, aber der North Sea Auftritt zeigte, daß hier ein Talent heranwächst, das Beachtung verdient.

Rare Meister

Die North Sea Organisatoren haben es schon seit Jahren immer wieder geschafft, Musiker nach Den Haag zu holen, die zur Creme der amerikanischen Jazz Community gehören, aber nur selten in Europa zu sehen sind. So war die Sängerin Marlena Shaw schon letztes Jahr in Den Haag mit einer Tribute to Ella All Star Band. Dieses Jahr kam sie mit ihrem eigenen Pianisten und Arrangeur, dem jungen David Hazeltine, und der überzeugenden holländischen Rhythmusgruppe von Bassist Hein van de Geyn (früher bei Dee Dee Bridgewater) und Drummer Hans van Oosterhout. Sie sang inspiriert Standards, wobei sie risiko- und erfolgreich improvisierte, sich vorzüglich mit Hazeltine duellierte und in ‘Go Away Little Boy’ mitreißend in bester afro-amerikanischer Tradition eine Geschichte erzählte. Adam Makowicz, der in USA lebende Pianist polnischer Herkunft, war ein Darling der amerikanischen Jazz Szene der 80er Jahre. Danach wurde es ruhiger um ihn. In Den Haag bewies er im Trio mit den Ellington Veteranen Bassist Jimmy Woode und Drummer Louie Bellson, daß er nichts von seiner klassisch geprägten Virtuosität verloren hat. Das Programm war Ellington gewidmet, doch Makowicz fügte nahtlos zwei Chopin Stücke solo ein. Während Woode höchst lebendig den Baß zupfte, stimmte der Anblick von Louie Bellson traurig. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, nur das riesige Schlagzeug Set mit den Initialen LB darauf, hinter dem der schmächtige alte Mann fast unsichtbar wurde, erinnerte noch daran, daß er als einer der besten Schlagzeuger der Jazz Geschichte galt.

Zu einem besonderen Genuß wurden die vier Duo Sets von Pianist Sir Roland Hanna und Sängerin Helen Merrill, in denen Hanna jeweils die erste Hälfte solo bestritt. Unter seinen Händen wurde der Flügel zum Orchester, sang von den tiefsten Bässen bis zu den höchsten Höhen. Er spielte dreimal Ellingtons ‘In a Mellow Tone’, jedesmal völlig anders, aber immer faszinierend. Helen Merrill kann auf eine fast 50-jährige Karriere zurückblicken, in der sie mit ihrer vibratolosen coolen Stimme bei Musikern immer sehr geschätzt war, interessante Alben u.a. mit Clifford Brown, Gil Evans oder Stan Getz aufnahm und doch in Europa keine allzu hohe Bekanntheit erreichte. In Den Haag wirkte ihre Stimme am ersten Tag recht brüchig, wurde am zweiten Tag besser und bezauberte das Publikum im kongenialen Zusammenspiel mit Hanna, insbesondere mit ‘Sometimes I Feel Like a Motherless Child’. Die CD, die die beiden bereits eingespielt haben und die Anfang 2000 erscheinen soll, kann man mit Vorfreude erwarten.

Konzepte eines Festivals

Bei einem so erfolgreichen Festival wie North Sea ist es für die Organisatoren nicht einfach, notwendige Weiterentwicklungen voranzubringen, ohne die wesentlichen Erfolgsfaktoren zu gefährden. Darin bewiesen Theo van den Hoek und sein Team auch dieses Jahr wieder ein gutes Händchen, auch wenn nicht alle Neuerungen optimal funktionierten. So führte der sinnvolle Einbezug der Lobby des Dorint Hotels in die Festival-Räumlichkeiten nicht nur zu Problemen für die Zugangskontrolle (wie man sich eigentlich vorher hätte denken können), sondern auch zu Staus im Eingangsbereich durch den ungünstigen neuen Standort einer der 15 Bühnen. Erfreulich hingegen ist die Zusammenarbeit mit IAJE, der International Association of Jazz Educators, die viel Beachtung durch ihre jährliche Konferenz in USA gefunden hat und ihre Aktivitäten auf Europa ausdehnen will. IAJE war beteiligt an den Workshops, in denen Meister wie Elvin Jones oder Benny Golson ihre Erfahrungen weitergaben.

Die wachsende Zahl von Jazz Preisen ist zwar schön für die Geehrten, insbesondere wenn damit neben der Ehre auch Geld und/oder Auftrittsmöglichkeiten verbunden sind, nimmt aber inzwischen schon inflationäre Züge an. So wurde in Den Haag nicht nur der Bird Award verliehen (in der internationalen Kategorie an Cecil Taylor, der in seinen Sets erneut sein unerschöpfliches Improvisationsvermögen demonstrierte, in der niederländischen Kategorie an Henk Meutgeert, den Leiter des Jazz Orchesters des Amsterdamer Concertgebouw, und als Sonderpreis an den Radioproduzenten Dick de Winter), sondern auch der Edison Jazz Award, das niederländische Pendant zum amerikanischen Grammy (Lifetime Achievement Award an Herbie Hancock, international an Tuck and Patti, niederländisch an den jungen Trompeter Eric Vloeimans). Eine solche Ansammlung von Preisen erscheint kontraproduktiv, bekommt der einzelne Preisträger doch damit zwangsläufig nicht mehr das Maß an Aufmerksamkeit, das eigentlich mit der Auszeichnung verbunden sein sollte.

Die Zahl der Jam Sessions ist gegenüber den Vorjahren deutlich gewachsen. Das fand großen Zuspruch beim Publikum, sofern die Teilnehmer der Sessions vorher angekündigt waren, z.B. bei der ‘Tribute to Jazz at the Philharmonic’ Session mit dem Trompeter Nicholas Payton oder bei der Abschluß Party Jam mit Saxofonist Courtney Pine. Die IAJE Jam Sessions hingegen zeigten, daß größeres Publikum nur kommt, wenn klar ist, wer (eventuell mit Überraschungsgästen) spielt. Ein weiteres Kommunikationsproblem stellten auch dieses Jahr Programmänderungen dar. Diese wurden zwar über das Monitorsystem des Festivals kommuniziert, aber versteckt zwischen einem Wust von Hinweisen auf planmäßig laufende Veranstaltungen. Besucher wollen aber aktuelle Änderungen auf einen Blick sehen können und nicht drei Minuten vor einem Monitor stehenbleiben, weil eventuell eine aktuelle Änderung eingeblendet werden könnte.

Gut kam die wachsende Zahl von Programmschienen an wie etwa ‘South African Stage’ oder ‘Spinning Wheels’, auch wenn die Organisatoren mit Bezeichnungen wie ‘World Sounds’ oder ‘Hepcats’, die nur Beliebigkeit versprachen, etwas übers Ziel hinausschossen. Insgesamt war North Sea ’99 ein Festival, das auch im übertragenen Sinne im Sonnenschein stand. Man darf gespannt sein auf das 25-ste North Sea Jazz Festival vom 14. bis 16. Juli 2000, für das die Organisatoren ein besonders attraktives Programm versprachen.

Hans-Bernd Kittlaus