JazzTube Bonn 2017


Jazz im Untergrund

pdf[1] (erschienen im Jazz Podium 12/2017)

© SWB JazzTube Bonn – Meike Boeschemeyer 2017

Mary & The Poppins by © Meike Boeschemeyer 2017

Seit 2012 belebt in jedem Sommer die JazzTube-Konzertreihe einige Bonner U-Bahn-Stationen mit Jazz und jazz-naher Musik live. 2017 traten insgesamt 15 Bands an fünf verschiedenen Tagen auf. Organisator Thomas Kimmerle erläutert das Konzept: “Als die Stadtwerke Bonn als Betreiber des Bonner Nahverkehrs mit der Idee auf mich zukamen, war ich gleich begeistert. Die Auftritte in den U-Bahn-Stationen sorgen dafür, dass auch Passanten, die zufällig vorbeikommen, Jazz erleben und vielleicht einen neuen Eindruck von der Kraft der Musik bekommen, der ihr vorheriges Bild positiv verändert. Deshalb ist über alle Stilgrenzen hinweg die Qualität der Musik für mich das wichtigste Kriterium bei der Auswahl der Bands.“ Der Essener Saxofonist Jakob Jentgens beschreibt seine Erfahrung so: “Das Publikum setzte sich aus Jazz Fans, die gezielt zu unserem Konzert kamen, und Passanten, die zufällig auf die Veranstaltung aufmerksam wurden, zusammen. Das hat mir gut gefallen. Der Sound war trotz des halligen Raums sehr angenehm.“ Auch der Kölner Pianist Jerry Lu mag die Idee: “Ich musste natürlich Keyboard statt Klavier spielen. Aber der Sound meines Sextetts war okay, und die Atmosphäre super.“

Mit der Konzertreihe ging eine Abstimmung per SMS einher, bei der Teilnehmer bis zu einem Stichtag ein bis drei Sterne für eine Band vergeben konnten. Die drei Bands mit den meisten Sternen wurden dann zum Abschlusskonzert eingeladen. Dieser Mechanismus wird von manchen beteiligten Musikern durchaus kritisch gesehen. Trompeter Peter Protschka meint dazu: “Wettbewerbe und Abstimmungen schaffen zwar erhöhte Aufmerksamkeit, aber sind doch zweifelhaft. Diese Abstimmung bevorzugt lokale Bands, die Friends und Family aktivieren, selbst wenn diese gar nicht beim Konzert waren.“ Jakob Jentgens, dessen Sextett die meisten Sterne bekam, bestätigt das: „Meine Bandmitglieder und ich studieren zwar alle in Essen, haben aber zu einem großen Teil eine Zeit in Bonn gelebt. Sicher haben unter anderem auch einige unserer Freunde und Bekannte mit abgestimmt, die uns gerne beim Abschlusskonzert hören möchten.“ Jerry Lu würde auf solch ein Voting lieber verzichten: “Eine Abstimmung erweckt den Eindruck, als würden die besten Auftritte ausgewählt. Das ist aber bei diesem Verfahren gar nicht der Fall.“ Gelassener sieht das Thomas Kimmerle: “Das Voting ist keine Bewertung der Auftritte der Bands. Es soll die oft jungen Musiker dazu anregen, sich über JazzTube hinaus aktiv um ihre Fans zu kümmern und regelmäßig mit ihnen zu kommunizieren.“

Das Abschlusskonzert wurde 2017 erstmalig in ein dreitägiges Festival eingebunden, das im Pantheon Bonn stattfand und mit insgesamt über 600 Besuchern auf reges Publikumsinteresse stieß. Am ersten Abend spielten die drei „Punktsieger“. In der Band The Klezmer Tunes um Klarinettist Dimitri Schenker sorgte Gitarrist und Sänger Mike Rauss für modernere Elemente. Das jentgens6tett präsentierte Straight Ahead Jazz in Anlehnung an Art Blakey’s Jazz Messengers, konnte sich aber erst gegen Ende ihres Auftritts freispielen. Die Vokal-Gruppe Mary & The Poppins verband Pop-orientiertes Singer-Songwriting mit Klassik- und Jazz-Klängen. Bei der After-Show Party sorgte Jerry Lu mit seinem Klaviertrio für gute Stimmung und einen Straight Ahead Ausklang auf hohem Niveau.

Der zweite Festival-Abend begann mit einer weiteren jungen Band um den Pianisten Andreas Theobald. Das Quintett Confluence besteht im Nukleus aus den WDR Big Band Musikern Andy Hunter, Posaune, Johan Hörlen, Saxofone, und John Goldsby, Bass. Dazu kamen der exzellente New Yorker Schlagzeuger Adam Nussbaum sowie der Vibraphonist Tim Collins. Gemeinsam stellten sie das Programm ihrer neuen CD mit Straight Ahead Jazz vom Feinsten vor. Den dritten Abend bestritten die ausdrucksstarke Sängerin Tamara Lukasheva mit ihrem Quartett, das in diesem Jahr bereits den Neuen Deutschen Jazz Preis gewonnen hatte, und triosense, das Klaviertrio um Pianist Bernhard Schüler, der mit seiner melodischen eingängigen Musik demonstrierte, warum triosense eine der größten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre im deutschen Jazz geschrieben hat. Im Sommer 2018 wird JazzTube fortgeführt.

Hans-Bernd Kittlaus 05.11.17
https://jazz-tube-bonn.de/