Auch das North Sea Jazz Festival in Den Haag bekam die Wirtschaftskrise zu
spüren. Im Gegensatz zu den Vorjahren war es nicht schon Wochen vorher
ausverkauft, schaffte dann aber doch wieder etwa 70.000 Besucher. Pop, Blues und
Weltmusik waren wie immer prominent vertreten von den Sängerinnen Angelique
Kidjo, Angie Stone und Chaka Khan bis zu Al Jarreau, Marcus Miller und Ike
Turner. Viele Jazz Sets enthielten Widmungen an den zehn Tage vor Festivalbeginn
verstorbenen Bassisten Ray Brown, von Avishai Cohens Basssolo im ersten Set bis
zu Benny Greens Ansprache im letzten Set des Festivals, der Jazz at the
Philharmonic Session.
Ehrungen
Der Bird Award ging in der Kategorie „Musiker, der größere Aufmerksamkeit
verdient" an den niederländischen Trompeter Eric Vloeimans. Mit dem Bird
Special Appreciation Award wurde der Komponist und Keyborder Joe Zawinul
ausgezeichnet, der gerade seinen siebzigsten Geburtstag feiern konnte. Zawinul
konnte den Preis aus der Hand seines alten Weather Report Kollegen Wayne Shorter
entgegennehmen, der dieses Jahr Artist in Residence des Festivals war. Bei
seinen Auftritten an den drei Festivaltagen enttäuschte Shorter allerdings.
Sein Duo Auftritt mit Herbie Hancock geriet sehr introspektiv und blutleer. Sein
Quartett mit Pianist Danilo Perez, Bassist Christian McBride und Drummer Brian
Blade beglückte Shorter nur mit dem Einwerfen von modalen Fetzen wie Miles
Davis an schlechten Tagen, ohne aber einen ähnlich durchdringenden Sound und
Charisma zu entwickeln. Phasenweise wünschte man sich, das offensichtlich
spielfreudige Trio hätte sich ohne den Saxofonisten austoben können. Seit
Shorter beim Verve Label unter Vertrag ist, zeigt er seine Bereitschaft,
vermarktungsfähigere Sounds mit entsprechenden Formationen zu kreieren als
zuvor, als er über dichten Klangteppichen immer abstrakter wurde. Doch der Den
Haager Auftritt ließ vermuten, dass sein Herz an dieser Entwicklung nicht
unbedingt hängt.
Der 94-jährige Altsaxofonist, Trompeter, Komponist und Arrangeur Benny
Carter wurde in einem bewegenden Set des Jazz Orchestra of the Concertgebouw
Amsterdam mit vielen Gästen geehrt, u.a. Toots Thielemans, Johnny Griffin und
Sängerin Roberta Gambarini. Der ebenfalls angekündigte Clark Terry konnte aus
gesundheitlichen Gründen nicht nach Den Haag kommen. Thielemans feierte seinen
im Frühjahr begangenen achtzigsten Geburtstag mit einem sehr romantischen Set
mit Pianist Kenny Werner und Gitarrist Oscar Castro-Neves. Thielemans
einzigartiger Harmonika-Sound „zwischen einem Lächeln und einer Träne"
wurde u.a. in ‚Smile’ zelebriert und war besonders geeignet für eine
Erinnerung an Ray Brown.
Legenden
Seit über 10 Jahren hält die Mingus Big Band gemanagt von Mingus Witwe Sue
das Oeuvre des Meisters am Leben. Der Auftritt in Den Haag unter der
musikalischen Leitung von Saxofonist Craig Handy belegte, dass dies mehr ist als
eine Repertory Band. Das Programm bestand weitgehend aus Titeln ihrer neuen CD
‚Tonight at Noon’, die im Frühjahr zeitgleich mit dem gleichnamigen
Erinnerungsbuch von Sue Mingus herauskam. Selten konnte Mingus zu Lebzeiten
seine Musik in ähnlich überzeugendem Big Band Format aufführen.
Tenorsaxofonist Sam Rivers, mit seinem Rivbea Studio einer Legende der New
Yorker Loft Szene der 60er und 70er Jahre, bekommt sein Alterssitz in Florida
offensichtlich gut. Der fast achtzigjährige zeigte sich bei seinem Auftritt mit
dem jungen Pianisten Jason Moran in glänzender Verfassung. Wie schon auf der CD
‚Black Stars’, von amerikanischen Kritikern zur besten Aufnahme des Jahres
2001 gekürt, boten Moran und Rivers unter dem Namen ‚Bandwagon’ spannende
Musik zwischen Historie und Avantgarde, mit Rückgriffen auf Dizzy Gillespie und
gelungenen Eigenkompositionen. Dabei wurden sie von Bassist Tarus Mateen und
Drummer Nasheet Waits hervorragend unterstützt. Tenorsaxofonist Archie Shepp
hat seine jahrelangen Ansatzprobleme schon seit einiger Zeit überwunden und in
den letzten Jahren einige seiner besten Aufnahmen vorgelegt. In Den Haag zeigte
er sich ungewohnt altersmilde, sein Titel ‚Steam’, in früheren Jahren ein
wütender Protestsong, wurde zu einer melancholischen Ballade. Pianistin Amina
Claudine Meyers bekam viel Raum für ihren gospelgetränkten Gesang, begleitet
von Bassist Cameron Brown und Schlagzeuger Ronnie Burrage.
Das klassische Jazz Piano Trio war im Vergleich zu den Vorjahren weniger
prominent vertreten. Umso erfreulicher der Auftritt von Cedar Walton mit Bassist
Niels Henning Oersted Pedersen und Schlagzeuger Alvin Queen. Obwohl nicht
eingespielt, agierte das Trio mit einem verblüffenden intuitiven Verständnis.
Queen konnte seine Vielseitigkeit auch im Trio mit Pianist Andrew Hill und
Bassist Drew Gress unter Beweis stellen. Hills Musik ist eher karg, sehr dicht
und erinnert gelegentlich an Mal Waldron. Wie nahtlos Queen sich hier einpasste,
zeigte ihn als Meister seines Fachs. Dass ihm aber bluesige und swingende Sounds
mehr Spaß machen, konnte er in einer gelungenen Session mit Tenorsaxofonlegende
Johnny Griffin und dem Den Haager Publikumsliebling Roy Hargrove zeigen, die das
Cedar Walton Trio als Rhythmusgruppe unterstützte. Griffin zeigte sich
spielfreudig wie lange nicht mehr, bewies seine Entertainerqualitäten mit
launigen Ansagen und zeigte Hargrove, wie man den Blues spielt. Zur Höchstform
lief Alvin Queen schließlich in der Abschlusssession ‚Salute to Jazz at the
Philharmonic’ auf. Wie so viele All Star Sessions begann auch diese eher lahm.
Drummer Carl Allen war zunächst arg zurückhaltend, der zweite Drummer Bobby
Durham fiel gesundheitsbedingt aus. Bassist Ray Drummond sorgte trotzdem für
Swing und Tenorsaxofonist Harry Allen und Altsaxofonist Jesse Davis hatten gute
Solomomente. Doch erst als Alvin Queen sich ans zweite Schlagzeug setzte, ging
ein Ruck durch die Band. Er animierte Carl Allen zu einem Drum Battle, der sich
dieser Herausforderung erst etwas widerwillig, doch dann mit zunehmender
Begeisterung stellte. Queen kochte über vor Spielfreude und zog die Band mit
sich. Herausragend dabei Pianist Benny Green und Trompeter Terell Stafford. Dies
erkannte auch der wahrlich nicht schlechte Kornettist Warren Vache an, der
Stafford nach einem besonders gelungenen Solo sein Instrument symbolisch zu
Füssen legte.
Mit fast 80 Jahren ist Drummer Roy Haynes ein Phänomen an Beweglichkeit und
Spannkraft. Für sein Charlie Parker Tribute ‚Birds of a Feather’ hatte er
sich Musiker ausgesucht, die höchstens halb so alt waren wie er und ihn mit
ihrer überschäumenden Spiellaune antrieben, wie er am Ende scherzhaft beklagte
(‚They killed me!’). Bassist Christian McBride swingte gewaltig, Trompeter
Nicholas Payton lieferte vergleichsweise coole Solos, Saxofonist Kenny Garrett
bot ein gefühlvolles ‚April in Paris’. Der überragende Spieler war aber
Pianist Dave Kikoski, der phantastische Läufe mit sehr perkussiven Passagen
kombinierte. Er spielt schon seit 20 Jahren mit Haynes, häufig mit der Mingus
Big Band und ist in den letzten Jahren zu einem der besten Pianisten seiner
Generation gereift. Stehende Ovationen!
SängerInnen
Cassandra Wilson ist etwas gelungen, was nur wenige Musiker schaffen. Sie hat
einen eigenen Stil kreiert, der zu ihrer Stimme und ihrer Herkunft passt und
auch noch erfolgreich ist. In Den Haag erlebte man die sonst so oft
melancholische Sängerin ausgelassen fröhlich, gekleidet in ein weisses
Südstaatenkleid, ihre braunblonden Locken um sich werfend. Sie sang
überwiegend Titel ihrer neuen CD ‚Belly of the Sun’ und ließ die Schwere
der Mississippi Hitze etwa mit ‚Darkness on the Delta’ im Konzertsaal
spürbar werden. Marvin Sewell an der akustischen Gitarre und Perkussionist
Jeffrey Haynes harmonierten unterstützt von Mark Peterson am Baß prächtig mit
Wilsons voller dunkler Altstimme. Selbst Jobims Lied ‚Waters of March’, auf
der CD eher ein Fremdkörper, wirkte im Konzert bruchlos überzeugend. Eine
besonders schöne Version dieses Titels hatte Oleta Adams vor einigen Jahren im
Duett mit Al Jarreau aufgenommen. Den sang sie in Den Haag leider nicht.
Stattdessen bot sie ein reines Popprogramm. Dabei war der Sound grauenvoll
elektronisch überfrachtet, aber das tat der Begeisterung des Publikums für die
in den Niederlanden sehr populäre Sängerin keinen Abbruch. Oleta Adams hat
eine der schönsten Stimmen der Unterhaltungsmusik. Was könnte man daraus mit
der richtigen Instrumentierung machen!
Der Auftritt Andy Beys stand unter keinem guten Stern. Der Sänger und
Pianist legte in den letzten Jahren drei exzellente CDs vor, zuletzt ‚Tuesdays
in Chinatown’, die seine Ausdrucksstärke belegen. Doch seine Stimme zwischen
Bariton und hoher Kopfstimme braucht perfekte Aussteuerung. Dies gelang den
Technikern in Den Haag nicht. Getrübt wurde die Stimmung weiterhin durch ein
unsinniges Zusammenlegen seines Sets mit einer Performance des Entertainers
Michael Franti, des Kopfs der populären Gruppe Spearhead. Franti sollte laut
Programm solo Gedichte vortragen, brachte dann aber drei Musiker mit und machte
aus seinem Auftritt ein Mitsingprogramm. Das passte zu Andy Beys intimem
Vortragsstil überhaupt nicht. Bey sang nach kurzer Pause einige schöne
Balladen, doch die Stimmung war nicht mehr zu retten. Nach vierzehn Jahren trat
die Sängerin Dianne Schuur erstmalig wieder in Den Haag auf. Nach Karriereknick
und Alkoholentziehungskur konnte man eine gereifte Sängerin erleben, die
wesentlich intelligenter als früher mit ihren stimmlichen Fähigkeiten
operierte. Während sie früher in mittleren Lagen stark gepresst klang, ging
sie diese Töne jetzt leichter, eher im Stil einer Cool Jazz Sängerin an,
während sie in der Höhe ihren unverwechselbaren Sound bewahrt hat. Ihr
Programm bestand überwiegend aus Standards, auch ihr Erkennungslied ‚Deedles’
durfte natürlich nicht fehlen. Ein erfreuliches Comeback!
Hein van de Geyn, international bekannt durch seine mehrjährige
Zusammenarbeit mit Dee Dee Bridgewater, die in Den Haag mit ihrem Kurt Weill
Programm begeisterte, hat sich zu einem der besten Bassisten Europas entwickelt
und ist in den Niederlanden auch als Musiklehrer und Produzent sehr aktiv. Er
trat im Duo mit der Sängerin Pauline van Schaik auf, einer jungen Dame mit sehr
schöner, sehr weisser Gesangsstimme. Gemeinsam zelebrierten sie Standards von
‚Sleeping Bee’ bis ‚Tenderly’, dem Titelsong ihrer gemeinsamen CD. Van
de Geyn brillierte mit gefühlvoller Begleitung und virtuosen Solos, van Schaik
sang unspektakulär und doch fesselnd. Eine Darbietung von großer Intimität!
Greetje Kauffeld ist seit vielen Jahren die wohl beste europäische Jazz
Sängerin klassischen Stils. In Den Haag trat sie mit Saxofonist Ferdinand Povel
und dem Cees Slinger Trio auf, mit denen sie gerade eine neue Live CD ‚Devil
May Care’ vorgelegt hat. Keine Überraschungen, aber mitreissender swingender
Jazz Gesang. Die potentielle Nachfolgerin auf dem Thron des europäischen Jazz
Gesangs trat gleich im nächsten Set auf. Die Italienerin Roberta Gambarini ist
allerdings nicht wie Greetje Kauffeld in ihrem Heimatland geblieben, sondern
lebt schon seit drei Jahren in New York. Sie hat jetzt mit Eric Gunnison einen
festen Pianisten, der schon Carmen McRae viele Jahre begleitete, und mit Dave
Pike einen Manager, der das Jazz Business gut kennt. Damit sind die Weichen für
internationalen Erfolg gestellt. Die stimmlichen Fähigkeit dazu hat sie
allemal, wie sie in Den Haag unter Beweis stellte. Sie sang Standards, darunter
so vergessene wie ‚Deep Purple’, und lieferte eine hinreissende Version von
‚Lush Life’, die selbst Jimmy Woode, der als ex-Ellington Bassist den Titel
sicherlich Hunderte von Malen gespielt und gehört hat, sichtlich begeisterte.
Zukunft
Ähnlich wie die Großveranstaltungen in Montreux oder New Orleans ist auch
North Sea über die letzten 10 Jahre immer mehr zu einem allgemeinen
Musikfestival geworden, bei dem Jazz nur noch aus Marketinggründen als
Oberbegriff verwendet wird, aber nicht das gebotene Programm gesamthaft
beschreibt. Solange dabei noch genug Raum bleibt für Gruppen wie etwa
Vandermark 5, dem brillianten Quintett des Chicagoer Tenorsaxofonisten Ken
Vandermark, der – in Europa kaum bemerkt – zur Frontfigur der neuen
amerikanischen Avantgarde geworden ist, kann der Jazz Fan mit dieser Entwicklung
leben. Doch die kommerziellen Zwänge gehen weiter. So sind die Preise für
Tages- bzw. 3-Tages-Karten in den letzten Jahren stetig gestiegen, die
3-Tages-Karte lag dieses Jahr bei €125,-. Deutlich stärker sind die Preise
für Zusatzkonzerte angezogen. Am drastischsten zeigt sich der Preisanstieg beim
Essen und Trinken, was dazu führt, dass es immer mehr Selbstversorger auf dem
Festival gibt. Der Anteil der jugendlichen Besucher ist zurückgegangen, was
sicher auch mit den Preisen zusammenhängt. Gleichzeitig haben die Organisatoren
die Zahl der Sets pro Bühne und Abend reduziert. Waren es früher fünf bis
sechs Sets, wurden dieses Jahr auf manchen Bühnen nur noch vier Sets am Abend
geboten. All dies sind unerfreuliche Entwicklungen, die die Attraktivität des
Festivals beeinträchtigen.
Trotzdem war das Festival hinsichtlich Programm und Organisation auch dieses
Jahr wieder gelungen. Niederländischen und internationalen Nachwuchsmusikern
wurden vielfältige Auftrittsmöglichkeiten geboten, es gab interessante
Schienen wie etwa East meets Jazz (u.a. mit Aziza Mustafa Zadeh), Brasil
Electrico oder eine italienische Schiene unter dem Namen ‚La Vita e Bella’.
Die Organisation funktionierte gewohnt gut. Viel Missmut rief allerdings hervor,
dass die Organisatoren eine unsinnige Idee von anderen Festivals aufgriffen und
alle Musiker, Dienstleister und Journalisten mit bunten Plastikarmbändern
kennzeichneten. Das führte dazu, dass etwa Sängerinnen zu ihrem gediegenen
Night Club Outfit ein stilvolles leuchtend blaues Plastikarmband tragen mussten.
Journalisten wurden gezwungen, diese Armbänder gleich drei Tage anzubehalten,
was zu bösen Vergleichen mit der Kennzeichnung von Tieren führte. Die
Organisatoren in Den Haag und anderswo sollten doch die Verhältnismäßigkeit
ihrer Maßnahmen besser bedenken.
Nachdem das Den Haager Kongresszentrum, das seit Jahren defizitär ist, jetzt
verkauft wurde, tragen sich die neuen Besitzer mit Umbauplänen. So soll die
Statenhal, die 9000 Menschen fasst und die Bühnen für die pop-orientierten
North Sea Acts bietet, abgerissen und durch ein Bürogebäude ersetzt werden.
Dies würde dem North Sea Jazz Festival die kommerzielle Basis nehmen. Daher gab
es Gerüchte, dass das Festival eventuell nach Utrecht umziehen könnte. Die
North Sea Organisatoren stellten klar, man habe noch einen laufenden Vertrag mit
dem Kongresszentrum bis 2005 und wolle sich im September mit den
Verantwortlichen des Kongresszentrums und der Stadt Den Haag zusammensetzen, um
über zukünftige Möglichkeiten für das Festival in Den Haag zu sprechen. Die
nächste Ausgabe von North Sea Jazz soll vom 11. bis 13. Juli 2003 am gewohnten
Ort stattfinden.
Hans-Bernd Kittlaus