Nach dem leichten Rückgang der Besucherzahlen im vergangenen Jahr war das
North Sea Jazz Festival dieses Mal schon vor Beginn restlos ausverkauft. So
konnten in drei Tagen etwa 70.000 Besucher verzeichnet werden. Verantwortlich
für diesen Ansturm war vor allem die attraktive Pop- und Soul-Schiene von
Santana über Elvis Costello bis Al Jarreau und von Alicia Keys über James Brown
bis zu Patti LaBelle. Das Jazz-Programm bot neben Bewährtem eine Reihe von
spannenden Entdeckungen. Widerstand macht sich in Den Haag gegen den
beschlossenen Umzug des Festivals nach Rotterdam im Jahr 2006 bemerkbar, doch er
dürfte zu spät kommen.
Saxofonisten
Der diesjährige Artist-in-residence Michael Brecker trat gleich viermal in
verschiedenen Formationen auf. Am interessantesten war dabei sein Quindectet,
eine Art kleine Big Band unter Leitung des Pianisten und Arrangeurs Gil
Goldstein. Joshua Redman mühte sich redlich, konnte aber der All Star Formation
mit Pianist Brad Mehldau, Bassist Larry Grenadier, Schlagzeuger Ali Jackson und
Gitarrist Kurt Rosenwinkel keinen rechten Drive verleihen. Rosenwinkel
dominierte die Gruppe mit seinem eigenwilligen Gitarren-Sound, wirkte aber
gleichzeitig abwesend, als spielte er für sich allein. Branford Marsalis bot
hingegen einen brillianten Set mit seiner bestens eingespielten Band mit Pianist
Joey Calderazzo, Bassist Eric Revis und Drummer Jeff Tain Watts. Seine Version
von „Gloomy Sunday" war ein Meisterwerk, das demonstrierte, dass er nach
optimaler Verbindung von Form und Ausdruck strebte, und nicht mehr zeigen
wollte, was er alles kann. Letzteres kann man von James Carter noch nicht
behaupten. Der wohl talentierteste lebende Saxofonist diesseits von Sonny
Rollins hatte mit dem Trompeter Dwight Adams einen soliden Mitspieler dabei, den
er fortgesetzt an die Wand spielte. Das war imposant, aber musikalisch
hinterließ der Set eine gewisse Leere. Welch ein Vergnügen bot dagegen das
Zusammenspiel zweier Altmeister des Altsaxofons, Bud Shank und Phil Woods.
Begleitet vom exzellenten Trio des Pianisten Bill Mays verzichteten die beiden
auf wilde Battles, sondern konzentrierten sich auf die Schönheit ihrer Musik und
ihre individuellen Sounds. Joe Lovano neigt nicht zu Gefühlsausbrüchen, doch
seine Freude am Zusammenspiel mit Pianist Hank Jones, Bassist George Mraz und
Schlagzeuger Dennis Mackrel war deutlich spürbar. Sie spielten ein Programm aus
Balladen ihrer sehr gelungenen gemeinsamen CD ‚I’m All For You’, bei dem vor
allem Jones brillierte. Seine Meisterschaft über die harmonischen Möglichkeiten
des Klaviers, sein charakteristischer Anschlag und seine Improvisationsfreude
boten wieder einmal Genuss pur. Seine offensichtliche geistige und körperliche
Frische waren durch seine gesundheitlichen Probleme im letzten Jahr und den
kürzlichen Tod seines Bruders Elvin ungetrübt und spotteten seinen fast 86
Lebensjahren Hohn.
Renaissance der Form?
Der Jazz lebt seit jeher vom Spannungsfeld zwischen Komposition und
Improvisation, zwischen strenger Form und großer Freiheit. Die Kunst des
Arrangeurs liegt darin, den rechten Weg zwischen diesen Polen zu finden. Einer
der Meister in dieser Kunst ist John Clayton, wohlbekannt als Bassist wie auch
als Dirigent, etwa der WDR Big Band. Nach Den Haag brachte er erstmals das
Clayton Hamilton Jazz Orchestra, eine Big Band, die seit Jahren regelmäßig in
Los Angeles zu erleben ist, aber noch nie zuvor in Europa war. Sie wird geleitet
von John und seinem Bruder, dem Altsaxofonisten Jeff Clayton, sowie Schlagzeuger
Jeff Hamilton. Claytons abwechslungsreiche Arrangements passten wie angegossen
auf diese teuflisch swingende Band und boten immer wieder Freiräume für
solistische Einlagen der Leader, aber auch von so herausragenden
Band-Mitgliedern wie Trompeter Snooky Young, Posaunist George Bohannon und
Tenorsaxofonist Rickey Woodard. Pianistin Carla Bley ist berühmt für ihre
komplexen Arrangements. Sie kam nicht mit eigener Formation, sondern mit Bassist
Charlie Hadens New Liberation Music Orchestra, das in Den Haag seinen zweiten
Auftritt überhaupt bestritt. Bleys Arrangements forderten den Musikern so viel
Konzentration ab, dass der Set trotz namhafter Besetzung arg steif blieb.
Während der New Yorker Pianist Fred Hersch sich in seinem Duo mit Trompeter
Kenny Wheeler kammermusikalischem Wohlklang auf höchstem Niveau hingab, ging es
in seinem Trio + 2 wesentlich dynamischer zur Sache. Mit Bassist Drew Gress, dem
sehr melodisch spielenden Schlagzeuger Matt Wilson, Trompeter Ralph Alessi und
Tony Malaby mit seinem warmen Tenor-Sound brachte Hersch einige der gefragtesten
New Yorker Musiker zusammen, die Herschs Ansatz aus Komposition und Arrangement
in aufregende Musik verwandelten und zu einem Highlight des Festivals machten.
Pianisten
Pianist David Berkman gehört ebenfalls zu den interessanteren New Yorker
Komponisten, verfolgte aber live einen stärker auf Improvisation ausgerichteten
Ansatz als Hersch. Mit Bassist Ugonna Okegwo, Schlagzeuger Gerald Cleaver und
vor allem Saxofonist Dick Oatts brachte er eine aufregende Band nach Den Haag,
die seine Kompositionen in brodelnde Ensemble-Improvisationen umsetzte. McCoy
Tyner brachte gewohnt energiegeladen seinen Flügel zum orchestralen Singen. Sein
Bassist Charnett Moffett zeigte sich mit Bogen wie auch mit publikumswirksamer
Slap-Technik als immer stärker werdendes solistisches Gegenüber zum Pianisten.
Bill Mays ist ein Vertreter des klassischen Klaviertrios in der Tradition eines
Jimmie Rowles oder Hank Jones. Mit seinem deutschen Bassisten Martin Wind und
Schlagzeug-Legende Joe LaBarbera zelebrierte er geschmackvoll swingenden Jazz,
der gespickt war mit intelligenten Wendungen und Zitaten. Seit Michel Camilo
seine Macho-Allüren besser im Zaum hält, gehört er zu den wichtigsten
zeitgenössischen Pianisten. Seine langjähriges Trio mit Bassist Charles Flores
und Drummer Horacio El Negro Hernandez lief sofort auf Hochtouren, wobei Camilo
seine stupende Technik immer in den Dienst der Musik stellte. Er beschränkte
sich keineswegs nur auf Latin Jazz, sondern spielte auch überzeugende
Bebop-Titel, aber gepfeffert mit seinem karibischen Temperament.
Entdeckungen
Der niederländische Bassist Joris Teepe lebt seit langem in New York, ist
aber auch Leiter der Jazz Abteilung des nordniederländischen Konservatoriums der
Universität Groningen. Als Dozenten verpflichtet er vorzugsweise gestandene New
Yorker Jazz-Musiker, die er dieses Jahr unter dem Namen „New York Comes to
Groningen" als Gruppe vorstellte. Schlagzeuger Ralph Peterson trieb die Band in
modernisierter Art-Blakey-Tradition mit einer Energie an, die Musiker wie
Publikum mitriss. Trompeter Brian Lynch zeigte sich mit feurigen Solos in
Top-Form, und auch Saxofonist Don Braden, Pianist David Berkman und Gitarrist
Ron Jackson steuerten inspirierte Solos bei. Für ruhigere Momente sorgte dabei
die Sängerin und Pianistin Dena DeRose, etwa mit dem treffenden Titel ‚I’m
Old-Fashioned’. Das Duo Raw Materials besteht aus dem Pianisten Vijay Iyer und
dem Altsaxofonisten Rudresh Mahanthappa, beides amerikanische Musiker indischer
Herkunft, die in den letzten Jahren mit ihren CD-Veröffentlichungen
Aufmerksamkeit in den USA erzielen konnten. In Den Haag demonstrierten sie ein
erstaunlich reifes musikalisches Konzept, das sich zwischen Charlie Parker und
Neuer Musik aufspannte und auf der Basis intelligent ausgefeilter Kompositionen
genügend Raum für solistische Ausflüge ließ. Dabei war das indisch-asiatische
Erbe zumeist nur unterschwellig zu spüren, etwa im Rhythmus. Mahanthappa bließ
sein Saxofon virtuos mit eigentümlich überstrecktem Nacken, aber mit schönem
Ton. Iyer zeigte sich als überzeugender Pianist, besonders wann immer er die
Kopflastigkeit überwand. Das Trio The Bad Plus konnte in den letzten zwei Jahren
überraschend großen Erfolg und heftige Kontroversen in den USA verbuchen. In Den
Haag mischten sie die Klaviertrio-Tradition in einer Weise auf, die an die
deutsche Musikkomikergruppe Ars Vitalis erinnerte, aber wohl weniger von
anarchischem Humor als vielmehr von dem Versuch geprägt war, Jazz und Rock auf
neue Art miteinander zu kombinieren. Während Pianist Ethan Iverson der
Jazz-Tradition noch am meisten entsprach, pendelte Drummer David King
übergangslos zwischen Jazz und Rock, was manchmal genial und manchmal
dilletantisch wirkte. Bassist Reid Anderson übernahm dabei die schwierige Rolle
des rhythmischen Verbindungsgliedes. Keine Musik für Jazz-Puristen, aber das Den
Haager Publikum war begeistert. Auch der englische Shooting Star Jamie Cullum
erzielte großen Publikumserfolg mit dem Versuch, Jazz und Pop auf neue Weise
miteinander zu kombinieren. Seine sympathisch interessante Gesangsstimme in
Verbindung mit seinem akzeptablen Klavierspiel bildete die Grundlage für ein
kleveres Programm aus Standards wie ‚I get a kick out of you’ und
Eigenkompositionen wie ‚Twentysomething’, die auch textuell ein junges Publikum
ansprachen. Die Arrangements des Bassisten Geoff Gascoyne wurden live im Trio
mit Schlagzeuger Sebastiaan de Krom nicht ganz so ausgefeilt umgesetzt wie auf
CD, doch Cullum wickelte sein Publikum mit der Bühnenpräsenz des geborenen
Entertainers um den kleinen Finger.
Der Bird Award ging dieses Jahr in der Kategorie „Musiker, der größere
Aufmerksamkeit verdient" an den niederländischen Gitarristen Martijn van Iterson.
Der Special Appreciation Award wurde dem legendären Toningenieur Rudy van Gelder
zugesprochen, der ihn allerdings nicht persönlich in Empfang nahm. Die
Organisatoren des Festivals konnten mit dem reibungslosen Ablauf wie auch mit
dem Publikumszuspruch hoch zufrieden sein. Auch die Verkürzung des Programms von
täglich 8 auf 7 Stunden schien niemanden zu stören. Unmut regte sich allerdings
über die Entscheidung, das Festival ab 2006 im Veranstaltungszentrum Ahoy im
Süden von Rotterdam weiterzuführen, weil ein Teil der Hallen des Den Haager
Kongresszentrums der Spitzhacke zum Opfer fallen wird. Leider konnte die Stadt
Den Haag keine akzeptablen alternativen Veranstaltungsort bieten. So wird das
North Sea Jazz Festival mit seiner dreißigsten Ausgabe vom 8. bis 10. Juli 2005
zum letzten Mal in Den Haag stattfinden.
Hans-Bernd Kittlaus