Mit der 21. Ausgabe des North Sea Jazz Festivals im Den Haager
Kongreßzentrum konnten Organisator Paul Dankmeijer und sein Team an den großen
Erfolg des Vorjahres anknüpfen. Drei ausverkaufte Tage mit insgesamt 69000
Zuschauern waren der Lohn für ein ausgewogenes breites Programm auf 14 Bühnen,
das mit stark besetzter Pop/Rock-Schiene (von Santana bis Little Richard, von
George Clinton bis Isaac Hayes) die Massen anzog und im Jazz-Bereich neben
bewährten Namen viele neue Gesichter präsentierte.
Klassiker
Oscar Peterson ist wahrscheinlich der Musiker, der die meisten der 21
bisherigen Den Haager Festivals bestritten hat. Dieses Jahr kam er im Quartett
mit Bassist Niels-Henning Oersted-Pedersen, Gitarrist Lorne Lofsky und
Schlagzeuger Martin Drew. Interessant waren die Veränderungen in seinem Spiel
seit seinem Schlaganfall vor einigen Jahren. Er hat sich damit arrangiert, daß
seine linke Hand nicht mehr die gewohnten wahnwitzigen Läufe bewältigt, indem
er sich stärker auf sein Blues Feeling besann und damit seiner Musik mehr
Ausdruck verlieh.
Shirley Scott ist eine Heroine der Hammond Orgel der 60er Jahre. Sie hat
ihren Stil überhaupt nicht verändert, und so wirkte ihr Sound in Den Haag
etwas altmodisch, aber trotzdem mitreissend swingend. Am Schlagzeug hatte sie
den höchst variablen Bobby Durham, der langjähriger Begleiter von Ella
Fitzgerald war. Besonders begeisterte in diesem Trio aber Saxophonist David
Fathead Newman, der schon lange nicht mehr der Blues Tenor Man seiner Ray
Charles Zeit ist, sondern einen höchst kultivierten Sound entwickelt hat, den
er in Den Haag vor allem in Balladen eindrucksvoll demonstrierte.
Nachdem schon Ray Bryants legendärer auf Platte dokumentierter Montreux
Auftritt 1972 seine Fähigkeiten als Solopianist belegte, zeigte er in Den Haag
seine eindrucksvolle Weiterentwicklung. Seine Spielauffassung ist eher
traditionell, mit gelegentlichen Boogie Woogie Einschüben mit der linken,
melodischen Linien mit der rechten, und viel Swing. Er trat auf der für
Pianisten reservierten Bühne auf und es war im so möglichen direkten Vergleich
mit anderen Pianisten frappierend, wie grandios und anders das Klavier unter
seinen Händen klang. Ob mit Eigenkompositionen oder Standards wie ‘I Can’t
Get Started’, er lies den Flügel wahrhaft singen.
Es ist faszinierend, wie Betty Carter immer wieder neue junge Talente
entdeckt und formt. Nach Den Haag brachte sie Travis Shook am Piano, Bassist
Vashon Johnson und Drummer Byron Landham, alle drei blutjung und höchst
talentiert. Den nötigen Feinschliff wird Miss Carter ihnen noch verpassen.
Allein für diese Art von Talentförderung verdient sie schon die vielen
Ehrungen, mit denen sie in den letzten Jahren überhäuft wurde - erst kürzlich
mit dem American Eagle Award für ihre Verdienste um Musik und Musikausbildung.
Sie sang eine Reihe von neuen maßgeschneiderten Songs neben bekannten wie
‘Fake’ und ‘30 Years’, wie gewohnt mit überwältigender
Bühnenpräsenz, gurrend bis scattend mit großer Expressivität, auch wenn die
Stimme eine gewisse altersbedingt nachlassende Biegsamkeit zeigte.
Die New Yorker Jazz Clubs sind nachwievor ein Mekka für Freunde des Piano
Trios. North Sea brachte die Quintessenz eines New Yorker Piano Trios nach Den
Haag: Pianist Kenny Barron, Bassist Ray Drummond und Schlagzeuger Ben Riley. Ob
in Miles Davis’ ‘Solar’ oder Standards wie ‘Sweet Lorraine’, Barron
begeisterte mit geschmackvollem variablem Spiel, perlenden Läufen und
prägnanten Akkorden, Drummond mit sonoren melodiösen Baßlinien und Riley mit
subtilem Drumming, vor allem mit den Besen. Die drei hörten sich offensichtlich
gut zu und griffen immer wieder gegenseitig Ideen auf. Trio Jazz vom Feinsten!
Das Zusammenkommen so vieler hervorragender Musiker wie in Den Haag eignet
sich immer besonders für sogenannte Summits. Die können zu durch freundlichen
Wettbewerb inspirierten Sternstunden werden oder aber zu öden Blowing Sessions,
wenn der Funke nicht überspringt. Beim diesjährigen Trumpet Summit sprang er
nur halb. Zunächst war das Publikum enttäuscht, daß der angekündigte Clark
Terry aus gesundheitlichen Gründen nicht gekommen war. Dann erwies sich das
Cedar Walton Trio als schlechte Wahl, da der Pianist zwar schön, aber zum
Anheizen einer solchen Session einfach zu intellektuell spielte. Benny Bailey
konnte kräftemäßig nicht mit seinen drei Kollegen mithalten, zog sich aber
mit Witz einigermaßen passabel aus der Affäre. Jon Faddis hatte seinen besten
Moment, als er ein Solo lang darauf verzichtete, mit einer gewissen Arroganz
eine Oktave höher zu spielen als alle anderen. Ein echter Wettbewerb fand nur
zwischen Nicholas Payton und Roy Hargrove statt, der sehr melodisch spielte,
aber zweiter Sieger blieb gegen Payton, der energiegeladen und feurig ein ums
andere Solo abfeuerte.
Weder eine leichte Erkältung noch eine nicht eingespielte Begleitband
konnten Dianne Reeves an einer überzeugenden Vorstellung hindern. Pianist Peter
Martin hatte zwar gute Solos, aber die Band nicht richtig im Griff. Doch Miss
Reeves konnte dank ihrer beeindruckenden Souveränität problemlos mit diesen
Schwächen umgehen. Ihre Stimme drückte soviel Musikalität aus, war so
wandelbar von Jazz-Standards wie ‘Yesterdays’ bis hin zu einem eher poppigen
‘Nine’, daß das Konzert trotz der Probleme zum Genuß wurde.
Bird Awards
Die alljährlich verliehenen Bird Awards gingen in diesem Jahr in der
internationalen Kategorie an Ray Brown, in der niederländischen Kategorie an
den Pianisten Cees Slinger, und in der Sonderkategorie posthum an den Pianisten
Pim Jacobs. Ray Brown konnte die ganzjährige Feier seines siebzigsten
Geburtstags auch in Den Haag fortsetzen. Er bestritt umjubelte Auftritte mit
seinem Trio mit Benny Green und Greg Hutchinson und nahm im Bird Winners Concert
die verdienten Ovationen für ein höchst erfolgreiches Jazz-Leben entgegen.
Dieses Konzert hatte einen besonders bewegenden Moment, als die holländische
Sängerin Rita Reys den Preis für ihren Ehemann und Pianisten Pim Jacobs
überreicht bekam, der kurz vor Festivalbeginn seinem Krebsleiden erlegen war.
Tributes
Die Gruppe Roots stellte ihr Programm unter das Motto ‘For Bird’ und lud
Trompeter Claudio Roditi als Gast dazu, der gewohnt brilliant die Rolle Dizzy
Gillespies einnahm. Roots selbst wirkte dagegen ausgesprochen müde. Nur Chico
Freeman konnte in einigen Solos seine Klasse zeigen, ansonsten eher Langeweile
bei Arthur Blythe, Pianist Kirk Lightsey, Bassist Buster Williams, Schlagzeuger
Ed Thigpen und vor allem bei Nathan Davis und Benny Golson.
Spektakulär war hingegen der Auftritt des Contemporary Piano Ensemble mit
ihrem Tribut an Phineas Newborn und die Schule der Memphis Pianisten. Wann hat
man schon mal die Gelegenheit, fünf Pianisten an vier Flügeln zu erleben, noch
dazu vom Kaliber eines Mulgrew Miller, James Williams, Geoff Keezer, Donald
Brown und Harold Mabern in Begleitung von Bassist David Ephross und Drummer Carl
Allen? Es war spürbar, daß diese Gruppe den beteiligten Pianisten sehr am
Herzen liegt. Die Arrangements ließen ihnen genügend Raum für Solos und
ermöglichten originelles Zusammenspiel, ohne daß die Pianisten sich
gegenseitig auf die Füße traten.
Weniger gelungen war das mit viel Vorschußlorbeeren bedachte Tribute for Bud
Powell, für das Chick Corea den Bassisten Christian McBride, den Drummer Roy
Haynes, Tenorsaxophonist Joshua Redman und Trompeter Wallace Roney um sich
versammelt hatte. Die Bläser waren offensichtlich mit den Arrangements nicht
hinreichend vertraut und lieferten falsche Einsätze in Serie, McBride blieb
ungewohnt blaß, Corea wirkte sehr akademisch. So konnte nur Haynes mit
brillianten Einlagen im Stil der Zeit Bud Powells überzeugen, mit dem er als
einziger der Beteiligten noch selbst gespielt hatte. Redman hatte einige
temperamentvolle Solos, Roney blieb gewohnt unterkühlt.
Neue Gesichter
Altsaxophonist Abraham Burton kam in letzter Minute ins Programm und konnte
den guten Eindruck bestätigen, den er schon bei seinen Auftritten in
Deutschland gemacht hatte. Bei seinen energiegeladenen schnellen Stücken ging
zwar mitunter die musikalische Aussage etwas verloren, doch in Balladen zeigte
er, daß hinter seinem ausgeprägten Selbstbewußtsein durchaus eine ebensolche
Empfindungsfähigkeit steht. Sein Sound erinnerte höchst vorteilhaft an seinen
Lehrer Jackie McLean.
Der englische Pianist Julian Joseph kann bereits einige CDs unter eigenem
Namen sowie die Zusammenarbeit mit bekannten Musikern wie Chico Freeman und
Arthur Blythe vorweisen. In Den Haag hatte er das Handycap, direkt nach Ray
Bryant auftreten zu müssen, was er nicht wett machen konnte. Trotz karibischer
Rhythmen wirkte sein Spiel recht blaß und eindimensional.
Zu einem Höhepunkt wurde hingegen der Auftritt der Sängerin Nnenna Freelon,
die in USA bereits einen guten Ruf erworben hat, in Europa aber noch wenig
bekannt ist. Sie bestach mit ansprechender Bühnenpräsenz, modulationsfähiger
Stimme und gutem Repertoire, das Standards mit Eigenkompositionen mischte. In
Erinnerung blieb vor allem ihr ‘Future News Blues’, in dem sie ihre
ökologische Botschaft im traditionellen Blues Format rüberbrachte. Auch ihr
Begleittrio mit Pianist Bill Anschell, Bassist Neil Starkey und Drummer Woody
Williams, mit dem sie schon längere Zeit zusammenwirkt, wußte zu gefallen,
auch wenn das Trio noch ein paar Tips von Betty Carter hinsichtlich
Dynamikwechseln brauchen könnte.
Höhepunkte
Von der ersten Note an auf höchstem Energie Level bewegte sich das McCoy
Tyner Trio mit Michael Brecker. Der Saxophonist zeigte sich von seiner
jazzigsten Seite und blies mit seinem harten leicht metallischen Sound einen
kreativen Chorus nach dem anderen. Tyner war ebenfalls in Höchstform, erzeugte
wahre Donnerstürme von Klustern und ließ den Flügel unter seinem mächtigen
Anschlag erbeben. Zusammen mit Avery Sharpe am Baß und Aaron Scott am
Schlagzeug zelebrierten sie die ungebrochene Kraft des Jazz.
Wenn jemand Jazz Arrangements schreiben kann, die auf höchstem Niveau
stimmig sind und den Solisten nicht nur Raum lassen, sondern sie geradezu zur
Kreativität zwingen, dann ist es Carla Bley. Ihre Big Band brachte ein zum
großen Teil an Gospel und religiöser Musik orientiertes Programm, in dem als
Solisten die Saxophonisten Andy Sheppard und Wolfgang Puschnik, Trompeter Lew
Soloff, der Posaunist Gary Valente mit seinem wunderbar schmutzigen Sound sowie
Bassist Steve Swallow herausragten.
Saxophonist James Carter wird von Jahr zu Jahr besser. Seine technischen
Fähigkeiten sind atemberaubend, aber er setzte sie dieses Jahr schon wesentlich
zweckdienlicher ein als noch im Vorjahr. Das Tenorsaxophon ist sein stärkstes
Instrument, aber er erwies sich auch auf den anderen Saxophonen als meisterlich
und spielte die Klarinette so mitreissend und modern, daß man schon auf eine
Renaissance dieses wunderbaren Instruments hoffen könnte. Unterstützt wurde
Carter von Pianist Craig Taborn, der einige Gelegenheiten so Solos hatte,
Bassist Jaribu Shahid sowie Drummer Tani Tabbal.
Grand Slam - der Name war gut gewählt für den Set von Gitarrist Jim Hall
und Saxophonist Joe Lovano. Einfühlsam begleitet von Bassist Scott Colley und
Schlagzeuger Yoron Israel zelebrierten sie einen leisen, eher zurückhaltenden
Jazz, der doch in jeder Sekunde spannend war in seiner Melodiösität und
Spielkultur. In Deutschland noch nicht sehr bekannt, gilt Lovano in New York
inzwischen als führender Tenorsaxophonist. Seine Vielseitigkeit ist
verblüffend. Während er auf seiner kürzlich erschienen Village Vanguard
Doppel-CD mit Tom Harrell Hardbop spielt und mit Mulgrew Miller Standards
swingt, zeigte er sich mit Jim Hall in Den Haag ganz zart und biegsam.
Craig Handy tut die Zusammenarbeit mit Herbie Hancock hörbar gut. Der
Saxophonist ließ sich sowohl mit Sopran wie auch mit Tenor zu emotionalen und
gleichzeitig sauber strukturierten Solos inspirieren. Hancock selbst zeigte sich
nicht nur in glänzender Form unter anderem über Pop Material von Peter Gabriel
und Stevie Wonder, sondern demonstrierte seine gute Laune auch in seinen
Entertainer-Einlagen als Conferencier. Bassist Dave Holland begeisterte mit
seinem kraftvollen Sound als Begleiter wie auch in einem langen Solo über seine
Komposition ‘Dream of the Elders’.
Zwei der herausragenden Altsaxophonisten unserer Zeit sind in Europa
bedauerlicherweise sehr selten zu hören: Charles McPherson und Gary Bartz. Um
so verdienstvoller war es, daß Phil Woods sie als Mitglieder seiner Gruppe Sax
Machine nach Den Haag brachte, zu der außerdem am vierten Alt Jesse Davis sowie
einer der aufregendsten Nachwuchspianisten, Cyrus Chestnut, Bassist Steve Kirby
und Drummer Alvester Garnett gehörten. Die Gruppe hatte gute Head Arrangements,
die den Solisten viel Raum ließen. Besonders bestachen McPherson mit seinem
vollen warmen Sound und Bartz mit wohlstrukturierten Linien sowie Chestnut mit
unbändig temperamentvollen Einlagen. Als einziger Weißer in diesem Septett
widerlegte Leader Phil Woods wohl nicht ganz unabsichtlich die absurden
Rassismus-Vorwürfe, die diesem glühenden Verehrer von Charlie Parker wegen
seines rein weißen Quintetts in den letzten Jahren in USA gemacht wurden.
Zukunft
Die virtuelle Zukunft hatte auch North Sea erfaßt. So gab es ein gelungenes
Experiment unter dem Namen ‘Jazz in Cyberspace’, bei dem Bassist J. Granelli
und Drummer John Mettem in der New Yorker Knitting Factory spielten, Bild und
Ton über das Internet live nach Den Haag übertragen wurden und dort Gitarrist
Brad Schoeppach und Saxophonist Briggan Kraus ihren Teil zum harten Knitting
Factory Sound beitrugen. Das Bild aus New York litt zwar unter einer leichten
Asynchronität, aber der Ton war einwandfrei. Das Ergebnis ist im Internet unter
‘http://www.knittingfactory.com’ abrufbar. Auch das North Sea Jazz Festival
selbst ist im Internet unter ‘http://www.netcetera.nl/jazzfacts’ zu finden,
einem Server, der von einer niederländischen Stiftung betrieben wird und zur
Förderung des Jazz beitragen soll.
Doch die reale Zukunft des Festivals wird sich weiterhin im Den Haager
Kongreßzentrum abspielen, das nächste Mal vom 11. bis 13. Juli 1997.
Interessenten seien gewarnt: Vorreservierung von Eintrittskarten und Unterkunft
ist inzwischen unumgänglich. Organisator Paul Dankmeijer hat sich durch
langfristige Sponsorenverträge, eine zehnjährige Unterstützungszusage der
Stadt Den Haag und eine erhebliche Ausweitung der Zusammenarbeit mit Radio- und
Fernsehstationen und Jazz Labels eine stabile finanzielle Planungsgrundlage
geschaffen. Sorgen bereiten nur Umbaupläne im Kongreßzentrum. So soll auf das
Dach ein Hotelneubau gesetzt werden, wodurch die Dachterrassenbühne wegfallen
wird. Der Beginn eines Büroneubaus neben dem Kongreßzentrum führte schon in
diesem Jahr dazu, daß das gewohnte große Zelt durch eine kleinere Spielstätte
ersetzt werden mußte, die zu einer drangvollen Enge führte. So sind für
nächstes Jahr eine Begrenzung der Zuschauerzahl auf niedrigem Niveau und damit
verbunden höhere Preise zu erwarten. Diese stärkere Begrenzung der
Zuschauermassen kann allerdings für die, die dabei sein werden, den Genuß
dieses einzigartigen Festivals nur erhöhen.
Hans-Bernd Kittlaus