Jazz Cruise 2015

Heißer Jazz in karibischer Wärme

pdf[1](erscheint im Jazz Podium 04/2015)

© Hans-Bernd Kittlaus 2015
Jeff, John + Gerald Clayton by © Hans-Bernd Kittlaus 2015

Wenn das Wetter in Deutschland im Januar kalt und nass ist, macht ein Ausflug in karibische Wärme besondere Freude. In Kombination mit einem Jazz Festival, das Trompeter Byron Stripling als „die großartigste Jazz-Veranstaltung der Welt“ bezeichnete, ist dann für den Fan von Straight Ahead Jazz amerikanischer Prägung das Paradies nicht mehr weit. So war die M/S Eurodam der HollandAmerica Reederei wie immer ausverkauft, als sie von Fort Lauderdale in Florida aus mit 2.000 Passagieren und 100 Spitzenmusikern eine Woche durch die Karibik kreuzte.

Alte und junge Meister

Die Jazz Cruise hat jedes Jahr einige legendäre Musiker dabei, die das 80-ste Lebensjahr überschritten haben. Pianist Dick Hyman war der älteste Musiker an Bord, was man ihm aber weder optisch noch spielerisch anmerkte. Er bot ein überzeugendes Potpourri aus allen Piano-Stilen der Jazz-Geschichte von Stride bis Bebop. Benny Golson gestaltete seine Auftritte mit dem Erzählen seiner spannenden Geschichten aus der Jazz-Historie, ließ seine exzellente Band mit Mike LeDonne, Buster Williams und Carl Allen gern allein spielen und blies nur gelegentlich in sein Tenorsaxofon. Phil Woods war trotz Sauerstoffgerät wesentlich spielfreudiger. In seinem Quintett stachen Trompeter Brian Lynch und Pianist Bill Mays mit einigen mitreißenden Solos heraus. Freddy Cole bestritt die Late Sets in Nachtclub-Atmosphäre, erfreute das Publikum mit Songs seines Bruders Nat King Cole und anderen Standards und hatte mit Randy Napoleon einen guten Nachwuchs-Gitarristen in seiner Band. Houston Person ist der letzte Tenorsaxofonist, dessen hochemotionaler Sound in der Tradition der Texas Tenors steht. Als wandelndes Lexikon amerikanischer Standards spielte er keinen Song zweimal und hatte mit Pianist John Di Martino einen kongenialen Partner in seiner Band. Impresario George Wein, quasi Erfinder des Jazzfestival-Konzepts und Begründer von Festivals wie Newport, New Orleans oder Nizza, wurde von Jazz Cruise Produzent Michael Lazaroff für seine Lebensleistung durch Aufnahme in die Jazz Cruise Hall of Fame geehrt. Dazu wurde ein bewegendes Gala-Konzert von Musical Director Shelly Berg gestaltet, in dem legendäre Momente des Newport Jazz Festivals rekreiert wurden. Wein selbst setzte sich am Ende ans Klavier und sang den Jazz Producer Blues.

Trompeter

Doch es waren nicht nur alte Herren zu hören. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Jazz-Trompete. Randy Brecker war in Begleitung von kleiner Tochter und Ehefrau, der Saxofonistin Ada Rovatti, an Bord und spielte in All Star Sets und der Big Band mit gewohnter Präzision und melodischem Einfallsreichtum. Terell Stafford ließ mit seinen energievollen Solos als Mitglied der Hardbop-Band Clayton Brothers Erinnerungen an Freddie Hubbard wachwerden. Brian Lynch brillierte nicht nur mit Phil Woods, sondern auch in einer All Star Jam Session. Etienne Charles hatte als Mitglied von Marcus Miller’s Band gute solistische Momente. Arturo Sandoval ließ sein altes kubanisches Feuer nur gelegentlich aufblitzen, am stärksten in einer Battle mit Wycliffe Gordon, der zu diesem Zweck von seiner Posaune zur Zugtrompete wechselte und Sandoval herausforderte. Byron Stripling erwies sich nicht nur als herausragender eher traditionell orientierter Trompeter, sondern auch als guter Sänger und Entertainer. Er machte sich zur Aufgabe, Louis Armstrong von seinem Onkel-Tom-Image zu rehablitieren und seine wegweisenden Beiträge für den Jazz in den Vordergrund zu rücken. Der New Yorker Michael Rodriguez konzentrierte sich auf melodisches Spiel, weniger spektakulär, aber sehr berührend.

Wenn es überhaupt etwas an dieser Ausgabe der Jazz Cruise zu kritisieren gab, dann war es die unpassende Auswahl der Sängerinnen im Verhältnis zum Motto der Cruise, den 100-sten Geburtstagen von Billie Holiday und Frank Sinatra. Dabei waren diese Damen keineswegs schlecht. Cyrille Aimée zeigte sich als charmante Sängerin mit Jung-Mädchen-Stimme und fröhlichen federleichten Interpretationen und überzeugte sowohl mit ihrer gitarrengeprägten Band als auch mit Big Band oder in einer Jam Session. Aber da war kein Blues und kein Drama einer Billie Holiday. Tierney Sutton gefiel in der herausfordernden Trio-Besetzung mit Gitarrist Larry Koonse und Flötist Hubert Laws, aber mit Billie hatte das gar nichts zu tun. Niki Haris ist eine ungemein vielseitige Sängerin von Gospel über Jazz Standards bis Pop, aber ihre Billie Holiday Songs erinnerten eher an Diana Ross‘ Interpretationen. Bei den männlichen Sängern passte es besser. John Pizzarelli zeigte seine Herkunft aus der Sinatra-Schule, auch wenn seine Stimme nicht an Frankie-Boy heranreichte. Gregory Porter erwies sich erneut als überragende Stimme unserer Zeit sowohl mit seinen Hits wie auch mit berührenden Interpretationen von Standards. Er und seine Band wirkten erstaunlich frisch und engagiert nach den ca. 300 Konzerten, die sie in den vorherigen zwölf Monaten gegeben hatten.

Der Platz reicht hier nicht aus, alle Bands der Jazz Cruise hinreichend zu würdigen. So seien nur einige besondere Erinnerungen herausgegriffen: Monty Alexander gab ein Konzert in seiner alten Trio-Besetzung mit Bassist John Clayton und Schlagzeuger Jeff Hamilton, das in Punkto Spielfreude, Witz und Einfallsreichtum an die berühmte Montreux ’76 Aufnahme der Band heranreichte und stürmisch umjubelt wurde. Der Sound des immer mit Handschuhen auftretenden Hubert Laws auf der Flöte verzauberte in seiner kultivierten Entrücktheit. Das Christian McBride Trio begeisterte swingend bis funky mit eindrucksvollen solistischen Einlagen von Pianist Christian Sands und Schlagzeuger Ulysses Owens Jr. Niki Haris und Wycliffe Gordon versetzten das Publikum der Gospel Hour in Verzückung mit ekstatischem Gesang und majestischer Posaunenstimme. John Clayton, Christian McBride und Marcus Miller erinnerten gemeinsam an das Superbass Trio und Ray Brown.

Ein wichtiger Aspekt der Jazz Cruise ist die familiäre Atmosphäre zwischen Musikern und Publikum. Man verbrachte eine Woche gemeinsam auf dem Schiff. Es waren junge und alte Musiker dabei, sogar mit Kenny Barron (der nächstes Jahr spielen wird) und John Handy Profis, die nur als Passagiere mitreisten. Viele Musiker brachten Ehepartner und Kinder mit. Es waren die Witwen von Ray Brown, Milt Jackson und Joe Williams dabei, die von Musikern in Konzerten begrüßt und an deren Ehemänner erinnert wurde. Und es gab viele Möglichkeiten zu Gesprächen, etwa mit Jazz-Impresario Todd Barkan (der gerade an seiner Autobiografie arbeitet) oder George Wein (der seine schon vor einigen Jahren veröffentlichte). So ist es kein Wunder, dass nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker gern auf die Cruise kommen. Die nächste wird vom 17. bis 24. Januar 2016 stattfinden mit besonderen Schwerpunkten auf Gesang (Dee Dee Bridgewater, Dianne Reeves, Kurt Elling, Ann Hampton Callaway) und Klarinette (Paquito d’Rivera, Anat Cohen, Ken Peplowski) und sicher wieder ausverkauft sein.

Hans-Bernd Kittlaus 13.02.15

 
Weitere Fotos auf www.hansberndkittlaus.de
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