Vielleicht lag es an dem traumhaften Sommerwetter, daß das North Sea Jazz
Festival in der Zuschauerzahl ganz knapp unter der Kapazitätsgrenze blieb. Aber
mit 68500 Zuschauern in drei Tagen konnten die Organisatoren hochzufrieden sein.
Auch in der 24sten Ausgabe begeisterte das Festival mit einem in Europa
unerreicht breiten Querschnitt von Jazz und jazznaher Musik.
Etablierte Stars
Wie immer war das Den Haager Progamm voll von klangvollen Namen. Das reichte
von Al Jarreau, Oleta Adams, David Sanborn und Elvis Costello im
Pop-orientierten Bereich über die Soul Stars Wilson Pickett und Al Green und
die Blues Jung- und Altstars Jonny Lang und B.B. King bis in den Jazz im engeren
Sinne zu Chick Corea und Herbie Hancock, dessen Versuch, die Musik seiner
exzellenten CD ‘Gershwin’s World’ live darzubieten, von vornherein zum
Scheitern verurteilt war, da die Qualität und Vielfalt der CD (u.a. mit Stevie
Wonder, Joni Mitchell und Kathleen Battle) auch bei bestem Willen nicht mit der
holländischen Sängerin Trijntje Oosterhuis zu reproduzieren war, auch wenn die
holländischen Zuschauer ihr in lokaler Verbundenheit heftig applaudierten.
Schlagzeuglegende Max Roach konnte dieses Jahr den Bird Award entgegennehmen,
der ihm letztes Jahr verliehen worden war. Er bedankte sich mit einem
eindrucksvollen Solo Set und einem unverstärkten Konzert seines Brass Quintet,
in dem Posaunist Delfeayo Marsalis zeigte, daß er das Zeug hat, aus dem
Schatten seiner Brüder Wynton und Branford herauszutreten, und der junge
Trompeter Rod McGaha neben Cecil Bridgewater mit durchdachten Solos glänzte.
Während der Mittsiebziger Roach sich in hervorragender körperlicher Verfassung
präsentierte, konnte sich der nur wenig ältere Trompeter Clark Terry sich
nicht mehr ohne Hilfe auf der Bühne bewegen. Sein Sound auf dem Flügelhorn
erwies sich aber nachwievor als warm und kräftig und seine
Entertainer-Qualitäten demonstrierte er als Sänger mit ‘Squeeze Me’. Ein
anderer alter Herr, Mundharmonikaspieler Toots Thielemans, zeigte sich in
Top-Form im Duo mit Pianist Kenny Werner. Hier hatten sich zwei verwandte Seelen
gefunden. Die beiden erforschten die Schönheit der Musik, wobei Ivan Lins’
‘The Island’ zum besonderen Höhepunkt geriet. Am Schluß pfiffen die
Zuschauer mit Toots seine Komposition ‘Bluesette’, seine Rentenversicherung,
wie er es nannte.
Dianne Reeves ist inzwischen zum Stammgast in Den Haag geworden, und es macht
Spaß, ihre Entwicklung über die Jahre zu beobachten. Sie hat nicht nur ihre
stimmlichen und musikalischen Fähigkeiten stetig weiterentwickelt, sie zeigte
darüber hinaus eine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz, die auch den hintersten
Platz im großen Konzertsaal des Den Haager Kongreßzentrums noch erreichte.
Damit fiel das musikalisch schwächere Pop-Material ihrer neuesten CD ‘Bridges’
nicht so ins Gewicht, das den überwiegenden Teil ihres Sets ausmachte.
Höhepunkt war ein ausdrucksstarkes ‘Yesterdays’ mit Tenorsaxofonist Joe
Lovano als Gast. Am Schluß des Sets stieg schließlich noch Dianne Reeves’
Cousin George Duke am Klavier ein. Eine weitere überzeugende Gesangsdarbietung
kam von Abbey Lincoln, die mit Bobby Hutcherson an Vibrafon und Marimba und
Pianist Marc Cary exzellente Solisten dabei hatte und auf bewegende Weise den
Geist Billie Holidays aufleben ließ.
Die Besetzung des David Murray Tentet las sich wie in Who’s Who des
modernen Jazz. Herausragend waren vor allem Flötist James Newton, Hamiet
Bluiett am Baritonsaxofon, Craig Harris an der Posaune und David Murray selbst
an Tenorsaxofon und Baßklarinette. Sie konzentrierten sich auf ein
abwechslungsreiches Ellington Programm, das allerdings in den Ensemble-Passagen
einige zusätzliche Proben hätte brauchen können. Das All Star Quintet von
Benny Golson machte seinem Namen alle Ehre. Am Flügel swingte Mike LeDonne,
Buster Williams am Baß und Carl Allen am Schlagzeuger hatten gute solistische
Momente, und mit Curtis Fuller an der Posaune hatte Golson einen alten
Weggefährten an der Seite, der wegen seines Hüftleidens lange nicht mehr in
Den Haag zu sehen war.
Die nächste Generation
Pianist Benny Green kam in diesem Jahr im Trio mit Bassist Christian McBride
und Gitarrist Russell Malone. Die drei zeigten harmonisches Zusammenspiel und
brillierten jeweils in dem einen oder anderen Solo, aber insgesamt war das Ganze
arg brav, mehr kammermusikalisch als bluesig. Tenorsaxofonist Joshua Redman ist
auf der Suche nach seinem neuen Sound. Mit seinem frischen Bebop voll
jugendlicher Energie war er Anfang der 90er Jahre zu großer Popularität
gekommen. Die schon auf seinen letzten CDs zu spürende Neuorientierung zeigte
sich auch live. Die stärkere Betonung von Form und Arrangement ist allerdings
noch nicht zu einem harmonischen Ganzen mit Drive und Spielfreude gereift.
Vielleicht bekam Joshua Redman dazu Anregungen vom Joris Teepe Quartet, einer
der erfreulichen Überraschungen des Festivals, das Redman gleich nach seinem
Set als Zuschauer besuchte. Teepe, Bassist und Komponist holländischer Herkunft
mit Wohnsitz New York, präsentierte eine exzellente Band mit dem
Tenorsaxofonisten Chris Potter, dem Pianisten Aaron Goldberg und dem spanischen
Drummer und Perkussionisten Marc Miralta. Teepes Kompositionen waren
Ausgangspunkt für grandiose Solos von Potter, der Struktur und Ausdruckskraft
auf meisterliche Weise zu verbinden wußte. Seine chronische Gehörerkrankung
scheint ihn glücklicherweise nicht merklich in seiner Entwicklung zu behindern.
Hinter Potter brauchten sich die anderen Bandmitglieder nicht zu verstecken. Der
zunächst zurückhaltend wirkende Goldberg steigerte sich in fulminanten Solos,
Miralta zeigte sich nicht nur als kreativer, Akzente setzender Schlagzeuger,
sondern begeisterte auch mit dem ungewöhnlich schönen Sound seiner Congas.
Stefon Harris gilt als die große Nachwuchshoffnung am Vibrafon. Er kommt aus
dem Umfeld des Tenorsaxofonisten Greg Osby, den er auch als Gast dabei hatte und
mit dessen Trio mit Pianist Jason Moran er auftrat. Harris erwies sich als
virtuoser Spieler, der sich aber von seinen „Vorfahren" Milt Jackson und
Bobby Hutcherson insofern absetzte, als für ihn weniger der melodiebetonte
Wohlklang seines Instruments im Vordergrund stand, sondern der Gruppenklang.
Greg Osby blieb etwas blaß bei diesem Auftritt. Ein anderer junger Musiker, der
in letzter Zeit für Schlagzeilen in USA sorgte, ist Kyle Eastwood, der Sohn des
jazzbegeisterten Schauspielers Clint Eastwood. Kyle spielt Baß und kam mit
einer exzellent besetzten Gruppe nach Den Haag. Am Schlagzeug hatte er Yoron
Israel, der lange Zeit bei Ahmad Jamal spielte und in Den Haag höchst dynamisch
trommelte, am Klavier Jon Regen, einen jungen Swinger, an der Trompete den
feurigen Jim Rotondi und am Tenor statt des angekündigten Eric Alexander Craig
Handy, der sein starkes Blues Feeling einbrachte. Eastwood selbst mußte auf den
E-Baß ausweichen, da sein Upright von der Airline versehentlich nach Paris
transportiert worden war, doch das hinderte ihn nicht, neben seinen
Kompositionen auch solide Bass Lines und gute Solos beizusteuern. Natürlich
hilft ihm sein prominenter Name beim Karrierestart, aber der North Sea Auftritt
zeigte, daß hier ein Talent heranwächst, das Beachtung verdient.
Rare Meister
Die North Sea Organisatoren haben es schon seit Jahren immer wieder
geschafft, Musiker nach Den Haag zu holen, die zur Creme der amerikanischen Jazz
Community gehören, aber nur selten in Europa zu sehen sind. So war die
Sängerin Marlena Shaw schon letztes Jahr in Den Haag mit einer Tribute to Ella
All Star Band. Dieses Jahr kam sie mit ihrem eigenen Pianisten und Arrangeur,
dem jungen David Hazeltine, und der überzeugenden holländischen Rhythmusgruppe
von Bassist Hein van de Geyn (früher bei Dee Dee Bridgewater) und Drummer Hans
van Oosterhout. Sie sang inspiriert Standards, wobei sie risiko- und erfolgreich
improvisierte, sich vorzüglich mit Hazeltine duellierte und in ‘Go Away
Little Boy’ mitreißend in bester afro-amerikanischer Tradition eine
Geschichte erzählte. Adam Makowicz, der in USA lebende Pianist polnischer
Herkunft, war ein Darling der amerikanischen Jazz Szene der 80er Jahre. Danach
wurde es ruhiger um ihn. In Den Haag bewies er im Trio mit den Ellington
Veteranen Bassist Jimmy Woode und Drummer Louie Bellson, daß er nichts von
seiner klassisch geprägten Virtuosität verloren hat. Das Programm war
Ellington gewidmet, doch Makowicz fügte nahtlos zwei Chopin Stücke solo ein.
Während Woode höchst lebendig den Baß zupfte, stimmte der Anblick von Louie
Bellson traurig. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, nur das riesige
Schlagzeug Set mit den Initialen LB darauf, hinter dem der schmächtige alte
Mann fast unsichtbar wurde, erinnerte noch daran, daß er als einer der besten
Schlagzeuger der Jazz Geschichte galt.
Zu einem besonderen Genuß wurden die vier Duo Sets von Pianist Sir Roland
Hanna und Sängerin Helen Merrill, in denen Hanna jeweils die erste Hälfte solo
bestritt. Unter seinen Händen wurde der Flügel zum Orchester, sang von den
tiefsten Bässen bis zu den höchsten Höhen. Er spielte dreimal Ellingtons ‘In
a Mellow Tone’, jedesmal völlig anders, aber immer faszinierend. Helen
Merrill kann auf eine fast 50-jährige Karriere zurückblicken, in der sie mit
ihrer vibratolosen coolen Stimme bei Musikern immer sehr geschätzt war,
interessante Alben u.a. mit Clifford Brown, Gil Evans oder Stan Getz aufnahm und
doch in Europa keine allzu hohe Bekanntheit erreichte. In Den Haag wirkte ihre
Stimme am ersten Tag recht brüchig, wurde am zweiten Tag besser und bezauberte
das Publikum im kongenialen Zusammenspiel mit Hanna, insbesondere mit ‘Sometimes
I Feel Like a Motherless Child’. Die CD, die die beiden bereits eingespielt
haben und die Anfang 2000 erscheinen soll, kann man mit Vorfreude erwarten.
Konzepte eines Festivals
Bei einem so erfolgreichen Festival wie North Sea ist es für die
Organisatoren nicht einfach, notwendige Weiterentwicklungen voranzubringen, ohne
die wesentlichen Erfolgsfaktoren zu gefährden. Darin bewiesen Theo van den Hoek
und sein Team auch dieses Jahr wieder ein gutes Händchen, auch wenn nicht alle
Neuerungen optimal funktionierten. So führte der sinnvolle Einbezug der Lobby
des Dorint Hotels in die Festival-Räumlichkeiten nicht nur zu Problemen für
die Zugangskontrolle (wie man sich eigentlich vorher hätte denken können),
sondern auch zu Staus im Eingangsbereich durch den ungünstigen neuen Standort
einer der 15 Bühnen. Erfreulich hingegen ist die Zusammenarbeit mit IAJE, der
International Association of Jazz Educators, die viel Beachtung durch ihre
jährliche Konferenz in USA gefunden hat und ihre Aktivitäten auf Europa
ausdehnen will. IAJE war beteiligt an den Workshops, in denen Meister wie Elvin
Jones oder Benny Golson ihre Erfahrungen weitergaben.
Die wachsende Zahl von Jazz Preisen ist zwar schön für die Geehrten,
insbesondere wenn damit neben der Ehre auch Geld und/oder
Auftrittsmöglichkeiten verbunden sind, nimmt aber inzwischen schon
inflationäre Züge an. So wurde in Den Haag nicht nur der Bird Award verliehen
(in der internationalen Kategorie an Cecil Taylor, der in seinen Sets erneut
sein unerschöpfliches Improvisationsvermögen demonstrierte, in der
niederländischen Kategorie an Henk Meutgeert, den Leiter des Jazz Orchesters
des Amsterdamer Concertgebouw, und als Sonderpreis an den Radioproduzenten Dick
de Winter), sondern auch der Edison Jazz Award, das niederländische Pendant zum
amerikanischen Grammy (Lifetime Achievement Award an Herbie Hancock,
international an Tuck and Patti, niederländisch an den jungen Trompeter Eric
Vloeimans). Eine solche Ansammlung von Preisen erscheint kontraproduktiv,
bekommt der einzelne Preisträger doch damit zwangsläufig nicht mehr das Maß
an Aufmerksamkeit, das eigentlich mit der Auszeichnung verbunden sein sollte.
Die Zahl der Jam Sessions ist gegenüber den Vorjahren deutlich gewachsen.
Das fand großen Zuspruch beim Publikum, sofern die Teilnehmer der Sessions
vorher angekündigt waren, z.B. bei der ‘Tribute to Jazz at the Philharmonic’
Session mit dem Trompeter Nicholas Payton oder bei der Abschluß Party Jam mit
Saxofonist Courtney Pine. Die IAJE Jam Sessions hingegen zeigten, daß
größeres Publikum nur kommt, wenn klar ist, wer (eventuell mit
Überraschungsgästen) spielt. Ein weiteres Kommunikationsproblem stellten auch
dieses Jahr Programmänderungen dar. Diese wurden zwar über das Monitorsystem
des Festivals kommuniziert, aber versteckt zwischen einem Wust von Hinweisen auf
planmäßig laufende Veranstaltungen. Besucher wollen aber aktuelle Änderungen
auf einen Blick sehen können und nicht drei Minuten vor einem Monitor
stehenbleiben, weil eventuell eine aktuelle Änderung eingeblendet werden
könnte.
Gut kam die wachsende Zahl von Programmschienen an wie etwa ‘South African
Stage’ oder ‘Spinning Wheels’, auch wenn die Organisatoren mit
Bezeichnungen wie ‘World Sounds’ oder ‘Hepcats’, die nur Beliebigkeit
versprachen, etwas übers Ziel hinausschossen. Insgesamt war North Sea ’99 ein
Festival, das auch im übertragenen Sinne im Sonnenschein stand. Man darf
gespannt sein auf das 25-ste North Sea Jazz Festival vom 14. bis 16. Juli 2000,
für das die Organisatoren ein besonders attraktives Programm versprachen.
Hans-Bernd Kittlaus