Jazz Cruise 2012


Mainstream Jazz in der Karibik

pdf[1](erschienen 04/2012)

Ende Januar, wenn die Wetterverhältnisse in Deutschland eine Flucht in wärmere Gefilde nahelegen, startet von Fort Lauderdale in Florida aus die Jazz Cruise in die Karibik, eine einwöchige Kreuzfahrt mit einem erlesen besetzten Jazz Festival an Bord. Doch Kurzentschlossene seien gewarnt: Dieses Mal waren die 1800 Plätze schon im August 2011 ausgebucht. Das Programm war bewusst eng auf Mainstream Jazz amerikanischer Prägung fokussiert, also keine avantgardistischen Experimente, sondern verlässlich zugängliche Musik, bei der der individuelle Sound der Musiker im Vordergrund stand. Die Stationen der einwöchigen Reise – Aruba, Curacao und Bahamas – waren für die weitaus meisten Passagiere nur eine nette Beigabe, aber nicht die Motivation für die Teilnahme.

Mount Rushmore

Ein wichtiger Programmpunkt der Jazz Cruise sind einige Elder Statesmen der Jazz- Geschichte, von den Festivalorganisatoren in Anlehnung an die Skulptur amerikanischer Präsidentenköpfe auch Mount Rushmore genannt. Dieses Mal spielten in dieser Kategorie der Sänger und Pianist Freddie Cole, der gewohnt souverän amerikanische Standards zelebrierte und als eindrucksvollen Solisten den jungen Gitarristen Randy Napoleon dabei hatte. Cole genoss sichtlich die Ehrerbietung, die ihm nicht nur vom Publikum, sondern auch von den anderen Musikern an Bord gezollt wurde. Tenorsaxofonist Houston Person ist ein persönlicher Favorit der Gründerin der Jazz Cruise, Anita Berry, und war auf allen bisherigen Jazz Cruises dabei. Mit seiner exzellenten Band mit Pianist John Di Martino, Bassist Matthew Parrish und Schlagzeuger Alan Chip White stellte Person seinen wundervollen blues-getränkten Saxofon Sound in den Dienst der Standards. Benny Golson hat selbst eine Reihe von Standards von „I Remember Clifford“ bis „Stablemates“ geschaffen und wurde dafür in einem Tribute Konzert geehrt, von dem vor allem „Killer Joe“ – von fünf Flötisten intoniert – in Erinnerung blieb. In den Konzerten mit seinem Quartett mit Mike LeDonne, Buster Williams und Carl Allen begeisterte Golson mehr mit seinen Anekdoten als mit seinem Saxofonspiel. Jimmy Heath hingegen erwies sich mit seinen 85 Jahren als noch immer großartiger Solist auf dem Tenorsaxofon, was er mehrfach mit den Heath Brothers unter Beweis stellte, seiner Gruppe mit Schlagzeugbruder „Tootie“ und den immer besser werdenden „Youngsters“ Jeb Patton am Klavier und David Wong am Bass.

Herausragende Konzerte

An den Tagen, an denen die M/S Westerdam auf See war, begann das Live Programm schon um 10 Uhr morgens und ging täglich nahezu durchgängig auf bis zu vier Bühnen bis nach Mitternacht. Die festen Bands traten jeweils viermal in sieben Tagen auf, dazu gab es zehn individuell zusammengesetzte All Star Gruppen, die jeweils nur einmal auftraten, und eine Reihe von Sonder-Konzerten von einer Gospel Show bis zur Klavier Show mit zehn Spitzenpianisten im großen Theater, die eigens für die Kreuzfahrt gestaltet wurden. Trotz des insgesamt hohen Niveaus ragten einige Musiker heraus. Der Posaunist Wycliffe Gordon brillierte mit seinem Sound und seiner Virtuosität, an die selbst der wahrlich eindrucksvolle John Allred nicht heranreichte. Gordon verfügt über Growl-Töne, die jede Session beleben. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Sängerin Niki Haris, und Saxofonist (und Prediger) Kirk Whalum – dessen Band wohl als Werbung für die Smooth Jazz Cruise gedacht war – machte er aus der Gospel Show eine spirituelle Erfahrung. Die in New York lebende junge Israelin Anat Cohen quoll über vor musikalischem Einfallsreichtum und ansteckender Begeisterung für die Musik. Auf ihrem Erstinstrument, der Klarinette, kreierte sie atemberaubende Sounds mit einem verblüffenden Dynamikspektrum, womit sie Klarinettist Ken Peplowski locker in den Schatten stellte. Der Trompeter Terell Stafford spielte mit einem Feuer, das an die besten Tage Freddie Hubbards erinnerte, und trug wesentlich zu einer der besten festen Bands bei, den Clayton Brothers. Bassist John und Saxofonist Jeff Clayton wurden in die Hall Of Fame der Jazz Cruise aufgenommen und bedankten sich mit inspirierten Hardbop-orientierten Sets, zu denen auch John’s Sohn, der Pianist Gerald Clayton, mitreissende Soli beisteuerte. Pianistin Renee Rosnes überraschte mit ihren energiegeladenen harmonisch herausfordernden Läufen und zelebrierte die hohe Kunst des Klavierduos mit ihrem Ehemann Bill Charlap, der auch im Trio mit Bassist Peter Washington und Schlagzeuger Kenny Washington demonstrierte, dass er zur ersten Garde der Jazz Pianisten unserer Zeit gehört. Jeff Hamilton erwies sich in seinem Trio als überragender Swinger, der Pianist Tamir Hendelman immer wieder zu virtuosen Soli über dem soliden Bassgerüst des deutschstämmigen Christoph Luty anregte. Der zweite deutsche Bassist an Bord, Martin Wind, der wie viele Musiker sein Familie mitgebracht hatte, gehörte mit Pianist Ted Rosenthal und Schlagzeuger Tim Horner zum großartigen Trio der Sängerin Ann Hampton Callaway, die mit ihrer bestens geschulten Stimme überzeugte und mit amerikanischem Entertainment unterhielt. Sie hatte ebenso wie der gewohnt souveräne Kurt Elling großen Publikumserfolg, obwohl beide stilistisch eher am Rande des engen Spektrums der Jazz Cruise lagen. Etwas enttäuschend war, dass John Fedchock es als Leiter der All Star Big Band nicht schaffte, aus Musikern wir Trompeter Randy Brecker, Posaunist John Allred, Saxofonisten Dick Oatts, Pete Christlieb und Jerry Dodgion und Schlagzeuger Butch Miles eine wirklich stimmige Band zu formen. Da agierte Pianist Shelly Berg als Music Director der Cruise glücklicher, gelangen ihm doch eine Reihe von überzeugenden Shows.

Erfolgsrezept

Das Erfolgsrezept der Cruise liegt nicht zuletzt in der klaren Differenzierung zu der Vielzahl von Jazz Festivals an Land überall auf der Welt. Die Mehrzahl dieser Festivals muss den überwiegenden Teil ihres Publikums in der jeweiligen Region finden. Deshalb bieten die meisten Festivals einen breiten Stilmix, um mit den einzelnen Veranstaltungen Leute mit unterschiedlichen Vorlieben anzusprechen, von Traditional über Mainstream bis Avantgarde, Pop, Rock , Blues , Fusion etc. Jazz Cruise Organisator Michael Lazaroff verfolgt den gegenteiligen Ansatz, d.h. die Zielgruppe ist über die ganze Welt verteilt mit Schwerpunkt in Nordamerika und wird mit einem recht eng definierten Ausschnitt aus dem Spektrum der Jazz Stile angesprochen. Für die Jazz Cruise ist das Straight Ahead Mainstream Jazz. Daneben werden noch andere Kreuzfahrten für Jazz oder andere Musikrichtungen angeboten, etwa die Smooth Jazz Cruise oder die Soultrain Cruise, die stilistisch jeweils ähnlich eng ausgerichtet werden. Das Konzept hat über die letzten 10 Jahre zu einem Boom geführt mit Lazaroff als Marktführer, der den Vorteil hat, dass er Schiffe komplett chartert und füllt, während die Konkurrenten zumeist nur einen Teil normaler Kreuzfahrtschiffe füllen, d.h. die Jazz Fans und Musiker sind dort nicht unter sich. Obwohl das Durchschnittsalter des Jazz Cruise Publikums um die 70 liegen dürfte, machen sich Lazaroff wie auch Branchenexperten wie der Herausgeber der Jazz Times, Lee Mergner, keine Sorgen über die Zukunft des Jazz bzw. der Jazz Cruises. Sie sehen in der großen Zahl der Absolventen der Musik(hoch)schulen die Besucher von morgen, eine pragmatische amerikanische Sicht, die heutige Musikstudenten eher als Desillusionierung empfinden werden. Die nächste Jazz Cruise soll vom 27. Januar bis 3. Februar 2013 stattfinden und ist bereits zu mehr als 60% von den diesjährigen Teilnehmern gebucht. Vielleicht ist der 94-jährige Harvard-Absolvent auch wieder dabei, der so lebhaft von den Konzerten der legendären Big Bands der 30er Jahre erzählte. Gebucht hat er schon.

Hans-Bernd Kittlaus Februar 2012