Es gab wohl keinen Menschen in den
Niederlanden, der ähnlich unglücklich wie Jan Willem Luyken war, als das
niederländische Fußball-Team das WM-Finale erreichte. Der Organisator
hatte am zweiten Juli-Wochenende als Stammtermin für das North Sea Jazz
Festival festgehalten, obwohl das mit dem WM-Endspiel kollidierte. Er
powerte dagegen mit dem glanzvollsten Programm, das North Sea je hatte,
sowie dem Einbau von Public Viewing ins Festival-Programm am
Final-Sonntag. So erreichte er ein gut besuchtes Festival mit offiziell
wie im Vorjahr 70.000 Besuchern und zwei ausverkauften von drei Tagen,
auch wenn es gefühlt etwas weniger war.
Paul Acket Award
Der Paul Acket Award (früher Bird Award) ging
in diesem Jahr an zwei sehr charismatische Musiker. Der junge Trompeter
Christian Scott glänzte bei seinem Gastauftritt im Eröffnungskonzert mit
dem Metropole Orchester ebenso wie bei seinen Interview Sessions und dem
Konzert seines Quintetts. Quincy Jones, inzwischen 77, spielt nicht mehr
Trompete, aber begeisterte im Interview mit Christian McBride durch seine
Lebensfreude, Menschlichkeit und seine faszinierenden Geschichten aus über
60 Jahren in der Musikbranche von Ray Charles bis Sinatra, von seiner Big
Band bis Michael Jackson. Jones ist noch immer sehr am Nachwuchs
interessiert und empfahl dem Publikum die 16-jährige kanadische Sängerin
Nikki Yanofsky sowie den 24-jährigen kubanischen Wunderpianisten Alfredo
Rodriguez, dessen Konzert Jones selbst später ansagte. Rodriguez steht in
der Tradition großer kubanischer Jazz-Musiker wie Chucho Valdez und
Paquito d’Rivera. Er überzeugte im Trio mit dem exzellenten kubanischen
Drummer Francisco Mela und dem bulgarischen (!) Bassisten Peter Slavov mit
der Verbindung von stupender Technik und großer Musikalität. Nikki
Yanofsky begeisterte mit sympathischer Ausstrahlung und einer für eine
16-jährige verblüffenden Bühnenpräsenz. Sie verfügt über eine gewaltige
Stimme, die sie allerdings nicht immer geschmackssicher einsetzte. So
wirkte Billie Holidays „God bless the child" ziemlich unpassend. Trotzdem
kann aus diesem Rohdiamanten noch viel werden.
Schwerpunkte
Mit der Wahl von Ornette Coleman als
Artist-in-Residence zeigte North Sea wie schon im letzten Jahr mit John
Zorn erneut Risikofreude, die vom Altmeister mit drei spannenden Konzerten
belohnt wurde. Im ersten wurde Coleman vom Tenorsaxofonisten Joshua Redman
recht ehrfurchtsvoll, aber gut begleitet. Redman trat damit in die
Fußstapfen seines verstorbenen Vaters Dewey, der oft mit Coleman
gearbeitet hatte. Am Ende des Sets kam Bassist Charlie Haden dazu und
erinnerte an seine Zusammenarbeit mit Coleman vor über 50 Jahren. Das
zweite Konzert zeigte Coleman mit seinem üblichen mit zwei Bassisten
besetzten Quartett, bevor er im letzten Konzert mit Gitarrist James Blood
Ulmer einen kongenialen Mitstreiter hatte, wobei die marokkanische
Jajouka-Gruppe eher als Fremdkörper wirkte. Höchst interessante Gruppen
enthielt die zweitägige Schiene „Global Brooklyn, NY", die die spannende
Jazz-Szene Brooklyns beleuchtete. Das Quintett Tiny Resistors des
Bassisten Todd Sickafoose brachte Modern Jazz, bei dem vor allem John
Ellis an Tenorsaxofon und Bassklarinette mit seinem wunderbaren Sound
begeisterte. Der gebürtige Brite John Escreet spielte fulminant Klavier
mit Anklängen an McCoy Tyner, angetrieben von Drummer Nasheet Waits und
unterlegt von elektronischen Klängen David Binneys an Keyboard und
Saxofon. Der Auftritt des in New York vielgepriesenen Steve Lehman Octet
litt ein wenig unter einem kräftigen Gewitter, das dem schwülen Rotterdam
keine nachhaltige Abkühlung brachte. Musikalisch erwiesen sich die
Arrangements des Oktetts als höchst abwechslungsreich und lohnend, auch
die solistischen Leistungen etwa von Tenorsaxofonist Mark Shim oder Leader
Steve Lehman am Altsaxofon hätten mehr Zuhörer verdient. Ein Höhepunkt war
der Auftritt des Arrangeurs Darcy James Argue, der im Vorjahr in Moers mit
seiner New Yorker Big Band begeistert hatte und in Rotterdam mit dem
Cologne Contemporary Jazz Orchestra auftrat. Die Kölner Band erwies sich
als ebenbürtig und setzte die anspruchsvollen Arrangements Argues
mitreißend um. Der Jazz-Gesang war sehr stark vertreten. Wo kann man sonst
innerhalb von drei Tagen Dianne Reeves, Diana Krall, Dee Dee Bridgewater,
Roberta Gambarini und Kurt Elling live erleben? Grammy-Gewinner Elling
erntete mit seinen wagemutigen Improvisationen ebenso Ovationen wie Dee
Dee Bridgewater, die sich in bester Verfassung zeigte. Sie brachte ihr
Billie Holiday Programm mit einer exzellenten Band, in der besonders James
Carter hervorstach, der sich wilde Saxofon-Duelle mit Craig Handy
lieferte. José James enttäuschte hingegen mit seinem Coltrane Projekt, das
unter einem zweitklassigen Coltrane-Kopierer am Saxofon, schlechtem Sound
und unausgereiften Arrangements litt. Ein weiteres gesangliches Highlight
setzte Catherine Russell, die Songs von Armstrong bis Waller im New
Orleans-Stil mit großer Authentizität sang.
Stars
Im Bereich des klassischen Jazz gab es viele
weitere Höhepunkte. Vibraphonist Bobby Hutcherson schwelgte mit Cedar
Waltons Trio in Rhythmus und Melodie. Pianist Kenny Barron demonstrierte
harmonische Meisterschaft im Quartett mit dem vielseitigen Saxofonisten
David Sanchez. Bassist Ron Carter bot Kammermusik in ihrer schönsten Form
im Trio mit Pianist Mulgrew Miller und Gitarrist Russell Malone. Pianist
Chick Corea faszinierte mit der unbändigen Spielfreude seiner Freedom Star
Band mit Kenny Garrett, Chrstian McBride und dem alterslosen Schlagzeuger
Roy Haynes. Saxofonist Odean Pope zelebrierte das Programm seiner
exzellenten CD „Odean’s List" in All Star Besetzung u.a. mit James Carter,
Eddie Henderson und dem mächtig antreibenden Jeff Tain Watts. Vijay Iyer
zeigte den State-of-the-Art des modernen Klaviertrios. Sonny Rollins
feierte seinen bevorstehenden achtzigsten Geburtstag mit seinem
neubesetzten Quintett mit Gitarrist Peter Bernstein in gewohnter Manier,
indem er sein 1,5-Stunden Konzert erstmal mit einem 20-minütigen Solo
begann, das zu keinem Zeitpunkt langweilig wurde. Joshua Redman ließ sich
von seinem Double Trio zu solistischen Höhenflügen antreiben, bevor Chris
Potter zu einem faszinierenden Finale dazu stieß. Da trat der
weltmusikalisch-unbefriedigende Auftritt zum 70-sten Geburtstag von Herbie
Hancock schnell in den Hintergrund.
Auch auf der Pop-Schiene brachte North Sea
ein unglaubliches Arsenal von Stars, das von Norah Jones bis Earth, Wind &
Fire, von Al Green bis Macy Gray und von Katie Melua bis Joss Stone
reichte. Am Ende wurden die Niederländer für die WM-Final-Niederlage von
Stevie Wonder getröstet, der ein zweistündiges hit-geladenes Konzert bot
und zum Schluss Quincy Jones zu sich auf die Bühne bat. Zwei Legenden, die
die Geschichte der populären Musik der letzten 50 Jahre entscheidend
geprägt haben, beendeten ein denkwürdiges Festival. Jan Willem Luyken
hatte mit seinem stargesättigten Programm Erfolg gegen Fußball-WM und
heiße Temperaturen an, aber finanziell dürfte sich das kaum gerechnet
haben. Wie kann es in Rotterdam weitergehen? Mehr Stars geht nicht, aber
vielleicht mehr Komfort (z.B. Klimatisierung), mehr interessante
thematische Schienen, die durchaus auch mal Mainstream Jazz beinhalten
dürfen, und etwas weniger Kommerz. Die nächste Ausgabe ist geplant vom 8.
bis 10. Juli 2011.
Hans-Bernd Kittlaus