NSJF 2017


McCoy Tyner

McCoy Tyner

 

North Sea Jazz Festival 2017
Ein überdurchschnittlicher Jahrgang

pdf[1] (erschienen 9/2017)

Wie schon in den Vorjahren war das Port of Rotterdam North Sea Jazz Festival erneut Monate vor Beginn ausverkauft. Die Publikumsmassen wurden vor allem von Pop, Hiphop und Soul Stars wie Usher & The Roots, Laura Mvulu, Mary J. Blige, Erykah Badu, Corey Henry und Jacob Collier angezogen. Auch der Jazz-Teil des Programms war star-gespickt mit Dianne Reeves, Herbie Hancock, Wayne Shorter und Artist-in-Residence Chick Corea, der in drei verschiedenen Formationen auftrat. Wie üblich gab es an 3 Tagen je 8 Stunden Musik auf 12 parallelen Bühnen und täglich etwa 25.000 Besucher bei idealem Wetter.

Pianist und Arrangeur John Beasley hat internationale Aufmerksamkeit bekommen durch die musikalische Leitung der großen Shows zum International Jazz Day in den letzten Jahren. Nach Rotterdam kam er mit seinem Monk’estra, einer West Coast Big Band, die Beasley’s elegante Arrangements von Monk Kompositionen zu dessen 100-stem Geburtstag (10. Oktober) spielte. Solistisch ragten Saxofonist Bob Sheppard und Beasley selbst am Klavier heraus. Als Gast hatte der Niederländer Joris Roelofs einige gute Soli an der Bassklarinette. Beim zweiten Auftritt der Band stieg Dianne Reeves überraschend ein und sang eine bewegende Version von Monk’s “Ask me now“. Ein Themenschwerpunkt lag in diesem Jahr auf Chicago. Dazu waren eine Reihe von Musikern eingeladen, die in unterschiedlichen Formationen zusammenwirkten. Saxofonist Greg Ward brachte sein Tentett 10 Tongues, das komplexe ausgefeilte Arrangements spielte, die immer wieder in beeindruckende Soli mündeten. Trompeter Marquis Hill trat mit seinem Blacktet als Quartett auf, da der angekündigte Vibraphonist Joel Ross fehlte. Mit Greg Ward, Bassist Junior Paul und dem überragenden Power Drummer Makaya McCraven mixte er Hardbop mit Hiphop Rhythmen zu einem mitreißenden Gebräu. McCraven trat unter eigenem Namen in ähnlicher Besetzung auf, wobei der Schwerpunkt noch stärker auf seiner rhythmischen Vielseitigkeit lag.

Der Paul Acket Award ging dieses Jahr an den Saxofonisten Donny McCaslin, der durch die Mitwirkung seiner Band auf der letzten David Bowie CD viel Aufmerksamkeit bekommen hatte. Sein Auftritt im Quartett mit Keyboarder Jason Lindner bewegte sich auf dieser stark elektronisch geprägten Pop-Schiene mit seinem eindrucksvollen Saxofon über dem Sound-Teppich. Noch stärker im Pop-Bereich war natürlich Grace Jones verankert. Die 69-jährige beeindruckte mit fulminanter Bühnenshow, Ganzkörper-Paintings auf nackter Haut und nachwievor eindringlicher Stimme. Trombone Shorty versetzte mit wenigen Takten sein 10.000-Personen-Publikum in New Orleans Partystimmung. Doch es gab auch weitere Highlights auf der Jazz-Seite. Der New Yorker Schlagzeuger Ari Hoenig, bekannt durch seine langjährige Mitwirkung im Kenny Werner Trio, brachte sein eigenes Trio nach Rotterdam. Gemeinsam mit Pianist Nitai Hershkovitz und Bassist Or Bareket erreichte er eine faszinierende Intensität im Zusammenspiel in wahrer Gruppenimprovisation. Trompeter Avishai Cohen kam ebenfalls mit israelischer Band. Der vergleichsweise ruhige Fluss seiner Musik lebte stark von seinem manchmal an Miles Davis erinnernden Trompetensound. Der niederländische Altsaxofonist Maarten Hogenhuis überzeugte in seinem Trio mit strengem akustischen Klangbild und einfallsreichen Soli. Christian McBride trat mit seiner neuen Band The New Jawn in Rotterdam auf, die mit Trompeter Josh Evans, Saxofonist Marcus Strickland und Drummer Nasheet Waits exzellent besetzt war. Er erklärte, dass der Begriff “Jawn“ nur in seiner Heimatstadt Philadelphia bekannt sei und für “Ding“ stehe. Dieses “neue Ding“ war jedenfalls noch nicht ganz rund trotz guter Solos von Evans und McBride selbst. Der österreichische Pianist David Helborn begeisterte in seinem Trio Set mit seinem furiosen Mix zwischen Jazz und Klassik – und wann hört man schon mal eine Bass-Ukulele? Saxofonist Vincent Herring hatte eine All Star Band zusammengestellt, um 100 Jahre Jazz-Aufnahmen unter dem Namen “Jazz – The Story“ zu feiern. Die Band spielte Stücke in den historischen Jazz Stilen angefangen in den 1920er Jahren. Wegen der zeitlichen Begrenzung des Sets auf 90 Minuten mussten sie leider in den 1980er Jahren abbrechen. Solistisch ragten James Carter, Jon Faddis und Steve Turre aus der Truppe heraus. Pianistin Renee Rosnes hatte unter dem Namen “Woman to Woman“ eine achtköpfige weibliche Band zusammengestellt und für gute Arrangements gesorgt. Solistisch begeisterten hier Anat Cohen mit virtuosem Spiel an der Klarinette, Sängerin Cécile McLorin Salvant mit majestätisch-souveräner Stimme und Renee Rosnes selbst mit swingenden Klaviersoli.

Einigen alten Jazz Meistern wurde Referenz erwiesen. So taten sich die Trompeter Enrico Rava und Tomacz Stanko zu einer gemeinsamen Band zusammen. Optisch konnten sie ihr Alter von Mitte 70 nicht verleugnen, aber ihr Trompetenspiel konnte noch immer überzeugen. Die glänzend besetzte Band mit Ravas Pianist Giovanni Guidi und Stankos New York Band Mitgliedern Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Gerald Cleaver verschaffte den alten Herren regelmäßige Atempausen mit ihren spannenden Solo-Einlagen. Der legendäre Pianist McCoy Tyner verabschiedete sich am Ende seines 20-minütigen Trio Sets mit altersmilden Dankesworten von seinem Publikum, vermutlich zum letzten Mal. Sein körperlicher Zustand machte ihn zu einem Schatten seiner selbst, was auch seinem Spiel deutlich anzumerken war. Insofern war es ein kleverer Schachzug seines Managements, ihn nicht nur mit dem wunderbaren Gerald Cannon am Bass und Francesco Mela am Schlagzeug auftreten zu lassen, sondern seinen Trio-Auftritt zu verbinden mit etwa 25-minütigen Auftritten von zwei jüngeren Pianisten. Es begann der Italiener Antonio Faraò mit fulminanter Huldigung Tyners, dann kam Craig Taborn. Der gedachte stilvoll der Pianistin Geri Allen, die ursprünglich zu dem Triumvirat gehörte, aber zwei Wochen vorher verstorben war. Er nannte sie eine stilbildende Stimme für die Pianisten seiner Generation und spielte eine ihrer Kompositionen solo. In seinen beiden Tyner-Trio-Stücken sorgte er für einen der musikalisch besten Momente des Festivals mit furiosen Läufen und brilliantem Interplay mit Cannon und Mela. Dieses Konzert bleibt in Erinnerung in seiner Verbindung von mitreißender Musik mit würdevollen Verbeugungen vor zwei der wichtigsten Jazz Musiker der letzten Jahrzehnte.

Die allgegenwärtigen terroristischen Gefahren veranlassten die Festivalorganisation zu strikteren Regeln, was ins Rotterdamer Ahoy Center hinein gebracht werden durfte, und intensiven Kontrollen. Das hatte den für den Veranstalter angenehmen Nebeneffekt, dass die Besucher so gut wie keine Speisen und Getränke mitbringen durften und umso mehr auf die teuren Verkaufsstände angewiesen waren. Die Erhöhung der Ticketpreise hielt sich in Grenzen. Der 3-Tages-Ticketpreis von € 220 bzw. € 200 als Early Bird Preis bot ein günstiges Preis-Leistungsverhältnis angesichts des umfangreichen und hochwertigen Musikangebots. Festivalchef Jan Willem Luyken und seinem Team gelang 2017 ein höchst erfolgreiches Festival, das auch Fans von Jazz im engeren Sinne ein überdurchschnittlich gutes Programm bot. Die nächste Festival-Ausgabe ist vom 13. bis 15. Juli 2018 geplant. Der Vorverkauf startet am 17. November 2017.

Hans-Bernd Kittlaus