NSJF 2006


North Sea Jazz Festival 2006
Gelungener Start in Rotterdam

pdf[1](erschienen 9/2006)

 

Nach 30 Jahren in Den Haag hat das North Sea Jazz Festival seinen Umzug ins Ahoy Veranstaltungszentrum in Rotterdam glänzend verkraftet. Mit 62.000 Zuschauern in drei Tagen waren die Organisatoren sehr zufrieden, auch wenn es nicht ganz ausverkauft war. Wie gewohnt bot das Festival ein breites musikalisches Spektrum mit Pop, Blues und Soul von Jamiroquai, Van Morrison und den Neville Brothers bis Erykah Badu, Randy Newman und Kanye West, aber natürlich auch Jazz mit Superstars wie Herbie Hancock, Wayne Shorter und Chris Botti.

Highlights

Der diesjährige Artist-in-residence Branford Marsalis zeigte sich in bester Spiellaune. Mit seinem Quartett zelebrierte er Coltrane’s „A Love Supreme” noch überzeugender und eindringlicher als auf seiner auch schon guten DVD-Live-Aufnahme von 2004. Dabei stach Jeff Tain Watts mit schier übermenschlichem Power-Drumming heraus. Marsalis’ Wunschauftritt mit Altmeister Roy Haynes geriet etwas traditioneller, aber folgte seiner Aussage „Wenn Jazz weiterhin ein Publikum erreichen will, müssen wir die Emotion zurück in die Musik bringen”. Darüber hinaus präsentierte Marsalis Gruppen seines Labels Marsalis Music wie das Quartett des wenig bekannten Schlagzeugers Michael Carvin, in dem sowohl Pianist Carlton Holmes als auch Tenorsaxofonist Marcus Strickland solistisch brillierten, sowie das Quartett des Altsaxofonisten Miguel Zenon mit dem Pianisten Luis Perdomo, einem der interessantesten Musiker der aktuellen New Yorker Szene. Aus New York stammt auch Nachwuchspianist Robert Glasper, der mit seinem bestens eingespielten Trio mit Bassist Vicente Archer und Drummer Damion Reid mit dichten Eigenkompositionen Assoziationen mit Mal Waldron weckte.

James Carter ließ das Publikum mit seiner Homage an Don Byas in seinem gewaltigen Tenor-Sound baden, der selbst das Jazz Orchester des Concertgebouw Amsterdam in den Hintergrund drängte. Vor allem im Zusammenspiel mit seinem Quartett mit Pianist Gerard Gibbs bot Carter einen der mitreissendsten Auftritte des Festivals. Ganz anders, aber nicht minder faszinierend wirkte das Zusammentreffen des 86-jährigen Saxofonisten Yusef Lateef mit den Brüdern Belmondo, Lionel an Saxofon und Flöte und Stéphane an der Trompete, die mit großer Band kongeniale Bearbeitungen von Lateefs Kompositionen aufführten. Auch Pianist Hank Jones, inzwischen 88, begeisterte das Publikum mit seinem so geschmackssicheren Spiel im Trio mit Bassist George Mraz und Schlagzeuger Willie Jones. Als Gast hatte er Roberta Gambarini dabei, die die hohe Schule des klassischen Jazz-Gesangs zelebrierte. Bei ihrem zweiten Gastauftritt gelang es ihr, die etwas müde Dizzy Gillespie All Star Big Band aus der Reserve zu locken und im Scat-Duett mit James Moody ihre Virtuosität zu demonstrieren. Ihr North Sea Debut feierte die brasilianische Sängerin Maria Rita mit einem mitreissenden Auftritt, der ihr stehende Ovationen einbrachte. Die Tochter der legendären Sängerin Elis Regina gilt in Brasilien bereits als Star. In Rotterdam verband sie brasilianische Leichtigkeit mit hoher Emotionalität und exzellenten stimmlichen Qualitäten. Deutschland war in Rotterdam u.a. mit Till Brönner sowie der WDR Big Band vertreten, die mit Joe Zawinul ein Weather Report Projekt spielte.

Die Zukunft ist gesichert

Der Festival-Preis, bisher unter dem Namen Bird verliehen, wurde in Erinnerung an den Begründer des North Sea Jazz Festivals in Paul Acket Award umbenannt und ging dieses Jahr an den Posaunisten Conrad Herwig sowie posthum an den Pianisten und Fernsehmoderator Han Reiziger.

Die Leistung der Organisatoren, dieses riesige Festival auf Anhieb am neuen Ort erfolgreich durchzuführen, muss man bewundern. Mit viel akustischen Dämmelementen, Stoff und Teppichfliesen gelang es, aus den teilweise sehr nüchternen Messehallen des Ahoy Centers Säle mit Atmosphäre und guter Akustik zu machen. Das Publikum wusste auch zu schätzen, dass in allen Sälen in ausreichender Zahl Stühle vorhanden waren. Natürlich gab es noch einige Kinderkrankheiten. So wurden einige Säle unerträglich heiß, und die Wege für die Menschenmassen müssen noch optimiert werden, um Staus an einigen neuralgischen Punkten zu vermeiden. Insgesamt stellt das Ahoy Center eine Verbesserung gegenüber dem Den Haager Kongresszentrum dar. Überraschend waren ungewohnte Fehler der Organisatoren in der Programmplanung. So ließ man zum Beispiel zu einem Zeitpunkt vier große Orchester parallel auftreten. Das Musikangebot war mit 13 parallelen Bühnen, von denen allerdings zwei wegen mangelnder akustischer Entkopplung nicht gleichzeitig bespielt werden können, annähernd so umfangreich wie in Den Haag.

Mit dem neuen Veranstaltungsort und einer Reihe von Sponsoren scheint die Zukunft des Festivals bis auf weiteres gesichert. Für das Jahr 2007 haben die Organisatoren sich etwas Neues einfallen lassen. Sie bieten eine Jazz-Kreuzfahrt an, die am 5. Juli in Kopenhagen startet und über Oslo und Hamburg nach Rotterdam führt. Die Teilnehmer werden bereits auf dem Schiff jeden Abend Live Jazz erleben und die Reise mit dem North Sea Jazz Festival vom 13. bis 15. Juli beenden, während dessen sie auf dem Schiff übernachten werden. Das Jazz-Programm auf dem Schiff ist noch nicht veröffentlicht. Als Gastgeber soll Marcus Miller fungieren.

Hans-Bernd Kittlaus