Eine Veränderung bestand in der offensichtlich wesentlich engeren
Zusammenarbeit der Festival-Organisatoren mit den führenden CD-Labels. Die
schickten in großer Zahl ihre heftig beworbenen Neuentdeckungen nach Den Haag
und boten so den Besuchern vielerlei Chancen, ihrerseits Neuentdeckungen zu
machen. Gleich zu Beginn wurde der Auftritt des jungen Saxofonisten Teodross
Avery zu einer Sternstunde des Festivals. Avery gebietet bereits über die
gesamte Ausdruckspalette des Saxofonspiels, spielt Eigenkompositionen ebenso wie
Standards. Pianist Charles Craig, dessen Spielwitz an Fats Waller erinnert,
Bassist Ron Mahdi und Schlagzeuger John Lamkin steigerten sich mit Avery in
einen Spielrausch, der nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker selbst
begeisterte. Kollektive Improvisation, wie man sie nur selten hört!
James Carter begeisterte das Publikum mit seinem mächtigen Sound vor allem
auf dem Tenorsaxofon. Sein Repertoire von technischen Möglichkeiten ist
gewaltig und manchmal wünschte man sich, er würde diese etwas besser dosiert
einsetzen, doch die überschäumende Energie der Gruppe mit Pianist Craig Taborn,
Bassist Jaribu Shahid und Drummer Tani Tabbal riß die Zuhörer immer wieder
mit.
Natürlich waren mit manchen neuen Gesichtern auch Enttäuschungen verbunden.
Sänger Kurt Elling klang wie eine schlechte Kopie von Mark Murphy und schien
etwas verloren auf der großen Bühne. Sängerin Jackie Allen wurde die Gnade
einer kleineren intimen Bühne zuteil, wo sie dann wie eine ebenso schlechte
Kopie von Michelle Pfeiffer (in ‘The Fabulous Baker Boys’) wirkte.
Die gleiche intime Bühne, nämlich das neue Spiegelzelt, war der Ort eines
weiteren Festival- Höhepunkts. Der Sänger Kevin Mahogany erwies sich als neue
Hoffnung einer vom Aussterben bedrohten Domäne, des männlichen Jazz Gesangs.
Sein Bariton klang weich und einfühlsam in Balladen wie ‘Foolish Heart’,
hart swingend und scattend in Uptempo Titeln wie ‘Route 66’ und sonor wie
Joe Williams, wenn er den Blues anstimmte. Aus dem Begleittrio ragte Pianist
James Weidman hervor, der höchst gefühlvoll auf den Spuren Tommy Flanagans
wandelte. Diese Session hätte ein wesentlich größeres Publikum verdient, das
sich Mahogany dann am nächsten Tag durch sein unangekündigtes Einsteigen bei
Mulgrew Miller und Jesse Davis verschaffte. Es bedarf keiner besonderen
prophetischen Gabe, diesem Sänger eine große Zukunft vorauszusagen. Mahogany
hat das Feeling, jeder Ton war Jazz pur.
Diana Krall spielte das Klavier mit der gleichen bluesig kargen Bestimmtheit,
mit der sie auch sang. Da wirkten die exzellenten Begleiter, Bassist Christian
McBride und Schagzeuger Lewis Nash, schon fast zu virtuos. Benny Carters ‘Only
Trust Your Heart’ wurde von Krall auf ein erträgliches Maß an
Sentimentalität zurechtgestutzt, ‘I love being here with you’ swingte
angenehm. Diana Krall hat keine große, aber eine ausdrucksstarke Stimme und ist
damit eine willkommene Bereicherung in der Kategorie Jazz-Gesang.
Bekannte Gesichter
Christian McBride agierte dieses Jahr als ‘der’ Festivalbassist und war
an allen drei Tagen nahezu non-stop mit der gewohnten Zuverlässigkeit und
Virtuosität im Einsatz. Sein schwächster Auftritt war überraschenderweise der
als Leader: Seine Mitstreiter, Saxofonist Tim Warfield, Pianist Anthony Wonsee
und Drummer Karriem Riggins, blieben einfach zu blaß und schafften somit nicht
den richtigen Rahmen für McBride. Sein Ansatz, in die Rolle des Entertainers zu
schlüpfen, scheiterte an den Limitationen, die sein Instrument einem Solisten
setzt. Doch McBride wird sich sicher weiter an seinem Idol James Brown
orientieren. Vielleicht erleben wir ihn demnächst als Sänger.
Der Baß war sehr stark vertreten. Niels Henning Oersted Pedersen brillierte
mit Oscar Peterson, Ray Brown kam mit seinem eigenen Trio. Sein Sound ist
nachwievor ein Genuß, doch das Trio harmonierte noch nicht richtig, nachdem der
junge hochtalentierte Schlagzeuger Gregory Hutchinson, bekannt aus seiner
langjährigen Zusammenarbeit mit Roy Hargrove, Jeff Hamilton ersetzt hatte.
Pianist Benny Green hatte ausgiebig Gelegenheit, seine weiter wachsende
solistische Reife unter Beweis zu stellen.
Keine Harmonie-Probleme hatten Charlie Haden und sein Quartet West mit
Pianist Alan Broadbent, Drummer Larance Marable und Tenorsaxofonist Ernie Watts,
die in dieser Besetzung schon seit fast 10 Jahren zusammenspielen.
Ermüdungserscheinungen waren dabei überhaupt nicht zu erkennen. In Den Haag
präsentierten sich die vier frisch und mit wundervoller Musik im Stile ihrer
erfolgreichen CDs.
Joe Henderson konnte mit seinem ‘Double Rainbow’ Quintet leider nicht an
seine gleichnamige großartige CD anknüpfen. Die Gruppe brasilianischer Musiker
mit dem renommierten Gitarristen Oscar Castro-Neves spielte solide swingende
Musik, doch die für die Lieder von Antonio Carlos Jobim so wichtige
Leichtigkeit wollte sich nicht einstellen. So blieb denn ein unbegleitetes Solo
Hendersons über ‘Lush Life’ der Höhepunkt des Sets.
Saxofonist David Murray brachte in diesem Jahr seine Big Band unter Leitung
von Butch Morris nach Den Haag. Morris verfolgte ein Big Band Konzept, das nicht
die üblichen Bläsersätze, sondern Sound Cluster in den Vordergrund stellte.
Darüber bliesen dann exzellente Solisten wie Baritonsaxofonist Hamiett Bluiett,
Posaunist Craig Harris und natürlich Murray selbst ihre Solos. Das Publikum auf
der wieder als Bühnenstandort eingeführten Dachterrasse des Kongreßzentrums
war hellauf begeistert von dieser ausdrucksstarken Form schwarzer amerikanischer
Avantgarde, wie sie im Zeitalter des Funk nur noch selten zu hören ist.
Einen besonderen Genuß bot das Traumquartett mit dem 88-jährigen
Altsaxofonisten Benny Carter, Pianist Tommy Flanagan, Bassist Buster Williams
und Schlagzeuger Lewis Nash. Die Musiker aus 3 Generationen zelebrierten
Standards auf geradezu schmerzhaft schöne Weise. Carters Sound klang noch immer
voll und kräftig, Flanagan war einmal mehr der ästhetisch perfekte Begleiter.
Das Publikum erwies den Meistern Referenz mit stehenden Ovationen.
Bird Award
Der zum elften Mal verliehene Bird Award ging dieses Jahr in der Kategorie
Niederlande an den Avantgarde Cellisten Ernst Reijseger, in der Kategorie ‘Besondere
Anerkennung’ an den belgischen Harmonika-Spieler Jean Toots Thielemans, der
ihn aus den Händen von Chan Parker, der Witwe Charlie ‘Bird’ Parkers,
entgegennehmen durfte. Den internationalen Bird erhielt Lionel Hampton, der nach
seinem kürzlichen Schlaganfall nicht nach Den Haag kommen konnte. Überhaupt
gab es zu dem im Mai verschickten vorläufigen Festivalprogramm weit
überdurchschnittlich viele Absagen, die vielfach Enttäuschungen auslösten.
Beispiele waren Hank Jones, Dorothy Donegan, Gil Scott-Heron, Bela Fleck oder
Barbara Dennerlein.
Pianisten
Altmeister Oscar Peterson war sein Schlaganfall vor drei Jahren zwar auf dem
Weg über die Bühne zum Klavier anzumerken, aber nicht in seinem Spiel. Das
swingte so vergnüglich wie in früheren Jahren. George Shearing machte die
Wiederauferstehung seines Quintett-Sounds der 50er Jahre sichtlich Spaß, und
das Publikum genoß die nostalgische Rückbesinnung auf hohem musikalischen
Niveau. Doch die Höhepunkte pianistischen Wohlklangs boten zwei Trios. Tommy
Flanagan zeigte mit Bassist Peter Washington und Dummer Lewis Nash, daß er
nicht nur als Begleiter, sondern auch als Solist zu verzaubern vermochte. Dabei
war Nash vor allem mit seiner subtilen Besenarbeit herausragend. In einem
anderen Set demonstrierte Kenny Barron höchste Anschlagkultur und musikalische
Kreativität sowohl in Balladen wie ‘The Very Thought of You’ wie auch in
schnellen Titeln wie ‘Love for Sale’. Mit Bassist Ray Drummond und Drummer
Ben Riley hatte er bewährte New Yorker Mitstreiter an seiner Seite.
SängerInnen
Der Jazz-Gesang war in diesem Jahr zahlenmäßig deutlich stärker vertreten
als in den Vorjahren, nicht nur durch die schon genannten Newcomers, sondern
auch durch etablierte Stars, zum Beispiel durch das Phänomen Tony Bennett. Der
69-jährige Altmeister klang nicht nur besser denn je, er genoß auch sichtlich
seine alle Generationen überschreitende Popularität. Dabei machte er eine
kompromißlos altmodische Musik auf den Spuren Frank Sinatras, d.h.
amerikanische Standards nur mit Begleitung des Klaviertrios unter Pianist Ralph
Sharon, der schon seit 35 Jahren in seinen Diensten steht. Warum dies plötzlich
selbst bei der Jugend so populär ist (‘MTV Unplugged’), bleibt gänzlich
unerklärlich. Sollte sich zeitlose Qualität doch auszahlen? In Den Haag
jedenfalls faszinierte Bennett die Zuhörer mit der Schönheit seiner Musik.
Besonders als Geiger Johnny Frigo als Überraschungsgast Bennett bei ‘Smile’
begleitete, konnte man trotz der über 2000 Menschen im Saal die berühmte
Stecknadel fallen hören.
Dee Dee Bridgewater kam nach Den Haag mit dem Programm ihrer neuesten CD ‘Love
and Peace’ mit Kompositionen von Horace Silver, die er für seine
Instrumentalgruppe geschrieben hatte. Miss Bridgewater singt zwar Texte, aber
überwiegend zu Bläserlinien. Das macht den Sound dann häufig etwas schrill,
was auf der CD gelegentlich nervig wirkt.
Beim Live-Auftritt in Den Haag kam dieses Gefühl nicht auf. Ihre starke
Bühnenpräsenz und mitreißende Energie hielten das Publikum in Bann.
Spätestens nach den Schlußtiteln ‘The Jody Grinds’ und ‘Blowin’ the
Blues Away’ kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr.
Die Sängerin Laura Fygi genießt offenbar große Popularität in den
Niederlanden. Ihre Sets in Den Haag waren jedenfalls überfüllt. Sie sang
überwiegend Standards im Stil der coolen Stan Kenton Sängerinnen mit einer
überzeugenden Begleitband, in der insbesondere der Saxofonist Jan Menu positiv
auffiel.
Dianne Reeves hat sich endgültig als große Jazz-Diva etabliert. Exzellent
begleitet von ihrer Band unter Pianist und Arrangeur David Torkanowsky
interpretierte sie auf fesselnde Art und Weise Titel wie ‘Afro Blue’, ‘Softly
as in a Morning Sunrise’ und ‘Both Sides Now’. Sie hat ihren eigenen Stil
entwickelt, wobei ungewöhnlich ist, wie sie ihre Phrasierung dem jeweiligen
Song anpaßt, d.h. bei Jazz-Titeln ist sie jazzig, bei Pop-Titeln poppig, aber
immer unverkennbar Dianne Reeves. Allmählich schließen sich die Lücken, die
der Tod von Sarah Vaughan und Carmen McRae gerissen hat.
Ausblick
Ein gelungeneres Jubiläumsfestival hätte sich das North Sea
Organisationsteam nicht wünschen können. Alle drei Festivaltage waren schon
Tage vor dem Festival ausverkauft, was erstmalig zu einem Schwarzmarkt vor dem
Haager Kongreßzentrum führte. Das Programm war eines der besten der
20-jährigen Festival-Geschichte gespickt mit einer Vielzahl musikalischer
Höhepunkte. Damit ist aber auch die Latte für die nächsten Jahre sehr hoch
gelegt. Was könnte man noch verbessern? Vielleicht sollte das unangekündigte
Einsteigen von Musikern bei Sets anderer aktiver gefördert werden, zu dem in
Den Haag angesichts der großen Zahl von anwesenden Musikern im Prinzip
reichlich Gelegenheit besteht und das beim Publikum im allgemeinen gut ankommt.
Auch könnten die TV-Monitore noch besser genutzt werden, um regelmäßig einen
Überblick über die (i.a. geringen) Verspätungen in den verschiedenen Sälen
zu geben. Doch das sind Kleinigkeiten im Verhältnis zu einer ansonsten nahezu
perfekten Mammutorganisation. Der nächste Termin steht schon fest: 12. - 14.
Juli 1996. Informationen über das Festival sind übrigens jetzt auch online im
Internet abrufbar unter ‘http://www.netcetera.nl/jazzfacts.html’ als North
Sea Jazz ‘95 Virtual Report. Hier sollen im Anschluß an das diesjährige
Festival Kritiken und Eindrücke teilnehmender Musiker zu finden sein und im
nächsten Jahr dann frühzeitig das neue Programm.
Hans-Bernd Kittlaus