Die 26-ste komplett ausverkaufte Ausgabe des North Sea Jazz Festivals bestach
mit einem exzellenten Programm von Jazz und jazznaher Musik in der üblichen
Breite. Es war gespickt mit Stars aus den Bereichen Jazz, Pop, Blues und
Weltmusik von den Sängerinnen Erykah Badu, Cesaria Evora und Omara Portuondo
über George Benson, Al Jarreau und Van Morrison bis zu Marcus Miller, Miriam
Makeba und Herbie Hancock. Auch deutsche Jazzer von Peter Herbolzheimer über
Till Brönner bis zu Engelbert Wrobel waren in größerer Zahl als in den
Vorjahren vertreten. Die Festivalorganisatoren führten eine Reihe von
Neuerungen mit unterschiedlichen Resultaten ein. Die augenfälligsten waren ein
neues durchaus gelungenes Logo, das das Wort ‚Festival’ nicht mehr
beinhaltet und damit auch für andere Unternehmungen nutzbar wird.
Preise und Neuerungen
Nachdem schon im letzten Jahr Kritik an der immer größer werdenden Zahl von
Preisen laut wurde, die im Rahmen des Festivals verliehen wurden, hatten die
Organisatoren das Ganze in diesem Jahr etwas gestrafft. Den Bird Award, der
bisher in drei Kategorien vergeben wurde, gibt es nur noch einmal, nämlich für
einen „Musiker, der größere Aufmerksamkeit verdient". Er ging an den
niederländischen Saxofonisten Toon Roos. Im Rahmen der Edison Jazz Awards –
vergleichbar mit dem Deutschen Schallplattenpreis – erhielt der belgische
Mundharmonika-Virtuose Toots Thielemans einen Preis für sein Lebenswerk, für
den er sich musikalisch im Duo mit Pianist Kenny Werner und begleitet vom Jazz
Orchestra des Concertgebouw Amsterdam bedankte.
Toots Thielemans und Kenny Werner nahmen im Juni eine Duo-CD auf, die als
eine der ersten das neue North Sea Jazz Logo ziert. Die Festivalorganisatoren
haben nämlich ein gleichnamiges CD-Label gestartet, das in Zukunft insbesondere
auch Live-Aufnahmen vom North Sea Jazz Festival auf CD herausbringen soll. Eine
weitere Neuerung ist der Artist-in-Residence, der an den drei Festivaltagen in
unterschiedlichen Formationen auftreten darf. In diesem Jahr fiel diese Ehre auf
George Duke, den erfolgreichen Keyborder, Arrangeur und Produzenten.
Das letztjährige 25-jährige Jubiläum wurde mit einem Bildband gewürdigt,
der einen lesenswerten Text des niederländischen Journalisten Eddy Determeyer
enthält. Die zahlreichen Fotos, überwiegend von Rico d’Rozario, sind nicht
unbedingt künstlerisch wertvoll, wecken aber doch eine Menge Erinnerungen bei
langjährigen Festivalbesuchern. Warum diesem Buch allerdings eine lieblos aus
den Archiven zusammengestellte CD des Verve Labels hinzugefügt wurde, wird das
Geheimnis der Organisatoren bleiben. Wenn man schon eine CD dabei haben wollte,
hätte man aus der Vielzahl von Live Aufnahmen, die im Laufe der Jahre beim
Festival entstanden sind, mit ein wenig mehr Mühe etwas wirklich Gelungenes
schaffen können.
Der Ablauf des Festivals mit über 8 Stunden Musik pro Tag parallel auf 14
Bühnen war wie immer eine Herausforderung, die die Organisatoren um Theo van
den Hoek problemlos bewältigten. Belohnt wurden sie damit, dass die drei
Festivaltage mit über 70.000 Besuchern restlos ausverkauft waren. Die schon im
letzten Jahr spürbare Verärgerung der Besucher über die Einführung eines
Wertmarkensystems für den Verkauf von Speisen und Getränken setzte sich in
diesem Jahr fort. Offenbar wollen die Organisatoren am Umsatz der Händler
partizipieren und diesen auf diese Weise kontrollieren. Die Händler nahmen dies
zum Anlass, ihre Preise kräftig nach oben zu treiben. Viele Besucher reagierten
mit Konsumverzicht, indem sie sich eigene Verpflegung mitbrachten. Insgesamt
eine unerfreuliche Entwicklung!
Alte und junge Meister
Wer Jackie McLean nur als MacAttack, so sein Spitzname, im Ohr hatte, konnte
beim Auftritt des Altsaxofonisten mit Mal Waldrons New York Trio eine
Überraschung erleben. Im Alter entwickelt McLean ein immer überzeugenderes
Balladenspiel. Kongenial begleitet von Waldron am Klavier zelebrierte McLean
diverse Standards, wobei sein charakteristisch harter Saxofonklang einen
attraktiven Kontrast zu der eher weichen Grundstimmung des Sets bildete. Bassist
Reggie Workman und Drummer Andrew Cyrille hatten viel Raum für solistische
Ausflüge. Der fast 80-jährige Von Freeman, Tenorsaxofon-Legende aus Chicago,
bewies noch immer viel Biß und Feuer, mehr jedenfalls als sein Sohn Chico, den
der Alte beim gemeinsamen Auftritt mit anfeuernden Rufen wiederholt aus der
Reserve zu locken versuchte. Solide begleitet wurden sie vom Larry Willis Trio,
also der Rhythmusgruppe von Roy Hargrove. In Erinnerung blieb dabei Von Freemans
meisterliche Interpretation von ‚What’s New?’.
Als der Hüne Randy Weston am Flügel platznahm, wirkte das Instrument gleich
viel handlicher. Und er brachte es zum Klingen auf seine so afrikanisch
geprägte, so spirituelle Art. Mit Unterstützung von James Lewis am Bass und
dem Perkussionisten Mamadi Kamara aus Sierra Leone bot Weston sehr frische
Interpretationen einiger seiner Eigenkompositionen wie ‚African Cookbook’
und ‚Blue Moses’. Höhepunkt war dann ein Solo Westons über Kompositionen
von Thelonious Monk, das ihm stehende Ovationen einbrachte. James Carter
hingegen enttäuschte seine Fans in Den Haag. So brilliant seine Gypsy CD als
Tribut an Django Reinhart ist, live sprang der Funke nicht über. Der Saxofonist
streute Titel ein, die nicht zum CD Programm gehörten und ihm mehr
Entfaltungsmöglichkeiten boten, doch das half angesichts seines eher
zweitklassigen Ensembles auch nicht.
Ganz anders entwickelte sich das Konzert des ex-Count Basie Stars Frank Wess.
Seine Rhythmusgruppe mit dem feurigen Pianisten Danny Mixon, Bassist Larry Gray
und Drummer Brian Grice legte eine swingende Rhythmusplattform in bester Basie
Manier, die Trompeter Terell Stafford zu brillianten mitreissenden Solos
inspirierte. Er zeigte eindrucksvoll, warum er in einem Atemzug mit Wynton
Marsalis, Nicholas Payton und Roy Hargrove genannt wird. Wess selbst , fast 80,
konzentrierte sich überwiegend auf die Flöte und ließ sein Tenorsaxofon nur
gelegentlich hören. Payton gab in Den Haag ein umjubeltes Konzert mit seinem
eingespielten Quintett, das zum Glück wenig mit seiner aktuellen blutleeren
Armstrong Homage CD zu tun hatte.
Tenorsaxofonist Chris Potter glänzte mit seinen Kompositionen ebenso wie mit
seinen Solos und zeigte, dass er die zunehmende Aufmerksamkeit verdient. Pianist
Kevin Hays blieb dabei etwas blass, Bassist Scott Colley war der wie gewohnt
mitdenkende Teamplayer. Drummer Clarence Penn gab der Musik eine wesentlich
weichere Note im Vergleich zu Potters regulärem Drummer Brian Blade, mit dem er
sich noch vor kurzem in Deutschland vorgestellt hatte. Pianist Kenny Barron
absolvierte zwei sehr unterschiedliche Auftritte in Den Haag. Der eine war die
Premiere des All Star Trios mit Bass-Legende Ron Carter und Drummer Billy Cobham,
der seine größten Erfolge im Jazz Rock hatte, hier aber mit überraschend
subtilem Jazz Feeling agierte. Natürlich hatten die drei noch nicht das
intuitive Verständnis füreinander, das Barron in seinem New Yorker Standard
Trio mit Ray Drummond und Ben Riley hat, aber dies wurde kompensiert durch den
Reiz des ersten Mals. Seinen zweiten Auftritt hatte Barron mit der jungen
Geigerin Regina Carter, die in den Vorjahren in Den Haag bereits mit ihren
eigenen Gruppen Begeisterung ausgelöst hatte und im Duett mit Barron als
technisch wie musikalisch brilliantes Talent erwies. Sie bringt der fast
ausgestorbenen Geige im Jazz neuen Auftrieb.
Zwei junge Pianisten fielen sehr positiv auf. Der Schwede Esbjörn Svensson
trat im Trio mit Bassist Dan Berglund und Drummer Magnus Oestroem auf. Seine
wahnwitzigen Läufe mit der rechten Hand faszinierten ebenso wie seine
gelungenen Kompositionen. Dabei wirkte alles sehr energiegeladen, aber – no
blues. Der noch jüngere Niederländer Wolfert Brederode führte gemeinsam mit
Schlagzeuger Eric Ineke ein Quintett an, dem auch der fulminante Trompeter Jarmo
Hoogendijk und der ausdrucksstarke österreichische Saxofonist Harry Sokal
angehörten. Hier war das Ausdrucksspektrum breiter, woran Sokal neben dem
exzellenten Pianisten besonderen Anteil hatte.
Ray Brown vermarktet seine Geburtstage auf das Beste. Durfte man schon seinen
70sten fast zwei Jahre lang mitfeiern, so zelebrierte er in Den Haag bereits
seinen 75sten, auch wenn der erst im Herbst ansteht. Dazu hatte der Bassist den
Pianisten Benny Green und den Schlagzeuger Jeff Hamilton eingeladen, die beide
früher längere Zeit in seinem Trio gespielt hatten. Die drei swingten
höllisch und begleiteten dann weitere Solisten wie Posaunist Steve Turre,
Trompeter James Morrison und die Sängerin Melissa Walker. Benny Green hatte
noch einen zweiten Auftritt im Duo mit dem Gitaristen Russell Malone, in dem auf
virtuose Weise der Blues zelebriert wurde.
Eines der Abschlusskonzerte des Festivals bestritt das Mulgrew Miller Trio
mit Bassist Niels Henning Oersted Pedersen. Schlagzeuger Alvin Queen trieb die
Gruppe mit hartem schnellem Beat an, über dem Miller und NHOP höchst kreativ
Standards interpretierten. Überraschend nannte NHOP Mulgrew Miller auf offener
Bühne den seiner Meinung nach zurzeit besten Jazz Pianisten der Welt. Darüber
kann man angesichts eines Kenny Barron, Randy Weston oder Herbie Hancock sicher
streiten, doch wer der zurzeit beste Jazz Bassist ist, war nach diesem Set
ziemlich klar.
Gesang
Bobby McFerrin, der in letzter Zeit mehr als klassischer Dirigent von sich
reden machte, gab in Den Haag eine seiner gefeierten Solo Performances und
wickelte das Publikum mit seinen faszinierenden Vokalimprovisationen um den
Finger. In einem weiteren Auftritt wagte er mit Chick Corea sehr freie
Improvisationen über Titel wie ‚Autumn leaves’ oder ‚Spain’, die dem
Publikum genauso wie den beiden eine Menge Spaß machten. Auch Coreas Trio
Kollegen Bassist Avishai Cohen und Schlagzeuger Jeff Ballard machten bei einigen
Titeln engagiert mit.
Dianne Reeves wirkte bei ihren Auftritten in diesem Sommer mehr denn je so
souverän und in sich ruhend, dass sie selbst die Riesenbühne des Den Haager
PWA Saals mit ihrer Präsenz problemlos ausfüllte. Ihr Sarah Vaughan Programm
ist ihr offensichtlich eine Herzensangelegenheit und kam live wesentlich
überzeugender rüber als auf ihrer letzten CD, auf der sie zum Teil etwas
verkrampft wirkt. Natürlich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Dianne
Reeves und ihrem Vorbild Sarah Vaughan. Das wurde besonders deutlich bei ‚Send
in the clowns’, das Sarah mit ihren Kolloraturen zur dramatischen Arie machte.
Dem hatte Dianne Reeves nichts adäquates entgegenzusetzen. Wesentlich besser
war dagegen ihr ‚Mood indigo’, nur begleitet von Bassist Reginald Veal, oder
‚Fascinating rhythm’ in Begleitung des vollen Prima La Musica Orchesters
unter Leitung von Dirk Vermeulen. Interessant ist die Veränderung in der
öffentlichen Wertschätzung für Sarah Vaughan. Während viele zu ihren
Lebzeiten ihr divenhaftes Auftreten zum Anlass nahmen, sie auch als Sängerin
abzuqualifizieren, ist sie in den 11 Jahren seit ihrem Tod von vielen Kritikern,
aber insbesondere von vielen jungen Sängerinnnen zum Inbegriff des Jazz-Gesangs
erklärt worden. Es ist an der Zeit, ihr Gesamtwerk neu zu entdecken, und dazu
liefert Dianne Reeves mit ihrer Homage dankenswerterweise einen guten Anstoß.
Jane Monheit hat in den letzten zwei Jahren vor allem in den USA einen
kometenhaften Aufstieg als Jazz Sängerin erlebt. Nach ihrem North Sea Auftritt
muss man feststellen, dass das wohl mehr an dem lolitahaften Äußeren der
23-jährigen liegt als an ihrem Gesang. Sie hat zwar eine angenehme Stimme und
versuchte, ihre Songs mit Jazz Feeling zu interpretieren, doch ihre Phrasierung
war häufig nicht überzeugend und die Risiken, die sie bei Improvisationen
einging, beherrschte sie vielfach nicht. Ganz anders dagegen die in New York
lebende Italienerin Roberta Gambarini. Sie hatte die große Ehre, dass Pianist
Hank Jones mit ihr auftrat und dazu Bassist Niels-Henning Oersted Pedersen und
Drummer Alvin Queen gewann, und erwies sich diesem Staraufgebot durchaus
ebenbürtig. Sie verfügt über keine große Stimme wie Sarah Vaughan, aber sang
mit Präzision und Flexibilität, wobei ihr ihre klassische Ausbildung deutlich
zugute kam. Faszinierend waren insbesondere ihre selbst betexteten Solos von
Johnny Hodges und Dizzy Gillespie. Es gehört nicht viel Wahrsagerei dazu, ihr
eine große Karriere vorherzusagen.
Marlena Shaw zeigte sich wie schon im Vorjahr in blendender Form. Begleitet
von Pianist Bill Cunliffe, mit dem sie nicht immer vollständig harmonierte, und
den Niederländern Bassist Hein van de Geyn und Schlagzeuger Hans van Oosterhout
bot sie ein mitreissendes bluesgetränktes Programm, das ihren 70er Jahre Hit
‚In the ghetto’ in neuer Interpretation wiederaufleben ließ. In bester
schwarzer Erzähltradition zelebrierte sie ‚Go away little boy’ in einer
Frische, dass man kaum glauben konnte, dass dieser Titel nahezu unverändert
bereits über 15 Jahre in ihrem Repertoire ist. Sie erntete verdientermaßen
zweimal volle Säle und stehende Ovationen.
Den Haag war auch im Jahr 2001 eine Reise wert. Im Jazz-nahen Bereich fehlte
allerdings ein wenig der Pfiff, wie ihn zum Beispiel im Vorjahr die Chicago
Avantgarde Schiene gebracht hatte. Warum nicht mal Asian American Jazz aus
Kalifornien oder japanischer Jazz? Starke Promotion erfuhr der Ableger von North
Sea Jazz im südafrikanischen Capetown, wo das Festival vom 28. bis 30. März
2002 stattfinden wird. Das nächste Festival in Den Haag ist vom 12. bis 14.
Juli 2002 geplant.
Hans-Bernd Kittlaus