Simon Nabatov


Die Freiheit sich selbst zu überraschen

pdf[1] (erscheint im Jazz Podium 11/2016)

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© Andrey Lysikov


Das Thad Jones / Mel Lewis Orchestra spielt “Mornin‘ Reverend“. Satte Bläsersätze – 1966 im Village Vanguard aufgenommen (Resonance Records). Simon Nabatov singt lauthals mit. “Die Band spielte 1972 in Moskau. Mein Vater hatte irgendwie Karten bekommen und ich durfte mit. Das war ein einschneidendes Erlebnis für mich. Mit diesem Konzert und dem von Duke Ellington ein Jahr zuvor begann meine Liebe zum Jazz.“ Der Jazz hat Simon Nabatov nie mehr losgelassen. Inzwischen lebt der Pianist und Komponist seit 26 Jahren in Köln und wird von vielen Musikern und Fachleuten als der kompletteste der in Deutschland lebenden improvisierenden Pianisten betrachtet.

Vor kurzem erschien Nabatovs neue CD “Picking Order“ (Leo Records), die erste Aufnahme des Simon Nabatov Trios seit langer Zeit. “Ich hatte schon früher Trios, zuerst mit Ed Schuller und John Betsch, später mit Mark Helias bzw. Drew Gress am Bass und Tom Rainey am Schlagzeug. Wir haben längere Zeit regelmäßig zusammengespielt und auch CDs aufgenommen. Später leitete ich ein Trio mit Ernst Reijseger und Michael Vatcher. Danach habe ich mit Formationen mit allen möglichen Instrumentierungen gearbeitet, aber erst jetzt hatte ich wieder Lust, zur klassischen Trio-Instrumentierung zurückzukehren. Dazu suchte ich junge Musiker, die mich inspirieren und auch ein wenig antreiben könnten. Ich habe mich ganz systematisch in Köln umgesehen. Hans-Martin Müller vom Loft gab mir schließlich den entscheidenen Hinweis auf Stefan Schönegg und Dominik Mahnig. Die habe ich mir dann mit ihrer Band “Die Fichten“ (mit Saxofonist Leo Huhn) angehört und wusste sofort, das könnte passen.“ Bassist Stefan Schönegg betrachtet es “als besondere Ehre, mit Simon im Trio spielen zu können. Er hat so eine Übersicht und Klarheit in dem, was er musikalisch macht und will. Wir können da viel lernen. Gleichzeitig akzeptiert er uns aber auch in dem, was wir einbringen. Dominik Mahnig und ich spielen ja schon seit einigen Jahren zusammen und haben so einen etwas verspielten Ansatz entwickelt, wo wir uns frei aus ganz unterschiedlichen Stilen bedienen. Das passt richtig gut mit Simon’s Ansatz zusammen. Simon hat für die CD durchkomponierte Stücke mitgebracht, für einige waren nur Skizzen da. Innerhalb dieser Vorgaben hatten wir große Freiheiten.“ Simon Nabatov ging mit durchdachtem Konzept in die Aufnahmesession: “Ich habe gezielt für das Trio mit Stefan und Dominik komponiert. Wichtig war mir besonders die Dramaturgie der einzelnen Stücke.“ Schlagzeuger Dominik Mahnig, Schweizer in Köln, hatte vor dieser Aufnahme bereits 2014 an der Aufnahme Nabatovs mit dem New Yorker Bassisten Mark Dresser mitgewirkt (“Equal Poise“, Leo Records): “Das war eine tolle Erfahrung mit diesen beiden Meistern. Aber mit Stefan bin ich schon seit Jahren vertraut. Das hat sofort gut gepasst zusammen mit Simon. Das Trio ist sehr dynamisch und bietet uns viel Freiraum, obwohl Simon ganz klare Vorstellungen vom Klang hat. Was mich am meisten an Simon beeindruckt, ist diese unfassbare musikalische Übersicht.“

Die Wurzeln von Nabatovs heutiger Meisterschaft liegen in seiner Lebensgeschichte: “Ich wurde 1959 als Semyon Leonidowitsch Nabatov in Moskau geboren und bin dort aufgewachsen. Mein Vater war Musiker, gelernter Chordirigent, aber er arbeitete überwiegend als Akkordion-Spieler in Entertainment Bands, oft in sehr schicken Locations. Mein Vater war ein totaler HiFi-Freak. Er steckte jeden freien Rubel in seine Anlage und in Schallplatten. In seiner Sammlung war viel Jazz, aber auch andere Arten amerikanischer Musik. Das war damals nicht so einfach in Moskau, an solche Platten ranzukommen. Ich war das einzige Kind meiner Eltern. Mein Vater wollte, dass ich Musiker werde. Mit drei Jahren bekam ich bereits Geigenunterricht, mit vier begann der Klavierunterricht. Natürlich nur Klassik, harte Moskauer Schule. Man vermutete Talent in mir. Mein Vater achtete sehr darauf, dass ich regelmäßig und viel übte. Und ich spielte gern – meistens jedenfalls. Mit 11 Jahren fing ich dann an zu improvisieren. Das kam ganz natürlich. Ohne konkrete Anlehnung an irgendeine Musikrichtung, noch bevor ich den Jazz für mich entdeckte. Dieser intuitive Zugang zur Improvisation ist vermutlich der Grund, warum ich bis heute immer gern unterschiedliche Musikrichtungen und -stile in meinen Improvisationen zusammenfüge. In den 1970er Jahren beschäftigte ich mich parallel zu meinem Klavierunterricht dann intensiver mit Jazz. Damals reichte das Spektrum in Moskau von Stride bis Bebop, neuere Stile gab es kaum. Ich lernte damals, in allen diesen alten Stilen zu spielen. Ich komponierte auch sehr viel. Ab 1975 studierte ich bewusst Jazz. Vladimir Danilin, ein begnadeter Jazz Pianist und Akkordionist und Stride-Piano Experte, war in dieser Phase ein wichtiger Lehrer für mich.“

Dann kam ein Umbruch in Nabatovs Leben. Als russische Juden entschieden sich seine Eltern und er für die Auswanderung nach USA. 1979 war es so weit – Umzug nach New York. “Das war eine schwierige Zeit. Man durfte damals aus der Sowjetunion keinerlei eigene Manuskripte mitnehmen. Ich musste also meine kompletten Kompositionen zurücklassen. Meine Eltern versuchten, die Noten über Freunde nach USA zu schmuggeln. Aber die kamen nie in New York an. Ich wollte mich eigentlich in Juilliard für Komposition anmelden. Das ging jedoch nicht ohne Vorlage von Kompositionen. Also bewarb ich mich für Klavier und wurde angenommen. Die Juilliard Ausbildung war damals rein klassisch. Bassist Lindsay Horner, Trompeter Wynton Marsalis und ich waren die einzigen Studenten, die auch Jazz spielen konnten und wollten. Wynton und ich haben damals viel zusammen gejammt, besonders wenn Branford Marsalis aus Boston runterkam, der in Berklee studierte. Wynton nannte mich immer ‘Rasputin‘. Er hatte damals schon seinen Masterplan und war sehr konservativ. Wir gerieten uns öfter in die Haare, wenn er manchen aktuellen Jazz so kategorisch ablehnte. Ich probte auch oft mit ihm zur Vorbereitung seiner klassischen Trompeten-Aufnahmen. Parallel zum Studium musste ich erstmal die gesamte amerikanische Jazz-Historie erkunden, die ich in Moskau ja nur ausschnittweise kennengelernt hatte.

In der New Yorker Zeit konnte ich in einigen interessanten Bands spielen, zum Beispiel mit dem Klarinettisten Perry Robinson. Ich nahm meine allererste CD mit Paul Motion auf (“Circle the Line“, GM Recordings). 1986 entschied ich, mich komplett auf Jazz und improvisierte Musik zu konzentrieren. Ich bekam zunehmend mehr Auftrittsmöglichkeiten in Europa. Beim Banff Jazz Workshop 1986 in Kanada lernte ich einige Kölner Musiker kennen. Der deutsche Schlagzeuger Ernst Bier war eine Zeit lang mein Mitbewohner in New York gewesen und lud mich nach Köln ein. In dieser Zeit begann meine Zusammenarbeit mit Musikern wie Frank Gratkowski und Matthias Schubert, die bis heute anhält. Ich wurde dann auch Mitglied des Klaus König Oktetts. Das europäische Publikum war damals offener für die Art von Musik, die ich machen wollte. Als dann eine deutsche Frau in mein Leben trat, entschloss ich mich 1989 zum Umzug. Seitdem lebe ich in Köln.“

Die Verbindungen nach New York konnte Nabatov aufrecht erhalten. So spielte er in der Band des Posaunisten Ray Anderson: “Mit Ray machte ich auch eine CD-Aufnahme (“Every One Of Us“, Gramavision). Ray hätte die am liebsten mit seiner Working Band gemacht, aber das Label wollte uns unbedingt mit Stars zusammenbringen.So spielten Ray und ich dann mit Charlie Haden und Ed Blackwell. Der war damals schon sehr krank, aber die Aufnahme ist trotzdem recht gut geworden.“ Auf dieser CD verblüfft Nabatov mit gekonntem New Orleans Piano, als wäre er mit Ed Blackwell in der Stadt aufgewachsen. 1999 entstand eine besonders bemerkenswerte Aufnahme im Kölner Loft mit Helias und Rainey sowie dem Geiger Mark Feldman und dem Trompeter Herb Robertson, “The Master and Margarita“ (Leo Records). “Diese Doppel-CD liegt mir bis heute stark am Herzen. Ich habe dafür alle 10 Stücke komponiert in Anlehnung an Bulgakov’s Meisterwerk. Da kam alles zusammen, Russland, New York und Köln, meine Kompositionen und mein Klavierspiel. Diese Aufnahme ist Teil meiner russischen Trilogie. Dazu gehören auch “Nature Morte“, inspiriert von Joseph Brodsky, und “A Few Incidences“, basierend auf Daniil Kharms kurzen Texten (beide auf Leo Records).“

Der Kölner Bassist Joscha Oetz kennt Nabatov schon seit den 90er Jahren. “Wir haben damals öfter in Jam Sessions zusammen gespielt, aber nicht in einer festen Band. In meiner Zeit in Lima (Peru) habe ich Simon dann näher kennengelernt, als er im Duo mit Nils Wogram im dortigen Goethe-Institut spielte. Als ich nach Köln zurückkehrte, fing ich an, mit Simon zu arbeiten. Simon hatte sich sehr intensiv mit brasilianischer Musik beschäftigt. Das ist zwar nicht das Gleiche wie die peruanischen Rhythmen, die ich aus Lima mitbrachte, aber es erleichterte ihm den Zugang. Er hat mir sehr geholfen, die Musik für meine Band Perfektomat zu entwickeln, in der ich Jazz mit peruanischen Rhythmen verbinde (“Perfektomat“, KLAENG Records). Ich bin glücklich, ihn dabei zu haben. Er bringt gewaltige Energie, aber auch musikalische Klarheit und Detail-Orientierung im positiven Sinne.“ Simon Nabatov beschäftigt sich mit sehr unterschiedlicher Musik: “Ich habe oft so Phasen, in denen ich in eine bestimmte Musik völlig eintauche, damals in brasilianische Musik. Daraus resultierte dann eine Solo-CD (“Around Brazil“, ACT), viele Konzerte und Reisen durch Brasilien und ein zweimonatiger Aufenthalt als Artist-in-Residence am Goethe-Institut in Porto Alegre.“

Hans-Martin Müller, selbst lange Zeit renommierter klassischer Flötist im WDR Sinfonieorchester und Lehrer an der Kölner Musikhochschule, betreibt seit mehr als 25 Jahren das Loft in Köln als Spielstätte für improvisierte Musik zwischen Jazz und Neuer Musik: “ Ich lernte Simon Anfang der 90er Jahren kennen. Seitdem haben wir zusammen eine Vielzahl spannender Projekte verwirklicht. Ich kenne kaum einen anderen Musiker mit einem derart breiten und tiefen Wissen über Musik der verschiedensten Genres. Jedes Gespräch mit ihm ist da eine Bereicherung. Als Pianist ist er technisch fast unlimitiert, einer der ganz wenigen, der überzeugend in vielen Stilen zu Hause ist. Es scheint bei ihm keine Barriere zwischen Gehirn und Fingern zu geben, und er kann Musik vom Blatt spielen, für die die meisten Pianisten erstmal viel üben müssten. Gleichzeitig hat er unglaubliche Ohren, nimmt alles um sich herum auf und kann in seinem Spiel sofort darauf reagieren. 2015 haben wir seine 25 Jahre in Köln gefeiert mit der Konzertreihe “Still Crazy After All These Years – The Music of Simon Nabatov”. Es fanden Konzerte in vier ganz unterschiedlichen Konstellationen statt, brasilianisches, klassik-orientiertes mit Gareth Lubbe und Ben Davis, sehr freies Spiel mit Barry Guy und Gerry Hemingway und auch ein Trio mit jungen Musikern der Kölner Szene, Stefan Schönegg und Dominik Mahnig. Welch ein Spektrum der Improvisation! Für mich ist Simon einer der großartigsten Musiker nicht nur der Kölner Szene.“ Simon Nabatov spielt oft und gern im Loft: “Das Loft ist mein musikalisches Wohnzimmer mit diesem großartigen Steinway D Flügel. Ich bin Hans-Martin sehr dankbar für seine Unterstützung über all die Jahre. Ich habe einen großen Teil meiner CD-Aufnahmen der letzten 20 Jahre im Loft gemacht. Mit den Gruppen der “Still Crazy“-Reihe sind neben “Picking Order“ weitere Aufnahmen entstanden, die ich gerade zur Veröffentlichung vorbereite.“

Musikalisch hat sich Nabatov immer stärker auf die freie Improvisation konzentriert. “Als junger Musiker wollte ich alles können und spielen. Das möchte ich heute nicht mehr. Ich weiß heute, was ich wirklich spielen will, und das mache ich. Dafür muss ich den Preis zahlen, dass meine Musik nicht mehr so ins kommerzielle Musikgeschäft passt wie vielleicht vor 15 Jahren.“ Trotzdem spielt er noch immer gern in Situationen, die näher am Straight Ahead Jazz sind, z.B. mit Paul Heller, dem Saxofonisten der WDR Big Band, der regelmäßig hochkarätige Projekte organisiert: “Ich habe Simon das erste Mal Ende der 80er Jahre erlebt. Das war damals im alten Domizil in Dortmund. Er spielte im Quartett des Saxofonisten Jim Snidero. Schon damals begeisterte mich, wie er im Straight-Ahead Zusammenhang freie Impulse mit der Tradition verband und dadurch einen total eigenen Sound kreierte. Seitdem bin ich ein großer Fan von Simon. Danach lernte ich seine CDs kennen, z.B. mit Paul Motian oder seine ersten Solo-Aufnahmen. In Köln habe ich ihn dann oft live erlebt, mit Nils Wogram, mit Matthias Schubert und vielen anderen tollen Leuten. Ich bewundere seine riesige Bandbreite. Ich kenne niemand Vergleichbaren. Er kombiniert Tradition und Freiheit und hat dabei eine unglaubliche musikalische Übersicht. Ich freue mich jedes Mal darauf, ihn in meinen Bands zu haben wie etwa mit Adam Nussbaum (“Special Edition vol. 3“, Mons) oder mit Billy Hart. Wenn wir zusammen spielen, macht er sich meine Stücke so zu eigen, dass ich oft das Gefühl habe, er kennt sie viel besser als ich.“

Schönheit spielt in Nabatovs Musik eine wichtige Rolle, aber auf zwiespältige Weise: “Schönheit in der Musik ist ein großes philosophisches Thema. Helmut Lachenmann hat darüber interessante Texte geschrieben. In meiner Musik kommt Schönheit immer wieder vor, aber in großer ästhetischer Vielfalt und dann meistens schnell gebrochen. Da kommt dann Rebellion durch, sonst wird es mir langweilig. Improvisation muss für mich auf Wissen basieren und wird dann gut, wenn alle Beteiligten wahrnehmen, was vorgeht, und darauf reagieren, und wenn die Musiker die Freiheit nutzen, sich selbst zu überraschen. Dann ist es auch authentisch. Die authentische Begegnung zwischen Musikern und Publikum macht letztlich den Erfolg eines Konzerts aus.“ Hans-Martin Müller erinnert sich an einen solchen Moment: “Vor einigen Jahren wollte Simon sehr kurzfristig ein Solo-Konzert im Loft geben. Wir machten das möglich. Es stellte sich heraus, dass seine Eltern zu Besuch waren. Die saßen dann in der ersten Reihe, und Simon spielte sein Herbie Nichols Programm (“Spinning Songs of Herbie Nichols“, Leo Records, auch als DVD). Das war eine musikalische Sternstunde, so bewegend, dass mir am Ende Tränen in den Augen standen.“

Hans-Bernd Kittlaus

www.nabatov.com

Aktuelle CDs:
Simon Nabatov Trio: Picking Order, Leo Records
Simon Nabatov + Gareth Lubbe: Lubatov, Leo Records
Simon Nabatov + Oguz Buyukberber, Try Tone Records
Simon Nabatov + Mark Dresser + Dominik Mahnig: Equal Poise, Leo Records
Simon Nabatov + Mark Dresser: Projections, Cleanfeed