Jazz Cruise 2016


Kreuzfahrt mit Dee Dee und Dianne

pdf[1] (erscheint im Jazz Podium 04/2016)

© Hans-Bernd Kittlaus 2016

Freddie Cole + Houston Person by © Hans-Bernd Kittlaus 2016

Die Jazz Cruise in der Karibik unter Federführung der Entertainment Cruise Productions fand zum 15-ten Mal statt – und war zum 15-ten Mal ausverkauft. 100 Spitzenmusiker boten den 2.000 Passagieren eine Januar-Woche lang ein großartiges Straight Ahead Jazz Programm.

Schwerpunkt Gesang

Mehr als sonst lag der Schwerpunkt des Programms in diesem Jahr auf dem Jazz-Gesang. Dee Dee Bridgewater kam mit ihrer jungen Band um Trompeter Theo Croker und sang Songs aus ihren Programmen der letzten 20 Jahre von Billie Holiday bis „Compared to What?“. Dabei war sie bester Stimmung nicht nur auf der Bühne, sondern auch bei ihren zahlreichen Besuchen der Konzerte anderer Musiker und abends an der Bar. Sehr schnell freundete sie sich mit Ann Hampton Callaway an, der New Yorker Sängerin zwischen Jazz und Cabaret, deren kultivierte Stimme ebenso faszinierte wie ihre Band mit Pianist Ted Rosenthal, dem deutschen Bassisten Martin Wind und Drummer Tim Horner. Eine Spezialität von Ann Hampton Callaway ist die Textimprovisation im Konzert, bei der sie sich aus dem Publikum Stichworte zurufen lässt, die sie zu einem Song verbindet. Überraschend stieg Dee Dee Bridgewater dabei ein. Spaß und musikalische Qualität müssen kein Widerspruch sein.

Dianne Reeves wurde nur für einen Tag eingeflogen und gab zwei kurze Konzerte, überzeugend begleitet von ihrem langjährigen Pianisten Peter Martin und etwas unsicher flankiert von Marcus Millers Band und Saxofonist David Sanborn. Das erste Konzert war recht überzeugend mit einer in sich ruhenden Diva, das zweite wirkte zerfahren und enttäuschte. Kurt Elling war bestens bei Stimme. Drummer Kendrick Scott erzeugte einen treibenden Rhythmus, der Elling gut tat. Auch mit der Jazz Cruise Big Band hatte der Sänger einen mitreißenden Auftritt. Freddie Cole wirkte altersgemäß wackelig, wenn man ihm auf dem Gang begegnete, aber in seinem Gesang und seinem Klavierspiel war davon nichts zu merken. Niki Haris (mit einem r) ist seit Jahren ein Star auf dem Schiff, auch wenn sie ansonsten eher wenig bekannt ist. Die Tochter des Pianisten Gene Harris (mit zwei r) hat eine vielseitige gospel-geprägte Stimme, mit der sie in der spirituellen Gospel Hour ebenso überzeugte wie mit alten Jazz Standards in einer Jam Session oder im Duo mit Pianist John DiMartino.

Schwerpunkt Klarinette

Die Zahl der Jazz Musiker, die die Klarinette als Erstinstrument spielen, ist nach wie vor klein, auch wenn das Instrument in den letzten Jahren etwas Aufwind bekommen hat. Der gebürtige Kubaner Paquito d’Rivera spielte mit seiner Band unterhaltsamen bis anspruchsvollen Latin Jazz, unter anderem klassische Kompositionen von seiner letzten CD. Ken Peplowski brillierte im Duo mit Pianist Dick Hyman ebenso wie in zahlreichen All Star Sessions. Die gebürtige Israelin Anat Cohen kam mit ihrer Familienband 3 Cohens mit ihren beiden Brüdern Avishai (Trompeter) und Yuval (Sopransaxofonist), die exzellente Musik bot und mit Bassist Reuben Rogers und Drummer Johnathan Blake eine Traum-Rhythmusgruppe mitbrachte. Ein Höhepunkt der Cruise war der Clarinet Summit, bei dem die drei Klarinettisten sehr kooperativ zusammenwirkten und mit Marcus Miller an der Bassklarinette einen prominenten Gast integrierten.

Meisterschlagzeuger Jeff Hamilton klang mit seinem Trio mit Pianist Tamir Hendelman und dem deutschen Bassisten Christoph Luty frischer als im Vorjahr. Noch mehr begeisterte er als Schlagzeuger der Big Band, als diese John Clayton Arrangements unter dessen Leitung spielte. Clayton und Hamilton verstehen es, das Beste aus einer Big Band herauszuholen. Ein weiteres Highlight war der Auftritt Hamiltons mit Organist Joey DeFrancesco und Tenorsaxofonist Houston Person. Das war die Wiederbelebung des 1960er Jahre Organ-Saxofon-Sounds auf höchstem Niveau. Persons fetter gefühlvoller Saxofonsound verzauberte nicht nur die Auftritte seiner eigenen Band, sondern auch eine Reihe von All Star Sessions. Pianist Kenny Barron bot mit seinem Trio höchst geschmackvolle Interpretationen von Standards und Eigenkompositionen wie „Voyage“. Der Musical Director der Cruise, Shelly Berg, wurde verdientermaßen in die Jazz Cruise Hall of Fame aufgenommen und riss sein Publikum immer wieder mit seinem kreativen swingenden Klavierspiel mit, unter anderem in einer hervorragenden Session mit Multiinstrumentalist James Morrison, Saxofonist Jeff Clayton, Bassist John Clayton und Drummer Jeff Hamilton. Saxofonist Charles McPherson spielte faszinierende Sets in der Tradition Charlie Parkers von „Ornithology“ bis „Bahamas“ und erhielt Ovationen als Gast mit Joey DeFrancescos Trio. Bassist Christian McBride spielte swingende Trio Sets mit Pianist Peter Martin und Drummer Carl Allen, auch wenn die Musik weniger spektakulär blieb als die seines letztjährigen Trios mit Christian Sands und Ulysses Owens.

Etwas außerhalb der Straight Ahead Jazz Schiene, die die Cruise alljährlich beherrscht, bewegten sich Bands von Marcus Miller und Joe Lovano. Miller ließ seine jungen talentierten Musiker wesentlich jazziger spielen, als sie das sonst tun. Joe Lovano hingegen ging keine Kompromisse ein. Von seinem exzellenten Power-Trio mit dem virtuosen Pianisten Leo Genovese, Bassist Peter Slavov und Drummer Francisco Mela ließ sich Lovano zu langen spannungsreichen Solos inspirieren und tigerte wie in Trance beständig über die Bühne. In jedem Set bekam seine Frau, die Sängerin Judi Silvano, Gelegenheit zu kurzen nicht unbedingt überzeugenden Auftritten. Als dann überraschend Sängerin und Bassistin Esperanza Spalding einstieg, die als Passagierin auf dem Schiff war, steigerte sich die Band zu einem Höhepunkt von Spielfreude und Kreativität. Allerdings nur vor etwa 30 Zuhörern, denn diese Musik war deutlich zu modern für die Mehrheit der Jazz Cruise Gäste.

Die für September 2016 geplante Mittelmeer Cruise hat Veranstalter Michael Lazaroff nach den Anschlägen von Paris abgesagt. Die nächste Jazz Cruise wird vom 28. Januar bis 4. Februar 2017 durch die Karibik schippern. Das Programm ist bereits angekündigt, unter anderem mit Eddie Daniels, Eliane Elias, Jimmy Cobb und Benny Green neben den zahlreichen Musikern, die jedes Jahr dabei sind. In der Folgewoche wird erstmalig eine Contemporary Jazz Cruise stattfinden mit Pat Metheny, Gregory Porter, Dianne Reeves, Robert Glasper, Terence Blanchard und vielen anderen, die allerdings überwiegend nicht die ganze Woche auf dem Schiff bleiben werden. Es wird interessant zu sehen, ob dieses neue Konzept aufgeht.

Hans-Bernd Kittlaus 21.02.16

 
Weitere Fotos auf www.hansberndkittlaus.de
www.thejazzcruise.com
www.thecontemporaryjazzcruise.com