Im Jahr 2 nach dem Umzug von Den Haag ins Ahoy
Veranstaltungszentrum in Rotterdam glänzte das North Sea Jazz Festival mit
Highlights, zeigte aber auch einige Schattenseiten. Mit 65.000 Zuschauern in
drei Tagen war eine Steigerung von 5% gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen, aber
nur der Samstag war ausverkauft. Wie gewohnt bot das Festival ein breites
musikalisches Spektrum mit Pop, Blues und Soul von Paul Anka, Al Green und Katie
Melua bis Steely Dan, Sly & the Family Stone und Snoop Dog, aber natürlich auch
Jazz mit Superstars wie Dee Dee Bridgewater, David Sanborn (der überraschend mit
Marcus Miller auftrat) und Dave Holland.
Highlights
Der diesjährige Artist-in-residence Wynton Marsalis hatte zwei
umjubelte Auftritte mit seinem Lincoln Center Jazz Orchestra und einen mit
seinem aktuellen Quintett. Er demonstrierte seine tiefe Verwurzelung in der
Jazz-Tradition mit seiner exzellent besetzten und eingespielten Big Band sowohl
in einem Ellington-orientierten Programm als auch bei der Interpretation von
Ornette Coleman Titeln. Coleman trat selbst in Rotterdam auf mit gleich drei
Bassisten und Schlagzeug und bot altersweise Improvisationen und einen angenehm
transparenten Sound, der belegte, warum dem Saxofonisten und Geiger im Alter so
viele Huldigungen zuteil werden. Big Band Freunde wurden dieses Jahr sehr gut
bedient. Neben dem Lincoln Center Jazz Orchestra spielten zwei weitere New
Yorker Bands. Der Trompeter Charles Tolliver konnte letztes Jahr mit Hilfe des
Blue Note Labels eine Big Band ins Leben rufen, die in Rotterdam mit spannenden
Arrangements und exzellenten Solisten überzeugte, auch wenn sie nicht optimal
eingespielt war. Ein Vergnügen für sich war dabei die Rhythmusgruppe mit Pianist
George Cables, Bassist Cecil McBee und Schlagzeuger Victor Lewis, von denen man
sich einen separaten Trio-Auftritt gewünscht hätte. Das Vanguard Jazz Orchestra
zeigte sich ebenfalls von seiner besten Seite. Jahrzehntelange montägliche
Auftritte im Village Vanguard haben aus der Band eine bestens geölte Maschine
mit Spitzen-Arrangements gemacht, in der viele gute Solisten Höhepunkte setzten.
Die Sängerin Roberta Gambarini feierte einen Triumph. Begleitet
von Pianist Tamir Hendelmans Trio mit dem kalifornischen Meister-Swinger Jake
Hanna am Schlagzeug sang sie amerikanische Standards in der Tradition von Ella
Fitzgerald. Geadelt wurde ihr Auftritt durch die einfühlsame Begleitung des
Trompeters Roy Hargrove und einen Überraschungsauftritt von Dee Dee Bridgewater,
die mit der New Yorker Italienerin ein mitreissendes Duett über „Midnight Sun"
improvisierte und diese anschließend als die beste jüngere Jazz Sängerin im
Business lobte. Hargrove hatte anschließend einen Auftritt mit seinem neuen
akustischen Quintett, der als körperliche und künstlerische Wiederauferstehung
betrachtet werden muss. Nach einigen Jahren einer gewissen
Orientierungslosigkeit, die 2006 in massive gesundheitliche Probleme gipfelten,
zeigte er sich bei seinem 1:45 Stunden-Set in glänzender Verfassung. Das
Quintett spielte nicht mehr so neo-konservativ wie seine früheren Formationen,
sondern war stilistisch wesentlich offener. Unermüdlich angetrieben durch Montez
Coleman am Schlagzeug brillierten nicht nur Hargrove, sondern auch Altsaxofonist
Justin Robinson und vor allem der junge Pianist Gerald Clayton solistisch. Ein
potentieller nächster Superstar der Jazz-Trompete war auch schon in Rotterdam zu
erleben. Christian Scott ist erst Anfang 20, hat deutlich mehr
Entertainer-Qualitäten als Hargrove, und spielte mit seiner Youngster-Gruppe
weiche Trompetentöne über harten Rock Beats. Eine Sternstunde der Improvisation
boten Altsaxofon-Legende Lee Konitz und Pianist Martial Solal im Zusammenspiel
mit den virtuosen Brüdern Moutin an Baß und Schlagzeug. Wie gut Meister ihres
Fachs zusammen klingen können, wenn sie genügend Zeit für Proben bekommen,
demonstrierte das SF Jazz Collective. Diese All-Star-Band wurde vor vier Jahren
unter anderem von Joshua Redman ins Leben gerufen. Der spielt inzwischen nicht
mehr mit, aber mit Joe Lovano am Tenorsaxofon, Miguel Zenon am Alt, Trompeter
Dave Douglas, Pianistin Renee Rosnes und anderen sind überragende Solisten an
Bord, die in ihrem Programm mit Monk und Eigenkompositionen auch im
Ensemble-Klang überzeugen konnten.
Veränderungen
Die Wahl von Wynton Marsalis als Artist in Residence, der ja wie
kaum ein anderer für Jazz als Great Black Music steht, stellte einen gewissen
Widerspruch dar zur neuen Ausrichtung des neuen Leiters des Festivals, Jan
Willem Luyken, der die europäische Szene wesentlich stärker in den Blickpunkt
rückte. Dies resultierte in einigen interessanten Sets. So trat der italienische
Trompetenaltmeister Enrico Rava mit seiner Gruppe auf, in der vor allem Gianluca
Petrella an der Posaune hervorstach. Petrella war auch der diesjährige
Preisträger des Paul Acket Awards. Die polnische Saxofon-Legende Zbigniew
Namyslowski, international nur noch selten zu sehen, überzeugte mit einer sehr
jungen Band. Der spanische Pianist Chano Dominguez kann sich inzwischen auf
Basis seines großen auch kommerziellen Erfolgs eine 12-köpfige Band leisten, die
allerdings in ihrer Zusammensetzung mit E-Gitarre, Bläsern und Flamenco-Sänger
und Tänzer etwas überladen wirkte. Am überzeugendsten war er mit den Songs, die
er in kleineren Besetzungen spielte. Die Hinwendung zu Europa führte auch dazu,
dass mehr deutsche Musiker für North Sea engagiert wurden als je zuvor. So
traten Franz von Chossy und Frederik Köster mit ihren Gruppen im Rahmen der
European Jazz Competition auf, Michael Schiefel war mit Jazz Indeed ebenso dabei
wie Till Brönner. Der Frankfurter Saxofonist Tony Lakatos hatte einen
glanzvollen Auftritt im Set mit dem ungarischen Pianisten Szakcsi Lakatos, in
dem auch der englische Trompeter Gerard Presencer zu begeistern wusste.
Aus organisatorischer Sicht hatte Luyken keinen guten Einstand.
Zwar wurden die Raumgrößen gegenüber letztem Jahr gut angepasst und die
Wegführung im Ahoy Center optimiert und die Räume waren wieder angenehm und
atmosphärisch ansprechend eingerichtet, aber die Hitze wurde trotz moderater
Außentemperaturen in einigen Sälen unerträglich und beim Sound gab es große
Probleme. Vor allem die mangelnde akustische Entkopplung gleich mehrerer Bühnen
führte bei Besuchern und Musikern zu Verärgerung. Auf die im Vorjahr sehr
bewährten Akustik-Wände hatte man ganz verzichtet, und die Fähigkeiten der
Tontechniker ließen in einigen Sälen zu wünschen übrig. Das Programmheft des
Festivals wurde nur zusammengebunden mit der aktuellen Ausgabe der
niederländischen Jazz-Zeitschrift Jazzism verkauft, was sich als schlechte Idee
entpuppte, da nur wenige den pfundschweren Wälzer durchs Ahoy Center schleppen
wollten. Auch die Programmplanung zeigte wieder Schwächen, so zeugte etwa das
parallele Auftreten von Big Bands (die sich dann auch noch akustisch gegenseitig
beeinträchtigten) oder von Lee Konitz und Ornette Coleman von wenig Verständnis
für die Interessen der Fans. Da gibt es Verbesserungsbedarf für das nächste
Festival vom 11. bis 13. Juli 2008.
Hans-Bernd Kittlaus