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Feuer zum North Sea Jubiläum
(erschienen 9/2000)
Die 25-ste Ausgabe des
North Sea Jazz Festivals bestach mit einem exzellenten Programm von Jazz und
jazznaher Musik in der üblichen Breite. Es war gespickt mit Stars aus den
Bereichen Pop, Blues und Jazz von D’Angelo und den kubanischen Buena Vista
Altstars Ruben Gonzalez und Ibrahim Ferrer über George Benson, Al Jarreau und
David Sanborn bis zu Wynton Marsalis, Tony Bennett und Herbie Hancock. Auch ein
Feuer im Den Haager Kongresszentrum, das am letzten Festivaltag durch einen
Kabelbrand ausgelöst wurde und schnell gelöscht war, konnte die
Jubiläumsstimmung nicht trüben. Missklänge verursachten die
Festivalorganisatoren allerdings selbst.
Jubiläum, Ehrungen und Preise
Zum 25-sten Geburtstag des Festivals wurde vor allem des Gründers und
langjährigen Leiters Paul Acket gedacht, der 1992 verstarb. Zu seinen Ehren
benannte man die bisher als Tuin-Pavilion bekannte Bühne um in Paul Acket
Pavilion. Bei der Gelegenheit wurde sogleich der erste einer immer größer
werdenden Zahl von Preisen vergeben, die im Rahmen des Festivals verliehen
werden, nämlich der neu geschaffene NCC Jazz Award. Dieser Preis ist vom Den
Haager Kongresszentrum gestiftet, mit 10.000 Gulden dotiert und soll
alljährlich an einen herausragenden Jazz Studenten einer niederländischen
Musikhochschule vergeben werden. Erster Preisträger war der deutsche Bassist
Uli Glassmann, der bei Hein van de Geyn am Königlichen Konservatorium in Den
Haag studiert. Weiterhin wurden die Edison Jazz Awards – vergleichbar mit dem
Deutschen Schallplattenpreis – und die Bird Awards vergeben, die dieses Jahr
an den Posaunisten J.J. Johnson, den niederländischen Saxofonisten Michael
Moore und Gerry Teekens, den Besitzer des Criss Cross Labels gingen. Man tut den
Preisträgern mit diesem Aufeinanderhäufen von Preisen allerdings keinen
Gefallen, geht doch die Aufmerksamkeit der Presse damit zwangsläufig verloren.
So war es nicht weiter verwunderlich, dass auch die Festivalorganisation in
ihrer Abschlusspresseerklärung vergaß, die Preisträger zu nennen.
Das Jubiläum wurde ausserdem mit einem Bildband gewürdigt, der einen
lesenswerten Text des niederländischen Journalisten Eddy Determeyer enthält.
Die zahlreichen Fotos, überwiegend von Rico d’Rozario, sind nicht unbedingt
künstlerisch wertvoll, wecken aber doch eine Menge Erinnerungen bei
langjährigen Festivalbesuchern. Warum diesem Buch allerdings eine lieblos aus
den Archiven zusammengestellte CD des Verve Labels hinzugefügt wurde, wird das
Geheimnis der Organisatoren bleiben. Wenn man schon eine CD dabei haben wollte,
hätte man aus der Vielzahl von Live Aufnahmen, die im Laufe der Jahre beim
Festival entstanden sind, mit ein wenig mehr Mühe etwas wirklich Gelungenes
schaffen können.
Organisationsprobleme
Der Ablauf des Festivals mit über 8 Stunden Musik pro Tag parallel auf 14
Bühnen war wie immer eine Herausforderung, die die Organisatoren um Theo van
den Hoek problemlos bewältigten. Ansonsten gab es aber eine Häufung von
organisatorischen Fehlern, die angesichts der langjährigen Erfahrung des
Organisationsteams nur verwundern kann. Das begann schon im Vorfeld mit der
neuen Web Site des Festivals (www.northseajazz.nl), die nicht nur
technisch-handwerkliche Mängel aufwies und inhaltlich schlecht gemanagt wurde,
sondern die Besucher noch erheblich damit verärgerte, dass ein technisch
durchschnittlich versierter Besucher die Zeitpläne des Festivals zwar am
Bildschirm anschauen, aber nicht ausdrucken konnte. Da die Organisatoren auf den
online heftig geäusserten Unmut nicht reagierten, muss wohl die Absicht
unterstellt werden, dass man den Erlöß aus dem Verkauf dieser Zeitpläne
während des Festivals nicht schmälern wollte. Noch wesentlich heftiger war die
Verärgerung der Besucher über die Einführung eines Wertmarkensystems für den
Verkauf von Speisen und Getränken. Offenbar wollten die Organisatoren am Umsatz
der Händler partizipieren und diesen auf diese Weise kontrollieren. Da die
Stückelung der Wertmarken sehr grob war (1 Marke = 3,33 Gulden), nutzten die
Händler dies zu drastischen Preiserhöhungen bis zu 50% gegenüber dem Vorjahr.
Viele Besucher reagierten mit Konsumverzicht, indem sie sich eigene Verpflegung
mitbrachten. Insgesamt müssen die Organisatoren sich die Frage gefallen lassen,
ob sie nicht die finanzielle Seite zu sehr im Blick hatten und darüber die
Sicht der Besucher auf diese Maßnahmen vergaßen.
Während der zweite und dritte Festivaltag ausverkauft waren, brachte der
erste Tag den schlechtesten Besuch seit Jahren. Auch hier mussten die
Organisatoren die Schuld bei sich selbst suchen, war doch die Pop-Schiene an
diesem Tag entgegen allen Erfahrungswerten nicht attraktiv genug gestaltet.
Glück im Unglück hatten die Organisatoren (und die Besucher) schließlich am
letzten Tag, als ein Kabelbrand ausbrach und einen großen Teil des
Kongresszentrums, insbesondere das zentrale Treppenhaus, mit übelriechenden
Rauchschwaden füllte. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, und die
Konzerte mussten nur auf zwei Bühnen für einige Zeit unterbrochen werden. In
den übrigen Sälen und Gängen wurde allerdings nicht konsequent über die
Ursache des Rauches informiert, so dass eine Reihe von Besuchern zunächst mal
ins Freie drängte. Zum Glück kam keine Panik auf.
Alte und junge Meister
Die Heath Brothers hatten als Gast den kalifornischen Altsaxofonisten Bud
Shank dabei und ließen es gemütlich angehen. Wohlklang ohne große
Aufregungen! Dass Shank trotz offensichtlicher Konditionsprobleme auch noch
anders kann, bewies er am späteren Abend in der Steamin’ Jam, in der Jimmy
Heath und er von Tenorsaxofonist Sonny Fortune und Altsaxofonist Gary Bartz
herausgefordert wurden. Bartz spielte mit feuriger Intensität und improvisierte
über ‚All Blues’ mitreissend, doch Shank konterte mit Meisterschaft.
Angetrieben von Pianist Stephen Scott, Bassist Steve Novosel und Drummer Carl
Allen war dies eine der besten North Sea Jam Sessions seit langem. Auch
Tenorstar Stanley Turrentine ließ es in seinem Set langsam angehen, kam dann
aber immer mehr in Fahrt. Ganz anders George Coleman, der fast 20 Jahre lang
nicht mehr in Den Haag gewesen war. Auch mit Mitte 60 bestach er vom ersten Ton
an mit Ehrfurcht einflößendem Tenorklang und berstender Energie, die noch
angefeuert wurde von seinem exzellenten Trio mit Pianist John Hicks, Bassist
Curtis Lundy und Drummer Alvin Queen. ‚Separating the men from the boys’,
wie Coleman selbst bei Ansage des Songs ‚Cherokee’ sagte, hätte auch der
Titel des gesamten Sets sein können.
Schon seit Jahren ist Trompeter Roy Hargrove der absolute Liebling des
Festivals. Dieses Jahr durfte er mit dem Metropole Orchestra seine neue etwas
zuckrig geratene CD mit Streichern promoten und spielte wie schon im Vorjahr als
Gast mit der niederländischen New Cool Collective Band. Der Höhepunkt war am
Ende des Festivals sein Auftritt mit seinem Quintett mit dem angekündigten Gast
Organist Jack McDuff, zu dem sich dann unangekündigt Dr. Lonnie Smith und
George Benson hinzugesellten, der offensichtlich Lust hatte, mal wieder richtig
heisse Jazz Gitarre zu spielen. Ähnliche Publikumsbegeisterung lösten in ihren
Sets auch die Nachwuchsgeigerin Regina Carter und Akkordeonist Richard Galliano
aus, der mit seinem New York Quintet mit Geiger Mark Feldman, Pianist Gil
Goldstein, Bassist Scott Colley und Drummer Clarence Penn jazziger denn je
spielte. Viel introvertierter ging es bei Pianist Mal Waldron zu, einem der
letzten großen Individualisten, der mit Reggie Workman am Bass und Andrew
Cyrille am Schlagzeug ideale Mitspieler für seine dichte anspruchsvolle Musik
hatte. Sehr ähnliche Konzepte verfolgten die Gruppen von Klarinettist Don Byron
und von Schlagzeuger Bobby Previte. Sie griffen tief in die Jazz Tradition
zurück, etwa in den Jungle Sound der 20er Jahre, machten daraus höchst
vergnügliche moderne Musik und versahen das Ganze mit witzigen
pseudo-philosophischen Marketing Titeln. Bei Don Byron hieß das ‚Jungle Music
for Postmoderns’. Hier stachen vor allem Pianist Uri Caine und Byron selbst
solistisch hervor, dessen Klarinettensound nicht gerade dem traditionellen
Klangideal entspricht. Bei Bobby Previte’s ‚Bump the Renaissance’ war
Posaunist Ray Anderson überragend, aber die gesamte Gruppe mit Saxofonist Marty
Ehrlich, Pianist Wayne Horwitz und Bassist Steve Swallow zeigte sich in
glänzender Spiellaune. An Miles Davis wurde während des gesamten Festivals
häufig erinnert. Deutlich überzogen wirkte allerdings der Versuch von
Trompeter Wallace Roney und seiner Kind of Blue Band, die berühmte Miles Davis
CD gleichen Namens nahezu eins zu eins nachzuspielen. Am überzeugendsten wirkte
dabei Altsaxofonist Vincent Herring (in der Rolle von Cannonball Adderley). Gab
es Unterschiede zum Original? Ja – Miles wäre nie in einem so schlecht
sitzenden Jacket wie Wallace Roney aufgetreten!
Gesang
Dem Jazzgesang wurde wieder viel Raum in Den Haag zugestanden. So gab es eine
Nachwuchsschiene, in der unter anderem Melissa Walker gut gefallen konnte. Bei
ihrem Set schaute Gary Bartz vorbei, und auch Diana Krall warf einen Blick auf
die Kollegin. Für die schwer erkrankte Dakota Staton sprang Carol Sloane ein,
die ihre kleine Stimme höchst virtuos und mit makelloser Phrasierung
einzusetzen versteht. Sie wurde exzellent begleitet von Pianist Mike LeDonne,
Bassist Ray Drummond und Schlagzeuger Douglas Sides. Neben Standards brachte sie
auch eine gelungene Vocalese Version von ‚Cottontail’ und leitete damit
über zum Auftritt von Jon Hendricks und Annie Ross, die die alten Lambert,
Hendricks & Ross Zeiten wieder aufleben ließen. Auch mit fast 80 ist Jon
Hendricks noch immer der Inbegriff von Hipness. Sie gestalteten ihr Programm
höchst abwechslungsreich einzeln und gemeinsam mit Vocalese Titeln,
unterhaltsamen Stories und einer gehörigen Prise Nostalgie, die vor allem durch
Annie Ross mit ihrem Song ‚Music is forever’ geschürt wurde, in dem sie an
die großen verstorbenen Jazz Musiker von Dizzy bis Ella erinnerte. Sie hatte
damit sicherlich gar nicht Bezug nehmen wollen auf das North Sea Jubiläum, aber
es war der beste Beitrag dazu, denn alle, an die sie erinnerte, hatten in den 25
North Sea Jahren auf der gleichen Bühne gestanden.
Ganz und gar nicht nostalgisch war dagegen der Auftritt der gerade
21-jährigen Blues Sängerin Shemekia Copeland, Tochter des verstorbenen
Blues-Sängers und Gitarristen Johnny Copeland. Sie verfügt über eine
durchdringende gospel-geschulte Stimme und hat die Entertainer-Qualitäten von
Blues Ladies wie Etta James oder Koko Taylor offenbar mit der Muttermilch
aufgesogen. Sie hatte ihr Publikum fest im Griff, und es gehört nicht viel dazu
ihr vorherzusagen, dass sie sehr bald wesentlich größere Säle füllen wird.
Ähnliche Begeisterung löste auch Dee Dee Bridgewater in ihrem inspirierten Set
mit Pianist Thierry Eliez, Bassist Thomas Bramerie und Schlagzeuger Andre
Ceccarelli aus. Ihr Programm entstammte überwiegend ihrer CD ‚Live at Yoshi’s’,
wobei sie ihr schauspielerisches Talent in mitreissender Weise auslebte. Als
dann noch ihr früherer Bassist Hein van de Geyn einstieg, zelebrierte sie
Horace Silvers ‚Jody Grind’ und Gershwins ‚Fascinating Rhythm’. Der Lohn
waren standing ovations.
Die ewige Avantgarde
Der Begriff Avantgarde bedeutet vom Wortsinn her so viel wie Vortrupp und war
über viele Jahre recht unsinnig, weil Avantgarde Musikern wie Cecil Taylor seit
den 70er Jahren überhaupt niemand mehr hinterhermarschierte. Der Free Jazz war
mausetot. Das hat sich in jüngerer Vergangenheit geändert und diese Änderung
wurde in Den Haag dokumentiert. Taylor selbst gab ein ungeplantes Duo Konzert
mit dem Briten Tony Oxley. Die europäische Szene war repräsentiert mit
Musikern wie Alex von Schlippenbach, Evan Parker, Misha Mengelberg und Marc
Ducret. Die amerikanische Szene war ebenfalls mit einigen ihrer Stars vertreten,
allen voran Tenorsaxofonist David S. Ware, geadelt mit einem Major Label Vetrag
bei Sony Columbia, der mit Pianist Matthew Shipp, Bassist William Parker und
Schlagzeuger Guillermo E. Brown den Vorschußlorbeeren allerdings nur bedingt
gerecht werden konnte. Interessanter war da schon die Chicago Schiene, die
selbst im Grußwort von Bill Clinton zum North Sea Jubiläum Erwähnung fand.
Spätestens seit der Gründung der AACM (Association of Advanced Creative
Musicians) in den 60er Jahren wird Chicago weltweit mit der Avantgarde in
Verbindung gebracht. Zwei der AACM Gründer waren in Den Haag. Pianist Muhal
Richard Abrams kam mit einer sehr jungen Gruppe, wirkte aber mit seinem Konzept
seltsam stehengeblieben in den 60er Jahren. Ganz anders der weniger bekannte
Fred Anderson, der mit seinen dichten energiegeladenen Improvisationen am
Tenorsaxofon begleitet von Bassist Tatsu Aoki und Schlagzeuger Hamid Drake
überzeugen konnte. Während Drake mit Anderson höchst abwechslungsreich seinen
afrikanischen Wurzeln nachspürte, lieferte er anschließend im DKV Trio einen
härteren Beat, über den Bassist Kent Kessler und Saxofonist Ken Vandermark
virtuos frei improvisierten, ohne Struktur und Swing über Bord zu schmeissen.
Das DKV Trio wird schon seit einiger Zeit in der amerikanischen Fachpresse in
höchsten Tönen gelobt und als wesentlicher Grund für das wiedererwachte
Interesse an improvisierter Musik an den amerikanischen Colleges genannt. Der
Auftritt in Den Haag machte Lust auf mehr.
Trotz der organisatorischen Ärgernisse war Den Haag auch im Jahr 2000 eine
Reise wert. Mitschnitte von einigen Sets werden im August im Internet auf der
Musik Site gmn.com zu hören sein. Starke Promotion erfuhr der in diesem Jahr
gegründete Ableger des North Sea Jazz Festivals im südafrikanischen Capetown,
wo das Festival am 30. und 31. März 2001 stattfinden wird. Das nächste
Festival in Den Haag ist vom 13. bis 15. Juli 2001 geplant.
Hans-Bernd Kittlaus
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