Das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft kostete das North Sea Jazz
Festival nur etwa 1000 Tagestickets, so daß sich insgesamt 68000 Zuschauer an
drei Tagen dem Jazz und verwandten Musikrichtungen hingeben konnten. Nicht ganz
so glimpflich überstanden die Organisatoren einen über Den Haag
hinwegziehenden Sturm, der am letzten Festivaltag den ausgeklügelten Zeitplan
des Festivals stärker als je zuvor in der 23-jährigen Geschichte des North Sea
Jazz Festivals durcheinanderbrachte.
SängerInnen
Der Jazz Gesang ist seit einigen Jahren in Den Haag sehr stark vertreten und
wird auch vom Publikum sehr gut angenommen. Dieses Mal fehlten die jüngeren
männlichen Vertreter des Faches, neben Al Jarreau hielt nur Lou Rawls die
Stellung mit Bewährtem von ‘Lady Love’ bis ‘Fine Brown Frame’. Seine
samtige Baritonstimme, in ihrem Wiedererkennungswert kaum zu übertreffen, kann
dem Zahn der Zeit noch gut widerstehen und entschädigte für die mittelmäßige
Begleitband, aus der nur Gitarrist David T. Walker mit einigen guten Solos
herausragte. Die Sängerinnen hingegen waren zahlenmäßig wesentlich stärker
präsent. Die alte Dame des Scat Gesangs Betty Carter konnte das Publikum mit
ihrem eigenwilligen Gesangsstil überzeugen, auch wenn sie nicht den Drive und
die Dynamik vergangener Jahre entwickelte und mit ihrem neuen unerfahrenen Trio
zu kämpfen hatte. In guter Form zeigten sich Dianne Reeves, die Trompeter
Nicholas Payton zu Gast hatte, sowie Cassandra Wilson, die nicht etwa ihr neues
Miles Davis Programm darbot, sondern Blues-getränkte Songs, die stark geprägt
waren von ihrem neuen Gitarristen Marvin Sewell. Im Tribute to Mahalia Jackson
trat Mavis Staples im Duo mit Lucky Peterson auf, der sie an Klavier und Orgel
begleitete. Höchst inspiriert und mitreißend feierten sie bewährte Gospel und
Spirituals. Diana Krall sang und spielte ihr Standards Programm mit exzellenter
Unterstützung von Bassist Ben Wolfe und Gitarrist Russell Malone, der auch in
seinem eigenen Set zu begeistern wußte. Carmen Lundy hat zweifellos viel Jazz
Feeling, doch wurde der Genuß immer wieder gestört durch den krassen Bruch
zwischen ihrer Kopf- und Bruststimme, den sie technisch nicht in den Griff
bekam. Die überzeugendsten Gesangsdarbietungen standen beide unter der
Überschrift ‘Tribute to Ella (Fitzgerald)’. Dee Dee Bridgewater zelebrierte
ihre Huldigung mit dem Ray Brown Trio mit Drummer Greg Hutchinson und Pianist
Geoff Keezer, der dem Trio einen etwas weicheren Sound gab als der bisherige
Pianist Benny Green. Dee Dee zeigte sich bester Stimmung und glänzte mit Titeln
wie ‘I’m beginning to see the light’ und ‘Mack the knife’. Marlena
Shaw wird nicht unbedingt zur ersten Garde der Jazz Sängerinnen gezählt, doch
präsentierte sie sich in Top Form und fiel keineswegs ab gegen ihre Mitspieler
Vibrafonist Milt Jackson, Posaunist Slide Hampton, Trompeter Jon Faddis,
Saxofonist Frank Foster, Pianist Kenny Barron (für den erkrankten Tommy
Flanagan), Bassist Keter Betts und Schlagzeuger Grady Tate. Eine wahre Dream
Band, mit der sicherlich auch Ella gern aufgetreten wäre!
Highlights
Kenny Barron war nicht nur mit der Ella Tribute Band, sondern auch solo und
im Duo mit dem Bassisten Charlie Haden zu hören. Er gehört zweifellos in der
Nachfolge etwa eines Hank Jones zu den großen Piano Stilisten unserer Zeit.
Sein Zusammenspiel mit Charlie Haden strömte viel Vertrautheit und
Seelenverwandtschaft aus, mit schlafwandlerischer Sicherheit spielten sich die
beiden die musikalischen Bälle zu. Das Ergebnis war Musik von seltener
Schönheit. Wesentlich lauter, aber nicht weniger musikalisch war der Auftritt
des Wallace Roney Quintetts mit Bruder Antoine Roney am Saxofon, seiner Ehefrau
und Pianistin Geri Allen, Bassist Buster Williams und Schlagzeuger Lenny White.
Die Gruppe harmonierte prächtig auf höchstem Energie Niveau. Wallace Roney
bestach mit durchdachten Solos und seinem immer intensiveren Sound. Er findet
zunehmend seine eigene Stimme an der Trompete. Diese eigene Stimme hat Charles
Lloyd am Tenorsaxofon schon lang. Auch in Den Haag gelangen ihm mehrfach Momente
von meditativer Qualität auf hohem musikalischen Niveau. In seinem Quartett
stach vor allem Pianist Bobo Stenson mit seinen kreativen Läufen hervor. Dave
Holland konnte mit seinem Quintett entgegen der ursprünglichen Planung auf der
größten Bühne des Den Haager Kongreßzentrums auftreten und hatte keine
Schwierigkeiten, den Raum mit Musik zu füllen. Vor allem Posaunist Robin
Eubanks demonstrierte seine zunehmende Reife als Solist. Den Schlußpunkt des
diesjährigen Festivals setzte Saxofonist Kenny Garrett mit einem mitreißenden
Set. Musikalischer Höhepunkt war dabei ‘Giant Steps’, in dem Garrett seinem
Vorbild John Coltrane nacheiferte und fulminant gegen den harten treibenden Beat
seines Schlagzeugers Chris Dave improvisierte. Am Ende spielte Garrett funky und
ließ das Publikum nach über 25 Festivalstunden noch einmal tanzen.
Organisation im Sturm
Das Den Haager Festival bietet auf 14 Bühnen parallel Musik. Damit steht und
fällt der Genuß der Zuschauer mit der Einhaltung der Zeitplanung auf allen
Bühnen, da sie anderenfalls ihre anhand des Zeitplans gemachte persönliche
Festivalplanung nicht einhalten können und ärgerliche Wartezeiten in Kauf
nehmen müssen. An den ersten zwei Festivaltagen hielten sich Verspätungen in
Grenzen, doch am dritten Tag erwischte es die Organisatoren voll. Aufgrund von
Reiseverspätungen begann Betty Carter später, McCoy Tyners Set mußte sogar
verschoben werden. Als schließlich die Dachterrasse wegen des starken Sturms
über Den Haag geschlossen werden mußte, wurde es vollends unübersichtlich.
Zwar reagierten Theo van den Hoek und sein Team schnell und setzten die drei auf
der Dachterrasse geplanten Sets auf anderen Bühnen an, doch gelang es nicht,
diese Änderungen gut zu kommunizieren. Dabei waren die Voraussetzungen für die
Kommunikation eigentlich günstig, gab es doch ein dichtes Monitornetz im
Kongreßzentrum. Es mangelte jedoch offensichtlich an einem durchdachten Konzept
für diese besondere Situation. Auf den Monitoren wurde unsinnigerweise weiter
über die planmäßig laufenden Konzerte informiert, die sowieso jeder Zuschauer
in seinem Zeitplan sah, nicht aber schwerpunktmäßig über die Änderungen.
Dadurch waren viele Besucher, die sich auf die Konzerte von John Zorn, Dave
Holland oder Kenny Garrett gefreut hatten, zunehmend verärgert, denn auch die
Festival-Mitarbeiter, die um Rat gefragt wurden, waren nicht informiert.
Der alljährlich verliehene Bird Award ging dieses Jahr an Max Roach in der
internationalen Kategorie, den Bassisten Hein van de Geyn in der
niederländischen Kategorie und den Rundfunkmoderator Aad Bos als Sonderpreis.
Mit Max Roach war nicht zum ersten Mal der internationale Preisträger nicht
anwesend. Dies trägt nicht zur Reputation des Awards bei. Es wäre
wünschenswert, in Zukunft nur solche Musiker zu nominieren, die für das
Festival bereits gebucht sind.
Jam Sessions
Erfreuerlicherweise griffen die Organisatoren die letztjährige Anregung auf
(siehe JP 9/97) und experimentierten mit verschiedenen Formen von Sessions
jenseits der von der Musikindustrie vorgegebenen Gruppen. So bekam zum Beispiel
Dianne Reeves die Möglichkeit, sich zu ihrem Set einen Gast einzuladen. Sie
wählte Trompeter Nicholas Payton, der sie sehr gelungen begleitete. Eine echte
Jam Session in dem Sinne, daß auch weniger bekannte Musiker mit einsteigen
konnten, fand unter Leitung von Posaunist Frank Lacy statt. Leider kamen nur
wenig Zuschauer zu dieser Session, weil sie mit ‘Session led by Frank Lacy’
einfach zu unspezifisch im Programm angekündigt war. Wäre den Leuten klar
gewesen, was hier stattfinden sollte, wäre das Spiegelzelt bestimmt voll
gewesen. Die schönste Session dieser Art lief unter Leitung von Roy Hargrove,
der zu seinem Sextett mit dem energisch swingenden Pianisten Larry Willis und
dem inspirierten Posaunisten Frank Lacy die Tenorsaxofonisten Johnny Griffin,
Stanley Turrentine und James Carter eingeladen hatte. Die drei hatten vorher
jeweils ihre eigenen Sets gehabt, in denen Turrentine mit seinem emotionalen
souligen Sound den Saal zum Kochen gebracht hatte und James Carter mit seiner
neuen Saxofon-Orgel-Kombination begeisterte. Hargrove ließ das
Aufeinandertreffen der drei nicht zum Cutting Contest werden, sondern gab ihnen
genügend Raum zur solistischen Entfaltung. Vor allem James Carter fühlte sich
sichtlich wohl und spielte zusammen mit Hargrove die besten Solos der Session.
Als schließlich Hargrove, Lacy und Carter eine Tanzeinlage zu der swingenden
Musik boten, tobte das Publikum.
Interessant waren auch die Themenschienen des Festivals. ‘Jazz and Spoken
Word’ brachte Lyrik und Jazz zusammen, ‘Decks ‘n’ Jazz’ präsentierte
Gruppen, die mit Sampling arbeiteten. Musikalisch war das sicher nicht
jedermanns Geschmack, bot aber doch gute Gelegenheit, andere Stilrichtungen
kennenzulernen. Auch die Knitting Factory Schiene räumte mit manchem Vorurteil
auf, war doch hier nicht nur Noise Music à la John Zorn zu hören, sondern
durchaus konventionellere Sounds wie etwa die Gruppe Vibes mit dem Vibrafonisten
Bill Ware, der über einem härteren 90er Jahre Beat auf den Spuren Milt
Jacksons wandelte.
Insgesamt bot Den Haag auch in der 23sten Ausgabe ein musikalisch höchst
lohnendes Festival, das natürlich noch viel mehr beinhaltete, als hier
dargestellt werden kann. Es ist anzunehmen, daß die Organisatoren aus den
Fehlern im Kommunikationsbereich Lehren ziehen werden. Beweisen können sie das
vom 9. bis 11. Juli 1999.
Hans-Bernd Kittlaus