In der 33-sten Ausgabe bot das North Sea Jazz Festival im Rotterdamer Ahoy
Zentrum das gewohnt stargespickte Programm. Mit fast 70.000 Zuschauern in drei
Tagen gelang eine weitere Steigerung, aber nur der Samstag war ausverkauft. Wie
immer traten neben Jazz Stars wie Pat Metheny, Herbie Hancock und Branford
Marsalis auch Vertreter vieler anderer Musikrichtungen auf, so etwa Alicia Keys,
Paul Simon, Angie Stone, die charismatische Angélique Kidjo und der
stimmgewaltige Publikumsliebling Jill Scott.
Schwerpunkte
Passend zum Schwerpunkt Vokal-Jazz war Bobby McFerrin der diesjährige
Artist-in-Residence, der ein fulminantes Eröffnungskonzert mit der gut
aufgelegten NDR Big Band bestritt. Altmeister Mark Murphy überzeugte mit
kompromissloser Improvisation ohne Netz und Sicherung, wobei sein Begleittrio
mit den Deutschen Thomas Rückert am Klavier, Henning Gailing am Baß und dem
niederländischen Schlagzeuger Joost van Schaik ihn exzellent unterstützte und
mehrfach Szenenapplaus erhielt. Diana Krall wirkte zu Beginn ihres
Standards-Programms etwas fahrig und nervös, aber mit Hilfe ihrer erfahrenen
Musiker, insbesondere des Gitarristen Anthony Wilson, legte sich das mit der
Zeit. Auch Roberta Gambarini, die letztes Jahr eines der Festival-Highlights
gesetzt hatte, zeigte starke Nervosität, was vielleicht mit dem
krankheitsbedingten Fehlen von Pianist Hank Jones zu tun hatte, dessen
bevorstehender 90-ster Geburtstag in diesem Set gefeiert werden sollte. Den
vokalen Höhepunkt dieses Jahres brachte das Konzert von Cassandra Wilson, die
entsprechend ihrer neuen CD ‚Loverly’ (Blue Note) Standards zelebrierte. Selten
hat man sie so frei und geradezu fröhlich erlebt, und selten hat sie so viel
improvisiert, etwa mit ihrer gänzlich eigenständigen Version von ‚Them There
Eyes’. In ihrer Band stachen neben Schlagzeuger Herlin Riley der
blues-verströmende Gitarrist Marvin Sewell und der virtuose Pianist Jonathan
Batiste heraus, gerade Anfang 20 und Sproß der Musiker-Familie aus New Orleans.
Cleo Laine und ihr Ehemann und Saxofonist John Dankworth, beide inzwischen von
der britischen Königin geadelt, können ihr Alter von 80 Jahren körperlich nicht
verbergen. Dagegen hat sich Dame Cleo ihre verblüffend alterslose Stimme
bewahrt, diese einzigartige Altstimme, die manchmal im Saal zu schweben schien
und intonationssicher virtuose Tonfolgen meisterte.
Auch wenn die Festival-Organisatoren es nicht als Schwerpunktthema
herausgestellt hatten, erwies sich der gewachsene Einfluss der Schlagzeuger als
wiederkehrendes Element vieler Sets. Mit Herlin Riley bei Cassandra Wilson und
Jeff Hamilton bei Diana Krall waren führende Vertreter der eher traditionellen
Spielweise zu sehen. Davon hat sich eine nachfolgende Generation unter 40
deutlich abgesetzt. Das begann in Rotterdam mit Brian Blade, Stammspieler in
Wayne Shorters Quartett, der im Set des Pianisten Kenny Werner im Zusammenspiel
mit Bassist Scott Colley ein polyrhythmisches Fundament von beachtlicher
Intensität legte. Scott Colley war auch an einem der besten Sets des Festivals
beteiligt, in dem Schlagzeuger Antonio Sanchez, Stammmitglied des Pat Metheny
Trios, die Musik seiner Debut-CD ‚Migration’ (CAMJazz) vorstellte, einer der
stärksten Veröffentlichungen des Jahres 2007. Dabei standen die beiden
Saxofonisten David Sanchez (nicht verwandt) und Miguel Zenon solistisch stärker
im Vordergrund, aber Antonio Sanchez ließ seine Musik mitreissend pulsieren,
setzte in nicht abreissender Folge Akzente, die phasenweise zu einer
eigenständigen Melodielinie wurden, und trieb die beiden Bläser zu fulminanten
Sax Battles an. In diese Drummer-Garde gehört auch Nasheet Waits, dessen Band
Equality aus Jason Morans Trio Bandwagon plus Saxofonist Logan Richardson
bestand. Auch hier ging vom Schlagzeuger Waits ein über den gesamten Set nicht
nachlassender Druck aus, eine Kraft gepaart mit Virtuosität, die seine
Mitmusiker sichtlich inspirierte. Pianist Michel Camilo, dieser Dynamo aus der
Dominikanischen Republik, braucht wahrlich niemanden, der ihn antreibt. Trotzdem
zeigte Dafnis Prieto seine wichtige Rolle in Camilos Trio. Auch er setzte
fortlaufend hochmusikalische Akzente, gab Camilos mitunter überbordender
Virtuosität Struktur und belegte, warum er in New York als einer der wichtigsten
Exponenten des aktuellen Schlagzeugspiels gilt.
Highlights und Entdeckungen
Der diesjährige Paul Acket Award ging an den New Yorker Gitarristen Adam
Rogers. Der ebenfalls nominierte holländische Altsaxofonist und Klarinettist
Joris Roelofs hätte ihn aber ebenso verdient. Er gab ein Preview auf seine im
September erscheinende Debut CD und hatte dazu ein beeindruckendes New Yorker
Trio an seiner Seite. Pianist Aaron Goldberg brillierte mit energiegeladenen
Solos und Bassist Matt Penman und Schlagzeuger Eric Harland legten ein
hochdynamisches Fundament, über dem Roelofs cool seine melodischen Linien blies.
Er folgte einer strengen Stilistik, die besonders auf der Klarinette
faszinierte. Keine unnötige Verzierung, keine Klezmer-artige Verfärbung, sondern
ein eleganter, im positiven Sinne ökonomischer Klang, der Anlass zur Hoffnung
gab, dass Roelofs der Alleinstellung Don Byrons als dem Klarinettisten des
modernen Jazz ein Ende setzen könnte. Auch die in New York lebende Israelin Anat Cohen wusste auf der Klarinette besser zu gefallen als auf dem
Tenorsaxofon. Begleitet von einem konventioneller agierenden Trio mit Pianist
Jason Lindner spielte sie überwiegend lateinamerikanische Songs und bestach mit
einem sehr schönen warmen Ton auf der schwierigen Klarinette, der allerdings
deutlichen Klezmer-Einfluss zeigte. Der letztjährige Gewinner des Paul Acket
Awards, der italienische Posaunist Gianluca Petrella, trat dieses Jahr mit
seiner Gruppe Indigo 4 auf, in der neben dem Leader vor allem Saxofonist
Francesco Bearzatti hervorstach. Beide Bläser begeisterten mit vor Spielfreude
berstenden Solos, zum Beispiel über Ellingtons ‚Mood Indigo’, die Petrella mit
elektronischen Effekten verfremdete. Das klassische Klaviertrio war in diesem
Jahr in Rotterdam nicht so zahlreich vertreten wie auf früheren North Sea
Festivals. Da war es ein besonderer Genuss, Steve Kuhn im Zusammenspiel mit
seinem langjährigen Bassisten David Finck und Schlagzeuger Joey Baron zu
erleben. Hier wurden Standards und Eigenkompositionen wie ‚Oceans in the Sky’
zelebriert mit einem Wohlklang, der danke der solistischen Fähigkeiten der
Beteiligten nie langweilig wurde. Der amerikanische Altsaxofonist mit indischen
Vorfahren, Rudresh Mahanthappa, trat im Quartett mit Pianist Craig Taborn,
Bassist Francois Moutin und Drummer Dan Weiss auf. Seine intelligenten,
hochkomplexen Kompositionen wurden vom Quartett in einer Weise interpretiert,
die komponierte und improvisierte Teile kaum unterscheidbar machte.
Faszinierendes Ensemble-Spiel ging einher mit inspirierten Solos, vor allem von
Muhanthappa und Moutin.
Jan Willem Luyken und sein Organisationsteam entwickelten viele Ideen, um das
Festival im dritten Jahr am neuen Standort Rotterdam weiter zu optimieren. Auch
wenn Luyken bedauerte, nur einmal im Jahr Gelegenheit zu haben, die Ideen
auszuprobieren, sind die Fortschritte unverkennbar. Nur das im Vorjahr
aufgetretene Problem der mangelnden akustischen Entkopplung zweier Bühnen
konnten nicht auf Anhieb gelöst werden, doch auch das wurde am zweiten und
dritten Festivaltag deutlich verbessert. Und die logistische Leistung des
Organisationsteams ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Das nächste Festival
ist vom 10. bis 12. Juli 2009 geplant.
Hans-Bernd Kittlaus