Mit insgesamt 70000 Zuschauern an drei ausverkauften Tagen konnte das North
Sea Jazz Festival im Den Haager Kongreßzentrum seine Position als größtes
europäisches Festival souverän behaupten. Die 14 Bühnen boten wie immer für
jeden etwas von Pop und Rock zu Blues und Jazz, wobei sich das ‘Legends’-Konzert
mit Eric Clapton, David Sanborn, Joe Sample, Marcus Miller und Steve Gadd als
überragender Publikumsmagnet erwies.
Trends
Immer deutlicher wird in Den Haag der Einfluß der Musikindustrie aufs
Festivalprogramm spürbar. Mancher Besucher mag sich freuen, nach einem Set
sofort die CD im Plattenladen zu finden, die nicht nur in der Besetzung, sondern
auch in den Titeln nahezu identisch zum live Gehörten ist. Allerdings ist das
weniger die passende CD zum Set, sondern eher der Set zur gerade erschienenen
CD. So prägten die Neuerscheinungen der Major Labels der letzten 12 Monate
einen wachsenden Teil des Den Haag Programms. Dies führte zwar zu einigen
durchaus erfolgreichen Sets, so etwa Herbie Hancocks All-Star Gruppe New
Standards mit Michael Brecker, John Scofield, Dave Holland, Jack DeJohnette und
Perkussionist Don Alias, die mit mitreissendem Drive zur Sache gingen. Der
Auftritt der in den Niederlanden populären Sängerin Laura Fygi im Trio mit dem
legendären Komponisten Michel Legrand am Klavier erwies sich sogar als
gelungener als die CD der beiden, die mit schmalzigen Streichern überladen ist.
Doch insgesamt litt unter diesem Trend die Spontaneität vieler Sets, der Reiz
des Unerwarteten für die Zuschauer. Unangekündigtes Einsteigen von Musikern
scheint völlig out zu sein, obwohl North Sea eigentlich der ideale Rahmen
dafür wäre, sah man doch viele Musiker auch als Zuschauer in den Sets von
Kollegen.
Die heutige internationale Jazz-Welt ist geprägt von einer extremen
Vielfalt, in der starke musikalische Trends kaum auszumachen sind. Dies wurde im
North Sea Programm genau reflektiert. Ein noch schwacher, aber zunehmender Trend
zur Integration von karibischen und afrikanischen Einflüssen ist allerdings
deutlich zu bemerken. Die Niederlande haben als Kolonialmacht eine gewisse
Affinität zur Karibik und so wurde unter dem Namen ‘Caribbean Jazz Connection’
eine ganze Schiene dem karibischen Jazz gewidmet, die sich großem
Publikumszuspruch erfreute. Hier konnte man unter anderem die Fra Fra Big Band
(siehe separater Artikel), Ronald Snijders und Franky Douglas’ Sunchild sehen.
Saxofonist David Sanchez trat mit einigen Musikern aus seiner Heimat Puerto Rico
auf, die seinen eher klassischen Stil rhythmisch interessant verfremdeten.
Weniger gelungen erwies sich die Gruppe Crisol, die unter dem Motto ‘Roy
Hargrove goes Latin’ stand. Leider blieb deren Sound steril, eine echte
Integration der kubanischen und US-amerikanischen Musiker gelang nicht. Eine
faszinierende Kombination von afrikanischen Rhythmen mit modernem Jazz und Rap
glückte hingegen David Murray mit seiner Gruppe Fo Deuk Revue, in der u.a.
Robert Irving an den Keyboards und Jamaaladeen Tacuma am Baß spielten. Deren
Musik war gleichzeitig anspruchsvoll und stark zum Tanzen anregend.
Highlights
Henry Threadgill gilt als einer der wenigen jenseits aller Trends agierenden
Avantgarde Jazz Musiker unserer Tage. Nach Den Haag brachte er seine Society
Situation Dance Band, die durch ihre ungewöhnliche Instrumentierung mit
Streichern, Bläsern und Akkordion auffiel. Threadgill entwickelte mit dieser
Big Band einen höchst abwechslungsreichen Sound, der das große Publikum zum
Tanzen brachte. Als Sängerin Aster Aweke hinzukam, erinnerte die Musik
allerdings mehr an das Jahr 1970 als an 2000.
In New Orleans ist der Jazz heute nur eine unter vielen Musikrichtungen.
Trotzdem bringt die Stadt immer wieder exzellente Jazz-Musiker hervor. Eine
Entdeckung des diesjährigen Festivals war der Pianist und Sänger Henry Butler.
Sein Klavierspiel wirkte zunächst etwas eckig, doch er hatte sich schnell
freigespielt und brillierte mit seiner souveränen Beherrschung fast vergessener
Klavierstile und beliebiger Schwierigkeitsgrade. Dabei war sein Spiel
bluesgetränkt und humorvoll zugleich, etwa in seiner Eigenkomposition ‘Party
Shuffle’.
Wieviel Enthusiasmus eine ‘Festival-Band’ haben und auslösen kann,
demonstrierten Trompeter Jon Faddis, Posaunist Slide Hampton und Saxofonist
Jimmy Heath eindrucksvoll. Angetrieben von der exzellenten Rhythmusgruppe mit
Pianist Kenny Drew Jr., Bassist Paul West und Schlagzeuger Winard Harper
zelebrierte Heath seinen zweiten (oder dritten) Frühling, produzierte Hampton
spielfreudig fetzige Posaunenlinien und bot Faddis nicht nur
Stratosphärenklänge, sondern auch kreative Improvisationen.
Die in USA geborene und in Frankreich aufgewachsene Madeleine Peyroux
erzeugte zwiespältige Reaktionen. Schloß man die Augen, glaubte man Billie
Holiday zu hören. Der optische Eindruck stand dazu allerdings in krassem
Gegensatz. Mit ihrer Gitarre und ihrem unvorteilhaften weißen Kleid mit
Blümchen erinnerte die weiße (!) junge Dame eher an eine amerikanische Amateur
Country Sängerin, deren offene Fröhlichkeit in Konflikt lag zu der Tragik, die
man mit dem Holiday Sound automatisch verbindet. Gute Musik, aber ein
Gesamteindruck, der den Zuschauer rätseln ließ, ob er mehr über Mademoiselle
Peyroux oder seine eigenen Assoziationen irritiert war.
Diana Krall hatte mit Russell Malone einen exzellenten Gitarristen dabei, der
als Solist wie auch als Begleiter begeisterte. Krall wird immer besser. Ihre
Phrasierung war ein Genuß, ihr Feeling für Balladen ging unter die Haut, und
ihr Klavierspiel reichte von bluesig bis swingend.
T.S. Monk Jr. wacht mit Argusaugen über den Nachlaß seines Vaters.
Gleichzeitig gelang es ihm in den letzten Jahren, den Namen Monk erfolgreich zu
vermarkten, zum Beispiel durch die Etablierung des Thelonious Monk
Talentwettbewerbs in Washington, D.C., als dessen Vorsitzender er fungiert.
Daneben ist er auch ein ordentlicher Schlagzeuger, der in diesem Jahr in Den
Haag mit seiner Gruppe Monk on Monk dies alles vorzüglich miteinander verband.
Heraus kam dabei ein faszinierender Rückblick auf die Musik Monks für
größere Besetzungen, wie sie heute nur selten zu hören ist. Als Solisten
stachen besonders der Saxofonist Willie Williams und die Sängerin Nnenna
Freelon heraus. In der Monk gewidmeten Festivalschiene traten daneben einige
Sieger des Talentwettbewerbs auf, die sich inzwischen etabliert haben: Joshua
Redman (Tenorsaxofon), Jacky Terrasson (Klavier) sowie die Niederländer Jesse
van Ruller (Gitarre) und Michiel Borstlap (Komposition).
Einige der besten Sets lieferten einmal mehr Altmeister der Jazz-Musik.
Harmonika-Spieler Jean Toots Thielemans verzauberte den großen PWA Saal mit
seinem Duett mit dem ausdrucksstarken niederländischen Pianisten Bert van den
Brink. Er teilte sich seinen Set mit Sängerin Dianne Reeves, die ihren besten
Moment im Duett mit Thielemans hatte: ‘Besame Mucho’ läßt sich nicht
besser darbieten. Pianist Ahmad Jamal hat mit Schlagzeuger Idris Muhammad seinen
idealen musikalischen Partner gefunden. Das Zusammenspiel funktionierte
traumwandlerisch und führte zu inspirierten Interpretationen, die Jamal mit
seinem perkussiven Spiel sehr abwechslungsreich gestaltete.
Schlagzeuger Elvin Jones schien Wynton Marsalis das Feuer zu vermitteln, das
man in der Vergangenheit oft an ihm vermißt hat. Jedenfalls blies er seine
Trompete höchst gefühl- und temperamentvoll. Die Saxofonisten Teddy Edwards
und Houston Person boten begleitet vom Rein de Graaf Trio einen recht
altmodischen Sound, der aber dank ihrer swingenden Solos und ihrem überaus
kultivierten Saxofonspiel sehr lebendig wirkte.
Zu einem besonderen Genuß wurde der Set von Vibraphonist Milt Jackson und
Pianist Hank Jones mit Bassist Ray Drummond und Schlagzeuger Mickey Roker.
Selten hat man Jackson so gelöst und fröhlich gesehen wie bei diesem Fest der
Ästhetik. Man merkte Jackson und Jones an, daß sie sich lange kennen und
schätzen. Sie warfen sich die Bälle zu, freuten sich wechselseitig an ihren
Beiträgen und ernteten verdiente Ovationen.
Der junge panamaische Pianist Danilo Perez wurde mit seinem Trio-Set den
Lobpreisungen der amerikanischen Presse der letzten Zeit voll und ganz gerecht.
Zusammen mit dem vor Energie berstenden Schlagzeuger Jeff Ballard und Bassist
Avishai Cohen bot er eine mitreissende Mischung von Monk und Latin, besonders in
seiner überragenden Interpretation von ‘Round Midnight’.
Preise und Zufriedenheit
Der Bird Award ging dieses Jahr an Trompeter Clark Terry in der
internationalen, an Pianist Jasper van’t Hof in der niederländischen
Kategorie und an die Sängerin Greetje Kauffeld als Sonderpreis. Organisator
Paul Dankmeijer und sein Team waren mit Recht zufrieden mit ihrem Festival. Es
gab allerdings auch kleinere Schwächen. Neben dem oben genannten stärker
werdenden Industrieeinfluß und den durch die Menschenmengen ausgelösten
Unannehmlichkeiten fiel vor allem eine ungewohnt suboptimale Zeitplangestaltung
auf. So waren Jazz-SängerInnen ganz unausgewogen auf den ersten Festivaltag
konzentriert. Durch gleichzeitige Beendigung von Sets auf vielen Bühnen kam es
an allen Tagen zu vermeidbarem besonderem Gedränge. Doch die Vielzahl
herausragender musikalischer Momente ließ den Besucher leicht über diese
Unzulänglichkeiten hinwegsehen. Die Zukunft des Festivals ist durch
längerfristige Verträge mit Sponsoren und der Stadt Den Haag gesichert. Und
der nächste Termin steht auch schon fest: 10.-12.7.1998.
Hans-Bernd Kittlaus