North Sea 2019


Das stärkste Jazz Programm seit Jahren

pdf[1] (erschienen im Jazz Podium 9/2019)

© Hans-Bernd Kittlaus 2019

Redman-Colley-King-Miles by © Hans-Bernd Kittlaus 2019

Das Rotterdamer North Sea Jazz Festival bot an drei angenehm kühlen Juli-Tagen ca. 25.000 Zuschauern pro Tag wie immer einen bunten Mix unterschiedlicher Musikrichtungen, der dieses Mal eine besonders starke Jazz-Schiene beinhaltete. Auf der Pop- und Soul-Seite gaben mit Anita Baker und Gladys Knight legendäre Sängerinnnen erstaunlich gute Konzerte, auch junge Stars wie Janelle Monae, Jacob Collier und Jamie Cullum begeisterten ihr Publikum. Das Star-Aufgebot auf der Jazz-Seite reichte von Chick Corea und Bobby McFerrin bis zu Dee Dee Bridgewater und Diana Krall. Für Hardcore Jazz Fans spielten sich die interessantesten Konzerte auf den kleineren der insgesamt 13 Bühnen ab.

Der New Yorker Tausendsassa John Zorn führte ein fünfstündiges Marathon-Konzert auf, in dem sich eine Vielzahl von Musikern mit kurzen Auftritten abwechselten. Das begann fulminant mit seiner Masada Band und setzte sich mit Avantgarde Ikonen wie Craig Taborn, Mary Halverson oder Kris Davis fort. Das faszinierende Konzept wurde allerdings vom North Sea Publikum angesichts des Musikangebots in den anderen Sälen nicht so recht angenommen, da nicht angekündigt war, welche Musiker wann innerhalb des Marathons auftreten würden. Der kubanisch-New Yorker Schlagzeuger Dafnis Prieto lieferte ein rhythmisches Feuerwerk mit dem dänischen Aarhus Jazz Orchestra, das sich gut schlug, wenn es auch nicht das lateinamerikanische Feuer entwickelte, das Prieto’s südamerikanisch besetzte Big Band auf seiner Grammy-gekrönten CD erzeugt hatte. Genau dieses Feuer brachte das Publikum zu stehenden Ovationen bei Pianist Michael Camilo’s Auftritt mit den niederländischen New Cool Collective Horns. Christian Sands bewies seine Ausnahmestellung unter den jungen amerikanischen Straight Ahead Pianisten im Trio mit Bassist Yasushi Nakamura und dem als Ersatzmann eingesprungenen Schlagzeuger Clarence Penn, der etwas zu laut agierte. Sands kombinierte Musikalität und technische Meisterschaft mit publikumswirksamen Show-Effekten in einem Programm aus Standards und Eigenkompositionen.

Schlagzeuger Makaya McCraven’s Band verband Tanzbares mit eindrucksvollen Solos, insbesondere von Saxofonist Irvin Pierce, Vibraphonist Joel Ross und McCraven selbst. Ross spielte zwei Tage später mit seiner eigenen Band einen spannenden Set, der weniger ambient sounds bot als seine kürzlich erschienene Blue Note Debut-CD, dafür mehr Jazziges in der Tradition von Bobby Hutcherson. Kurz zuvor trat Ross‘ Vibraphon-Lehrer Stefon Harris mit seiner Band Blackout auf, die mit hochenergetischer Spielfreude von Pianist Marc Cary, Bassist Ben Williams, Schlagzeuger Terreon Gully und Harris selbst begeisterte. Casey Benjamin störte hingegen mit schwachem, elektronisch unangenehm verzehrtem Gesang. Die britische Band Maisha orientierte sich stark in Richtung zeitgenössischer etwas eintöniger Tanzmusik mit Nubya Garcia als Solistin. Mitreissend dagegen gestaltete Tubaspieler Theon Cross seinen Auftritt. Wie der Mann es schafft, mit seinem schweren Instrument eine Dreiviertelstunde auf der Bühne zu tanzen, ist allein schon sehenswert. Aber auch musikalisch überzeugte Cross im Trio mit Saxofonistin Chelsea Carmichael und Schlagzeuger Benjamin Appiah. Ein weiteres Highlight kam mit James Brandon Lewis‘ Unruly Quintet mit der eigenwilligen Trompeterin Jamie Branch. Der Tenorsaxofonist beamte mit hoher Energie die Tradition von Coltrane und Coleman ins Hier und Jetzt. Eine echte All-Star-Band brachte der New Yorker Saxofonist Ben Wendel mit. Selten hat man Aaron Parks in den letzten Jahren so jazzig Klavier spielen gehört. Auch Gitarrist Gilad Hekselman war sichtlich inspiriert von Wendel’s Kompositionen unter dem Titel Seasons. Bassist Matt Brewer und Schlagzeuger Kendrick Scott sorgten für das stimmige Rhythmusfundament. Die vielgepriesene chilenisch-New Yorker Saxofonistin Melissa Aldana brachte die Musik ihrer neuen CD „Visiones“ nach Rotterdam. Sie zeigte sich technisch brilliant, aber es mangelte an Dramaturgie, sowohl innerhalb der einzelnen Stücke als auch für den gesamten Bühnenauftritt. So kam trotz guter Solos von Gitarrist Lage Lund keine rechte Begeisterung auf.

Der 83-jährige Houston Person ist der letzte Vertreter des vollen blues-getränkten Tenorsaxofon-Sounds in der Tradition eines Coleman Hawkins und Gene Ammons. Er zeigte sich mit seinem Standards-Programm in glänzender Verfassung, bestens unterstützt von Hammond Organist Phil Wilkinson und Schlagzeuger Willie Jones III. Altmodisch auf höchst angenehme Weise. Die niederländische Piano-Legende Rein de Graaff befindet sich auf Abschiedstournee. In Rotterdam zelebrierte er ein Programm mit Bassist Marius Beets, Schlagzeuger Eric Ineke, drei Altsaxofonisten, die sich auf Charlie Parker bezogen, und Ronnie Cuber mit seinem mächtigen Bariton-Sound, der auch für einige schöne Arrangements wie „Milestones“ verantwortlich war. Stehende Ovationen für de Graaff, der so viel für den klassischen Jazz in den Niederlanden getan hat. Bassist Joris Teepe gedachte seinem früheren Arbeitgeber, dem Schlagzeuger Rashied Ali, mit Altmeister John Betsch am Schlagzeug. Interessant war dabei die Kombination der beiden Tenorsaxofonisten Johannes Enders und Wayne Escoffery mit ihren sehr unterschiedlichen Spielweisen und einer unterschwelligen Rivalität. Altsaxofonist Gary Bartz feierte das 50-jährige Jubiläum seiner LP „Another Earth“und ließ sich von Schlagzeuger Nasheet Waits dabei heftig antreiben. Trompeter Charles Tolliver brachte sich als Zeitgenosse Bartz‘ überzeugend ein, Tenorsaxofonist Ravi Coltrane wirkte hingegen eher als Fremdkörper. Das All Star Triumvirat aus Pianist Danilo Perez, Trompeter Avishai Cohen und Tenorsaxofonist Chris Potter hatte sich das Thema „Ehrung erfolgreicher Frauen“ vorgenommen und dazu Kompositionen geschrieben, die sich im Konzert als exzellente Ausgangspunkte für ausgedehnte Improvisationen erwiesen, an denen sich auch Bassist Larry Grenadier und Schlagzeuger Johnathan Blake kongenial beteiligten. Tenorsaxofonist Joshua Redman brachte sein Quartett Still Dreaming mit, das sich in Instrumentierung und musikalischer Ausrichtung an dem „Old and New Dreams“ Quartett seines Vaters Dewey Redman orientiert, das wiederum von Ornette Coleman beeinflusst war. Kornetist Ron Miles gab einen überzeugenden Don Cherry, Bassist Scott Colley einen inspirierten Charlie Haden. Bad Plus Drummer Dave King wich stilistisch am weitesten von Original Ed Blackwell ab. Das Ganze kam aber keineswegs als nostalgische Reproduktion rüber, sondern als gelungene zeitgemäße Neuinterpretation. Ein Highlight ganz anderer Art brachte der Duo-Auftritt von Harfenist Edmar Castaneda und Mundharmonika-Spieler Gregoire Maret mit überschäumender Spielfreude und ansteckender Begeisterung. Dabei bearbeitete Castaneda seine Harfe deutlich perkussiver als auf der gerade erschienenen CD (ACT). Die Klangkombination der beiden Instrumente erwies sich als wohltuend. Erstaunlich dass sie ohne Vorbild ist.

Festivalchef Jan Willem Luyken und sein Team kommen immer wieder mit Neuerungen, manchmal gut, manchmal schlecht. Zum Glück schafften sie für 2019 die Namenstickets gleich wieder ab, die 2018 für viel Unmut gesorgt hatten. Die Entscheidung, das Festival an den ersten beiden Tagen um 2 Stunden vorzuverlegen und schon um 15 Uhr zu starten, zwang lokale Besucher Urlaub zu nehmen oder die ersten Stunden zu verpassen und setzte aus der Ferne Anreisende unter unangenehmen Zeitdruck. Eine gute Idee war hingegen, viele der ohnehin in Rotterdam anwesenden Musiker am Samstag in halbstündigen Duo-Auftritten zu präsentieren. Dabei waren sehr spannende Kombinationen wie etwa Ambrose Akinmusire und Ben Wendel oder Gilad Hekselman und Kendrick Scott. Während das Preisniveau der Eintrittskarten mit € 220,- für das Dreitageticket weiterhin günstig im Verhältnis zum Gebotenen blieb, versuchte der Veranstalter, zusätzliche Einnahmen aus Speisen und Getränken zu generieren, was deren Preis-/Leistungsverhältnis unattraktiv machte. Die nächste Festival-Ausgabe ist vom 10. bis 12. Juli 2020 geplant. Der Vorverkauf startet voraussichtlich im November 2019. Das Festival war in den letzten Jahren immer nach wenigen Tagen ausverkauft.

Hans-Bernd Kittlaus

www.northseajazz.com