Nach 30 Jahren in Den Haag hat das North Sea Jazz Festival seinen Umzug ins
Ahoy Veranstaltungszentrum in Rotterdam glänzend verkraftet. Mit 62.000
Zuschauern in drei Tagen waren die Organisatoren sehr zufrieden, auch wenn es
nicht ganz ausverkauft war. Wie gewohnt bot das Festival ein breites
musikalisches Spektrum mit Pop, Blues und Soul von Jamiroquai, Van Morrison und
den Neville Brothers bis Erykah Badu, Randy Newman und Kanye West, aber
natürlich auch Jazz mit Superstars wie Herbie Hancock, Wayne Shorter und Chris
Botti.
Highlights
Der diesjährige Artist-in-residence Branford Marsalis zeigte sich in bester
Spiellaune. Mit seinem Quartett zelebrierte er Coltrane’s „A Love Supreme" noch
überzeugender und eindringlicher als auf seiner auch schon guten
DVD-Live-Aufnahme von 2004. Dabei stach Jeff Tain Watts mit schier
übermenschlichem Power-Drumming heraus. Marsalis’ Wunschauftritt mit Altmeister
Roy Haynes geriet etwas traditioneller, aber folgte seiner Aussage „Wenn Jazz
weiterhin ein Publikum erreichen will, müssen wir die Emotion zurück in die
Musik bringen". Darüber hinaus präsentierte Marsalis Gruppen seines Labels
Marsalis Music wie das Quartett des wenig bekannten Schlagzeugers Michael Carvin,
in dem sowohl Pianist Carlton Holmes als auch Tenorsaxofonist Marcus Strickland
solistisch brillierten, sowie das Quartett des Altsaxofonisten Miguel Zenon mit
dem Pianisten Luis Perdomo, einem der interessantesten Musiker der aktuellen New
Yorker Szene. Aus New York stammt auch Nachwuchspianist Robert Glasper, der mit
seinem bestens eingespielten Trio mit Bassist Vicente Archer und Drummer Damion
Reid mit dichten Eigenkompositionen Assoziationen mit Mal Waldron weckte.
James Carter ließ das Publikum mit seiner Homage an Don Byas in seinem
gewaltigen Tenor-Sound baden, der selbst das Jazz Orchester des Concertgebouw
Amsterdam in den Hintergrund drängte. Vor allem im Zusammenspiel mit seinem
Quartett mit Pianist Gerard Gibbs bot Carter einen der mitreissendsten Auftritte
des Festivals. Ganz anders, aber nicht minder faszinierend wirkte das
Zusammentreffen des 86-jährigen Saxofonisten Yusef Lateef mit den Brüdern
Belmondo, Lionel an Saxofon und Flöte und Stéphane an der Trompete, die mit
großer Band kongeniale Bearbeitungen von Lateefs Kompositionen aufführten. Auch
Pianist Hank Jones, inzwischen 88, begeisterte das Publikum mit seinem so
geschmackssicheren Spiel im Trio mit Bassist George Mraz und Schlagzeuger Willie
Jones. Als Gast hatte er Roberta Gambarini dabei, die die hohe Schule des
klassischen Jazz-Gesangs zelebrierte. Bei ihrem zweiten Gastauftritt gelang es
ihr, die etwas müde Dizzy Gillespie All Star Big Band aus der Reserve zu locken
und im Scat-Duett mit James Moody ihre Virtuosität zu demonstrieren. Ihr North
Sea Debut feierte die brasilianische Sängerin Maria Rita mit einem mitreissenden
Auftritt, der ihr stehende Ovationen einbrachte. Die Tochter der legendären
Sängerin Elis Regina gilt in Brasilien bereits als Star. In Rotterdam verband
sie brasilianische Leichtigkeit mit hoher Emotionalität und exzellenten
stimmlichen Qualitäten. Deutschland war in Rotterdam u.a. mit Till Brönner sowie
der WDR Big Band vertreten, die mit Joe Zawinul ein Weather Report Projekt
spielte.
Die Zukunft ist gesichert
Der Festival-Preis, bisher unter dem Namen Bird verliehen, wurde in
Erinnerung an den Begründer des North Sea Jazz Festivals in Paul Acket Award
umbenannt und ging dieses Jahr an den Posaunisten Conrad Herwig sowie posthum an
den Pianisten und Fernsehmoderator Han Reiziger.
Die Leistung der Organisatoren, dieses riesige Festival auf Anhieb am neuen
Ort erfolgreich durchzuführen, muss man bewundern. Mit viel akustischen
Dämmelementen, Stoff und Teppichfliesen gelang es, aus den teilweise sehr
nüchternen Messehallen des Ahoy Centers Säle mit Atmosphäre und guter Akustik zu
machen. Das Publikum wusste auch zu schätzen, dass in allen Sälen in
ausreichender Zahl Stühle vorhanden waren. Natürlich gab es noch einige
Kinderkrankheiten. So wurden einige Säle unerträglich heiß, und die Wege für die
Menschenmassen müssen noch optimiert werden, um Staus an einigen neuralgischen
Punkten zu vermeiden. Insgesamt stellt das Ahoy Center eine Verbesserung
gegenüber dem Den Haager Kongresszentrum dar. Überraschend waren ungewohnte
Fehler der Organisatoren in der Programmplanung. So ließ man zum Beispiel zu
einem Zeitpunkt vier große Orchester parallel auftreten. Das Musikangebot war
mit 13 parallelen Bühnen, von denen allerdings zwei wegen mangelnder akustischer
Entkopplung nicht gleichzeitig bespielt werden können, annähernd so umfangreich
wie in Den Haag.
Mit dem neuen Veranstaltungsort und einer Reihe von Sponsoren scheint die
Zukunft des Festivals bis auf weiteres gesichert. Für das Jahr 2007 haben die
Organisatoren sich etwas Neues einfallen lassen. Sie bieten eine Jazz-Kreuzfahrt
an, die am 5. Juli in Kopenhagen startet und über Oslo und Hamburg nach
Rotterdam führt. Die Teilnehmer werden bereits auf dem Schiff jeden Abend Live
Jazz erleben und die Reise mit dem North Sea Jazz Festival vom 13. bis 15. Juli
beenden, während dessen sie auf dem Schiff übernachten werden. Das Jazz-Programm
auf dem Schiff ist noch nicht veröffentlicht. Als Gastgeber soll Marcus Miller
fungieren.
Hans-Bernd Kittlaus