Big Bands 2015


Jerry Gonzalez & Miguel Blanco Big Band
A Tribute to the Fort Apache Band
Youkali 097

Daniel Sebastian Scholz Big Band
Quadratisch Rekords QUAR 007

Lars Seniuk & New German Art Orchestra
Pendulum
Mons MR 874576

Ansgar Striepens & WDR Big Band
Unsung Heroes
Jazzhaus Musik JHM 233

Ryan Truesdell & Gil Evans Project
Lines of Color – Live at the Jazz Standard
Blue Note/ArtistShare ASBN 0133

Aller wirtschaftlichen „Unmöglichkeit“ zum Trotz ist die Jazz Big Band Szene lebendig und kreativ, wie die vorliegenden aktuellen Aufnahmen beweisen. Trompeter Jerry Gonzalez kann auf ein gerühmtes Vorleben als führender Vertreter des Latin Jazz in New York zurückblicken, wo er in den 1990er Jahren vor allem mit seiner Fort Apache Band erfolgreich war. Seit 2000 lebt er in Spanien und liefert jetzt ein Tribute an diese Band in abwechslungsreichen Big Band Arrangements des spanischen Arrangeurs Miguel Blanco, mit dem Gonzalez bereits 2006 ein gelungenes Big Band Album eingespielt hatte. Dazu wählten sie sechs Songs aus dem Repertoire der Fort Apache Band aus, unter anderem von Monk, Wayne Shorter und Ron Carter, und fügten zwei Kompositionen von Blanco hinzu. Die Band klingt inspiriert und präzise, solistisch ragen Gonzalez und Pianist Albert Sanz heraus. Dem exzellenten Schlagzeuger Marc Miralta stehen Perkussionisten zur Seite, die gemeinsam die Fort Apache Vision aus Bebop und Latin Jazz mit neuem Leben erfüllen.
Die junge Hannoveraner Big Band des Komponisten, Arrangeurs und Dirigenten Daniel Sebastian Scholz legt eine erfrischende Aufnahme von einem Standard, „Smoke Gets in Your Eyes“, und sieben Eigenkompositionen von Scholz und anderen Band-Mitgliedern vor, die sich durch Witz und Kreativität auf Basis soliden Handwerks auszeichnet. Die Kenntnis und Verwurzelung in der Big Band Tradition wird als Ausgangspunkt für modernere Klang- und Rhythmuselemente genutzt, auch elektronische Effekte werden gelegentlich gekonnt eingefügt. So klingt die Band viel besser, als die Flaschenabbildungen der Musiker im Cover erwarten lassen.
Lars Seniuk gilt als junge Hamburger Hoffnung für Big Band Musik. Jetzt konnte er seine erste Big Band Aufnahme mit sieben Eigenkompositionen einspielen und sein Talent als Arrangeur und Bandleader demonstrieren. Dazu gewann er eine Reihe von ausgezeichneten Mitspielern für sein preisgekröntes New German Art Orchestra wie etwa Pianist Boris Netsvetaev oder Trompeter Stefan Meinberg. Die Arrangements zeichnen sich durch Abwechslungsreichtum aus, wobei einige Crescendo-Passagen etwas lang und heftig geraten sind, etwa in der ersten Komposition der CD mit dem präpubertär klingenden Titel „Der Wichsfrosch und sein Adjutant“ und dem danach folgenden „Prometheus“. Davon abgesehen ist die CD sehr hörenswert.
Ansgar Striepens ist nach Stationen in Köln und Weimar seit 2009 Professor an der Folkwang-Schule in Essen. Er zählt zu den renommiertesten deutschen Komponisten und Big Band Arrangeuren. Auf der vorliegenden CD sind zwei seiner Projekte dokumentiert, die er mit der WDR Big Band aufgenommen hat. Das erste Projekt mit drei Titeln ist dem Architekten Helmut Jacoby gewidmet und wurde im Rahmen des WDR Jazz Preisträgerkonzerts 2013 aufgenommen. Striepens, der Komponist und Preisträger, liefert der Big Band hier gutes Material, das Karolina Strassmayer in „767 Greenwich Street“ zu einem ausdrucksstarken Altsaxofonsolo über John Goldsby’s Bass nutzt. Der zweite Teil stammt aus einem Programm über Bergmannslieder mit Insa Rudolph und Theo Bleckmann als Sänger. Das ist so ein Projekt, das eher zum Gewinn von Kulturpreisen und Fördergeldern führt als Big Band Jazz Fans begeistert. Die Bergmannslieder, so einfach geschrieben, dass sie von Nichtsängern gesungen werden können, sind eher ungeeignetes Big Band Material. Ein Lichtblick ist hier Stefan Bauers Komposition „Chimère“, deren gelungenes Arrangement von der Big Band und Gast Berthold Matschat an der Mundharmonika dankbar umgesetzt wird.
Der junge New Yorker Arrangeur Ryan Truesdell löste schon 2012 mit seiner ersten Einspielung von wiederentdeckten Big Band Arrangements des großen Gil Evans (Centennial, Artistshare) Begeisterung und Auszeichnungen aus. Jetzt legt er mit „Lines of Color“ eine Live-Aufnahme von weiteren Evans-Arbeiten vor. Evans wurde international vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Miles Davis bekannt, etwa mit „Birth of the Cool“ oder „Sketches of Spain“. Bis zu seinem Tod 1988 trat er mit eigenen Bands auf und experimentierte mit Elektronik und Jazz Rock. Doch hier liegt der Schwerpunkt auf seinen klassischen Arrangements, die ihre Wurzeln in der Big Band Ära der 1940er Jahre haben, als Evans Arrangeur für die Claude Thornhill Big Band war. „Davenport Blues“ beschwört mit dem exzellenten Solo von Trompeter Mat Jodrell diese Zeit ebenso wie „Can’t We Talk It Over“ mit Sängerin Wendy Gilles. Weitere solistische Höhepunkte setzt der ex-WDR Big Band Posaunist Marshall Gilkes in „Time of the Barracudas“ und „Greensleeves“ mit ausdrucksstarkem Sound und rhythmischer Finesse. Die CD schließt mit „How High the Moon“ als originell arrangiertem Swinger, angetrieben von Schlagzeuger Lewis Nash. Die glänzend besetzte New Yorker Band spielt die zeitlos meisterlichen Arrangements mit Begeisterung.

Hans-Bernd Kittlaus 25.04.15