Bee Hive: The Complete Sessions


Bee Hive
The Complete Sessions
Mosaic MD12-261 (12 CDs)

Oft erweist sich die Initiative einzelner Menschen als wichtig für das Wohl und Wehe des Jazz und seiner Musiker. Mitte der 1970er Jahre lag der Jazz klassischer Prägung in den USA auf dem Totenbett. Fusion, Rock und Disko waren angesagt, Bebop war out, und Bebop-Musiker nagten vielfach am Hungertuch oder suchten sich Brotjobs. Ausgerechnet in dieser Zeit entschied sich das Ehepaar Jim und Susan Neumann, die ein gut gehendes Beleuchtungstechnik-Geschäft in der Nähe von Chicago betrieben, das Bee Hive Label zu gründen, benannt nach einem Klub in Chicago namens Bee Hive Lounge. In den folgenden sieben Jahren produzierten und veröffentlichten sie sechzehn LPs mit gestandenen Musikern mittleren Alters, die auch von dem Anfang der 1980er Jahre einsetzenden Young Lions Hype nur wenig profitieren konnten. Jetzt erscheint der gesamte Output von Bee Hive in dieser 12-CD-Box, wie immer bei Mosaic in bestmöglicher Tonqualität, die eine wesentliche Verbesserung gegenüber dem eher unbefriedigenden Sound der Original-LPs darstellt.

Es begann 1977 mit einer Aufnahme unter der Führung des brillianten Baritonsaxofonisten Nick Brignola mit dem Titel „Baritone Madness“. Brignola holte Pepper Adams als zweiten Baritonspieler in die Frontline und hatte mit dem in Deutschland kaum bekannten, aber höllisch swingenden Pianisten Derek Smith, dem jungen Dave Holland am Bass und Roy Haynes am Schlagzeug eine Traumbesetzung. Die Band spielte Standards von Charlie Parker bis Benny Golson. Zwei Jahre später durfte Brignola das Konzept unter dem treffenden Titel „Burn Brigade“ mit seinen Bariton-Kollegen Ronnie Cuber und Cecil Payne wiederholen, diesmal mit einer Mischung aus Eigenkompositionen und Bebop-Standards wie Gillespie’s „Groovin‘ High“ und einer Rhythm Section mit Walter Davis Jr., Walter Booker und Jimmy Cobb. Der Sound ist zupackend, die Spielfreude der Musiker jederzeit spürbar. Es schlossen sich weitere Aufnahmen an mit den Bandleadern Saxofonist Sal Nistico, Posaunist Curtis Fuller, Gitarrist Sal Salvador oder Pianist Dick Katz. Die Box bietet viele Highlights. Trompeter Dizzy Reece, der trotz vieler beachtlicher Aufnahmen seit den 1950er Jahren bis heute (er lebt noch) nie die rechte Anerkennung bekam, erhielt für sein „Manhattan Project“ eine verdiente 5-Sterne-Wertung von Downbeat. Die Aufnahme bietet Straight-Ahead Jazz vom Feinsten, unter anderem mit Pianist Albert Dailey, Schlagzeuger Roy Haynes und Tenorsaxofonist Clifford Jordan. Jordan selbst lieferte eine exzellente Aufnahme-Session mit „Hyde Park After Dark“, die von Pianist Norman Simmons arrangiert wurde und die spannenden Unterschiede im Sound zwischen Jordan und dem Chicagoer Tenorsaxofonisten Von Freeman deutlich hervortreten ließ. Jordan’s zweite LP „Dr. Chicago“ von 1984 erwies sich trotz Jacky Byard am Klavier als eigenartig unausgewogen und sollte die letzte Aufnahme des Bee Hive Labels sein. Ungewöhnlich ist „Truckin‘ and Trakin‘“, eine Quartettaufnahme des Pianisten Junior Mance, auf der er weitgehend im Stil von Ray Charles spielt und den langjährigen Ray Charles-Tenorsaxofonisten David Fathead Newman dabei hat. Der zum Zeitpunkt der Aufnahme älteste Bee Hive Leader war Tenorsaxofonist Arnett Cobb, ein Veteran der Big Band von Lionel Hampton mit dickem fetten Texas Tenor Sound, den er im Zusammenspiel mit Pianist Junior Mance, Bassist George Duvivier und Schlagzeuger Panama Francis zelebrierte. Der Pianist Ronnie Mathews konnte gleich zwei seiner wenigen Aufnahmen als Leader für Bee Hive einspielen. Auf „Roots, Branches and Dances“ kombinierte er Eigenkompositionen mit Standards wie „Hi-Fly“ und „It Don’t Mean a Thing“ im Quartett mit Tenorsaxofonist Frank Foster, Bassist Ray Drummond und Schlagzeuger Al Foster. Auf „Legacy“ verfolgte er ein ähnliches Konzept, aber stellte neben den erfahrenen Bill Hardman an der Trompete den jungen lebhaften Saxofonisten Ricky Ford. Das New York Jazz Quartet war eine länger zusammenwirkende Formation mit dem Basie-Veteranen Frank Wess an Tenorsaxofon und Flöte, Meisterpianist Sir Roland Hanna, Bassist George Mraz und Schlagzeuger Ben Riley. „In Chicago“ von 1981 ist eine der letzten Aufnahmen dieser Band, die ihren höchst geschmackvollen Stil wunderbar widergibt. Ein ganz besonderes Highlight ist schließlich „Once in Every Life“ des Sängers Johnny Hartman, aufgenommen 1980, also drei Jahre vor seinem Tod, mit einem Sextett um Pianist Billy Taylor, unter anderem mit dem kürzlich verstorbenen Trompeter Joe Wilder, Frank Wess an Tenorsaxofon und Flöte und dem auch in Deutschland wohlbekannten Schlagzeuger Keith Copeland. Nach dem berühmten Album, das Hartman 1963 mit John Coltrane eingespielt hatte, dürfte dies die beste Arbeit seiner eher unglücklich verlaufenen Karriere sein. Die Geschmeidigkeit seiner Baritonstimme und die Wärme seiner Interpretation bestimmen die Musik von „I Could Write a Book“ bis zu „Easy Living“, wunderbar gestützt von der Spitzenband.

So ökonomisch unvernünftig Gründung und Betrieb des Bee Hive Labels ab 1977 waren, so unvernünftig ist jetzt auch die Wiederveröffentlichung der Bee Hive Aufnahmen in dieser aufwendig produzierten und hochpreisigen 12-CD-Box. Aber Unvernunft kann so viel Freude bereiten!

Hans-Bernd Kittlaus 29.10.15