Pablo Held Investigated


Das Glück des Mutigen

pdf[1] (erschienen im Jazz Podium 12/2018)

© Nadine-Heller-Menzel 2018

Pablo Held by © Nadine-Heller-Menzel 2018

Pablo Held Investigates – das klingt wie eine neue Krimiserie. Tatsächlich ist es eine neue Web Site des Kölner Pianisten Pablo Held, auf der er Interviews veröffentlicht, die er mit anderen Musikern geführt hat. Die meisten sind als Videos verfügbar, die beide Gesprächspartner während des Skype-Gesprächs zeigen. Dazu Pablo Held: „Ich habe schon immer gern Interviews gelesen und angeschaut, nicht nur zum Thema Jazz. Ich finde es spannend, Meistern ihres Fachs zuzuhören. Die meisten Interviews werden von Journalisten geführt. Die nehmen ihre Zuhörer manchmal nicht wirklich ernst und glauben, ihr Publikum wäre überfordert, wenn sie zu sehr in die Tiefe und ins Detail gehen. Das versuche ich jetzt mit meiner Reihe anders zu machen.“

Deutschlandweit bekannt wurde Pablo Held vor allem mit seinem Pablo Held Trio mit Bassist Robert Landfermann und Schlagzeuger Jonas Burgwinkel. Wie hat das angefangen? Held: „Wir lernten uns an der Musikhochschule in Köln kennen und haben dann mal zusammengespielt. Das fühlte sich so gut an, dass das Trio zu einer festen Band wurde. Unser erstes Konzert war im Loft im April 2006.“ Burgwinkel erinnert sich: „Robert (Landfermann) und ich waren damals noch Studenten an der Musikhochschule, aber schon als Rhythmusgruppe in Köln etabliert. Pablo war 4 Jahre jünger, aber schon mit 18, 19 völlig angstfrei. Er kam einfach zu uns und hat uns gefragt. Wir haben dann angefangen, zusammen zu spielen. Das ging von Anfang an gut. Er hat uns dann nach außen schon als sein Trio angekündigt, bevor er mit uns darüber gesprochen hatte. Das ist bis heute ein Running Joke unter uns. Musikalisch auf der Bühne sind wir im Trio völlig gleichberechtigt. Aber wir spielen Pablos Kompositionen, und er kümmert sich um Booking und Organisation.“ Landfermann: „Das ist völlig okay, dass das Trio unter Pablos Namen läuft. Er macht die meiste Arbeit außerhalb der Bühne.“

Loft-Gründer und Betreiber Hans-Martin Müller, selbst Musiker, freut sich über Pablo Helds Erfolg: „Erfolg entsteht ja fast immer aus einer Mischung aus Können, Geschick und Glück. Pablo hatte das Glück, dass er an der Kölner Musikhochschule mit John Taylor und Hubert Nuss zwei hervorragende Lehrer fand. Dass er an der Musikhochschule auf hochtalentierte Mitstudenten traf, eine goldene Generation, die zunächst mal untereinander Bands gebildet haben. Daraus hat sich später KLAENG entwickelt, und mit Robert (Landfermann) und Jonas (Burgwinkel) fand er zwei exzellente Musiker für sein Trio. Das Loft gab ihm und den anderen eine Experimentierbühne, eine Werkstatt, wo sie sich in unterschiedlichen Formationen ausprobieren konnten, ein Sprungbrett. Seit dem ersten Konzert im April 2006 hat Pablo ungefähr 50 Konzerte im Loft gespielt, nicht nur mit dem Trio, sondern in vielen Formationen. Inzwischen hat er eine eigenen Reihe bei uns, „Pablo Held Meets …“, zu der er immer andere Musiker einlädt. Pablo hat diese glücklichen Umstände konsequent und mit viel Fleiß genutzt. Ich bin stolz darauf, dass das Loft einen Beitrag zu seiner Karriere leisten konnte.“

Wenn man das Pablo Held Trio live erlebt, besticht die traumwandlerische Sicherheit im Zusammenspiel. Hans-Martin Müller: „Das ist ein seltener Glücksfall, dass drei Musiker ein solches blindes Vertrauen zueinander entwickeln.“ Dieses Vertrauen ist die Basis für lange Gruppenimprovisationen ohne Netz und Sicherung. Burgwinkel: „Man kann absolut authentisch sein. Man weiß immer, dass man aufgefangen wird.“ Held: „Wenn wir in diesen Flow kommen, lösen wir uns von der Ausgangskomposition. Die Zeit tritt in solchen Situationen in den Hintergrund.“ Jonas Burgwinkel lächelt dann entrückt, während er ein Feuerwerk von perkussiven Klängen erzeugt. Robert Landfermann zupft seinen Bass mit größster Intensität, und Pablo Held spielt wahnwitzige Läufe, um kurz darauf innezuhalten und mit wundersamem Staunen auf seine Bandmitglieder zu schauen.

Pablo Held startete seine neue Interview Web Site im Juni 2018. Seitdem hat er in kurzer Folge Interviews online gestellt, Stand Mitte Oktober 2018 bereits 13. Held: „Angefangen hat das mit einem Skype-Interview mit Wayne Shorter. Das habe ich gewonnen, nachdem ich mehrfach für eine Doku über ihn gespendet hatte. Es war großartig, mit meinem Helden zu sprechen. Mir war fast egal, was er tatsächlich sagt. Aber ich fand es dann so interessant, dass ich es veröffentlichen wollte. Also habe ich mich damit beschäftigt, wie ich eine Web Site dafür erstellen konnte, welches Equipment und welche Software ich brauchte für Aufnehmen, Schneiden, Transkribieren und so weiter. Ich wollte alles selbst in der Hand haben, um keine zeitlichen Abhängigkeiten von anderen zu haben. Ich musste dann auch die Genehmigung bekommen, das Interview mit Wayne Shorter zu veröffentlichen, was gar nicht so einfach war.

Die nächsten waren dann Michael Gibbs, Kathrin Pechlof, John Scofield, Chris Potter. Also zunächst Leute, die ich schon kannte. Dann habe ich angefangen, weitere zu kontaktieren, die ich noch nicht kannte. Die haben sich oft erstmal Interviews angeschaut, bevor sie zugesagt haben. Da hat das Interview mit Wayne Shorter schon sehr geholfen. Ich bin ja kein richtiger Interviewer. Ich lasse mich von meiner unendlichen Wissbegier auf die Person leiten, mit der ich rede. Ich finde, die besten Interviews sind die, in denen ein echtes Gespräch entsteht, wo jemand wirkliches Interesse hat. Wenn dann jemand tatsächlich was zu erzählen hat, muss ich ihm auch den Raum geben und mich nicht selbst in den Vordergrund stellen. Und vor allem nicht eine vorbereitete Frageliste abarbeiten. Deshalb kann ich das nur mit Leuten machen, zu denen ich irgendeine Verbindung oder ein großes Interesse habe. Es kamen relativ schnell Anfragen von Labels, die ich abgelehnt habe, weil ich keine Beziehung zu dem jeweiligen Musiker hatte.

Ich habe sehr viele Interview-Bücher gelesen und Web Sites angeschaut. Besonders faszinieren mich der Interview Band von Art Taylor, die Web Sites von Ethan Iverson und George Colligan und die wtf-Postcasts von dem Comedian Marc Maron. Der ist damit so populär, dass er darüber sogar seine Comedian-Karriere wieder in Gang bekommen hat. Es sind noch einige Interviews in der Pipeline, die ich in den nächsten Wochen auf die Web Site bringen werde. Ich werde jetzt auch anfangen, Email-Interviews mit Leuten zu machen, die kein Video wollen. Ich mag allerdings keine Listen mit 20 Fragen, wie ich sie manchmal bekomme. Damit ist der Journalist fein raus, und ich kann mich dann stundenlang hinsetzen und das beantworten. Ich schicke erstmal nur eine Frage, der andere schreibt zurück, wann er möchte, dann reagiere ich darauf. Das ist allerdings nicht so interaktiv.

Der Titel „Pablo Held Investigates“ bezieht sich auch auf die letzte Platte („Investigations“). Es hat schon was mit Erforschung zu tun. Ich versuche zurückzuverfolgen, wie dieser Mensch zu dem werden konnte oder wird, was ich so toll an ihr oder ihm finde. Ich habe ähnliche Untersuchungen zu manchen Musikern schon vorher ohne Interviews gemacht, das ist jetzt ein nächster Schritt dieser Erforschung.“ Held schafft es in den Interviews, dass sich die Gesprächspartner öffnen, ihre Gitter fallen lassen. Held: „ja, es freut mich, wenn das klappt. Bei dem einen geht das schneller, bei dem anderen dauert es länger. Die Videos sind alle geschnitten. Da kann schon mal eine Stunde wegfallen, bevor dann die Öffnung kommt. Das längste Interview bislang ging über vier Stunden, mit Joey Baron. Da muss ich allerdings nicht viel rausschneiden. Das werde ich wahrscheinlich in vier Teilen veröffentlichen. Bei Larry Goldings ist aus fast drei Stunden eine geworden, um einen guten Fluss zu erzielen, aber auch weil er einiges nicht veröffentlicht haben wollte.“

Haben manche Musiker Hemmungen, über ihre Musik zu sprechen? „Eher nein. Es hängt ein bisschen davon ab, wie bewusst ein Musiker bestimmte Dinge tut. Wenn ich mit Hubert Nuss über seinen Anschlag spreche, kann das über drei Stunden gehen. Mit Frank Kimbrough war das Thema ganz schnell abgehandelt. Manche Musiker möchten nicht analysieren, wie sie etwas machen, andere schon. In Gesprächen mit Journalisten sind manche Musiker vorsichtig aufgrund schlechter Erfahrungen. Man macht eine kleine Nebenbemerkung, und das wird dann die Überschrift des Artikels. Bei mir bekommt jeder Musiker die Möglichkeit zu editieren. Das hilft. Aber es gibt dann trotzdem welche, die mit vorgefertigten Antworten kommen. Das will ich eigentlich nicht. Es braucht keine Interviews, wo jeder den Inhalt auf der Homepage des Musikers nachlesen kann. ‚Wie hast du mit Jazz angefangen?‘, das ist so eine Frage, die man immer gestellt bekommt, und das ist fast immer langweilig. Mich interessiert mehr, wie kommt es zu dem, was ich da auf der Platte höre. Daran merkt der Gesprächspartner, dass der Interviewer sich mit ihm und seiner Musik beschäftigt hat. Das drückt eine Wertschätzung aus, die dem Interviewten Sicherheit gibt.

Kürzlich habe ich ein sehr schönes Interview mit Norma Winstone gemacht. Das werde ich bald schneiden und online stellen. Die kam dann sogar zu unserem Konzert in London. Das fand ich toll, dass sie damit ihr Interesse an unserer Musik bekundete, dass Interview und Live-Konzert so eine Verbindung bekamen. Leider kann ich nicht zu ihrem Konzert in Köln im Oktober gehen, weil ich da selbst spielen werde.“

Die neueste Veröffentlichung des Pablo Held Trios ist „Investigations“ (Edition Records, siehe JP04/18), die eine deutliche Weiterentwicklung des Trios dokumentiert. Dazu Held: „Wenn ich meine erste Platte anhöre, ist es wie ein Foto aus der Schulzeit. Das Trio spielt jetzt 12 Jahre zusammen. Es geht immer weiter, steht nie still. Wenn irgendeine Art von Routine sich einschleicht, weist einer den anderen darauf hin. Ich bringe immer wieder neue Kompositionen ein, aber manchmal greifen wir auch gern auf alte Stücke zurück. Erinnerungen können Referenz für etwas Neues sein.“ Braucht das Trio überhaupt noch eine Komposition als Basis? „Es ist Teil unseres Ansatzes, spielerisch mit Kompositionen umzugehen, eine Brücke zwischen Geschriebenem und Improvisation zu finden. Es gibt Konzerte, wo wir sehr lange ohne Referenz an eine Komposition spielen. Und dann andere, wo wir viele verschiedenen Stücke angehen.“

Hat das ein spirituelles Element, wenn das Trio in diesen Flow kommt? „Spiritualität ist Ausdruck unseres Innersten, die sich unterschiedlich ausdrücken kann, zum Beispiel in Musik. Man hört, ob jemand aus dem Kopf heraus agiert, oder aus dem Inneren heraus spielt. Musik ist meist nicht interessant, die sich nur aus einzelnen Zutaten zusammensetzt. Wir sind auf der Suche nach etwas Tieferem. Die Spiritualität Coltranes und auch der emotionale Gehalt in der Miles Davis‘ Musik haben für mich viel Bedeutung.“

Pablo Held startete in der Anfangsphase in seinem Kölner Umkreis. Inzwischen hat er seinen Aktionsradius immer mehr ausgeweitet, sowohl hinsichtlich der Auftrittsorte als auch seiner Kontakte zu anderen Musikern. „Das hat sich ganz natürlich entwickelt. Damals waren wir froh, mal außerhalb von Köln zu spielen. Je länger man das macht, umso mehr Möglichkeiten bekommt man. Der Kreis erweitert sich. Ich hätte auch schon 2006 mit Scofield oder Potter spielen wollen, aber das war damals nicht möglich. Bei der Auswahl ist das wichtigste, dass ich mit dem Musiker persönlich klar komme und ihn mag. Das Alter und Instrument ist weniger wichtig als die Fähigkeit zuzuhören und zu interagieren kann.“ Hätte Mingus, der als schwieriger und manchmal aggressiver Charakter bekannt war, heute eine Chance, von Pablo Held eingeladen zu werden? „Ich hätte sehr gern mit ihm gespielt. Weiß aber nicht, ob ich mit ihm klar gekommen wäre. Meine Erfahrung ist, dass die besten Musiker gute Menschen sind. Es gibt Ausnahmefälle, Genies mit soziopathischen Zügen, die man dann in Kauf nimmt. Aber es gibt genug sehr nette, die sehr gut sind.“

Es gibt Berichte, dass Ellington und Johnny Hodges mal fünf Jahre lang kein Wort miteinander gesprochen haben. Das gäbe es in einer Pablo Held Band wohl nicht. „Nein, eher nicht. Aber die Situation war damals eine andere. Die haben noch unheimlich viel gespielt, waren über längere Zeit ständig zusammen. Da entstehen Konflikte, die wir heute nicht haben, wenn wir nur zwei Konzerte im Monat zusammen spielen. Die älteren Musiker haben nicht so viel über Musik gesprochen. Wenn man jeden Abend auftritt, fällt ein einzelner schlechter Abend nicht so ins Gewicht. Die jüngeren Musiker heute reden viel mehr darüber.“

Seine Reihe ‚Pablo Held Meets …‘ im Kölner Loft gibt ihm Gelegenheit, immer wieder neue Bands zusammenzustellen. „Das Zusammenstellen von Bands ist für mich eine große Kunst. Verbindungen spielen eine große Rolle. Das muss nicht heißen, dass es keine Reibung geben soll. Mit John Scofield waren wir alle außerhalb unserer Comfort Zones. Aber es hat funktioniert. Ich setze mich oft mit Zettel und Papier hin und schreibe Namen zusammen, streiche wieder, füge hinzu. Ein bisschen wie Komponieren. Das ist ein schöner Prozess. Und dann kommt das Material dazu.“

Held hat schon oft ungewöhnliche Wege beschritten, um den Jazz als seine Musik voranzubringen, so etwa als Gründungsmitglied des Kölner KLAENG Kollektivs, zu dem sich sieben Kölner Musiker 2010 zusammenschlossen. Mitgründer Robert Landfermann: „Die Situation der Jazz-Musiker ist geprägt von einem dauernden Missstand. Von allem zu wenig. Wir wollten damals etwas dagegen tun und gründeten und organisierten das KLAENG Festival. Pablo gehörte von Anfang an dazu und kümmert sich heute vor allem um Werbung und Internet. Im Laufe der Zeit ist da immer mehr daraus geworden: SummerKLAENG (eintägiges kostenloses Open Air Festival), das KLAENG Label, die KLAENG – die Serie (Konzertreihe) im Stadtgarten. Und wir können der Jazz Community etwas zurückgeben von der Unterstützung, die wir in unseren ersten Jahren erhalten haben. Pablos neue Web Site ist, glaube ich, von einer ähnlichen Motivation getragen. Er sieht da eine Lücke, einen Missstand, und tut etwas dagegen. Eine Person kann einen Unterschied machen.“

Saxofonist und KLAENG-Mitgründer Niels Klein (inzwischen Leiter des BuJazzO): „KLAENG haben wir damals nicht als Band gegründet, aber die KLAENG-Gründer haben damals viel gegenseitig in ihren Bands gespielt. Mein Quartett bestand damals aus Pablo, Robert und Jonas. Wir haben dann gemerkt, dass die Veranstalter das nicht so gut fanden, zum Beispiel mein Quartett zu engagieren, wenn ein paar Wochen vorher Pablos Trio dort gespielt hatte. Wir haben uns dann bewusst stärker nach außen orientiert.“ Burgwinkel: „Das Trio nahm nicht immer so viel Raum in der Arbeit von Robert und mir ein wie heute. Pablo hat einen Super Job gemacht, das Trio auch international zu etablieren.“

Welche Bedeutung hat KLAENG für Pablo Held heute? „Wir haben alle nicht mehr so viel Zeit wie früher, aber wir versuchen, uns zwei- oder dreimal im Monat zu treffen. Wir wollen etwas schaffen, was vorher so in Köln noch nicht da war. Am Anfang konnten wir keine Gage zahlen und haben selbst gespielt. Dann haben wir angefangen, Förderanträge zu schreiben, und konnten uns leisten, andere zu engagieren. Das ist ein schönes Gefühl. Dadurch ist das Programm viel breiter und internationaler geworden. Ein wichtiger Moment war die Festival-Ausgabe im Belgischen Haus, wo keiner von uns gespielt hat. Zur Programmauswahl kann jedes KLAENG Mitglied Vorschläge machen, über die dann demokratisch abgestimmt wird.“

Pablo Held wird dieser Tage 32 und sieht die Aktivitäten der jüngeren Kölner Musiker mit Wohlwollen: „Es war schön, dass im Subway mit dem Subway Jazz Orchestra etwas Neues entstanden ist, nachdem wir mit KLAENG aus Platzgründen da rausgegangen sind. Es gibt so viele gute Initiativen in Köln: IMPACT, junges Loft, etc. Je mehr Aktivitäten desto besser.“

Hans-Bernd Kittlaus

www.pabloheld.com
www.pabloheldinvestigates.com
www.klaengkollektiv.de

Aktuelle CD:
Pablo Held Trio: Investigations, Edition Records