Das perfekte Pfingst-Wetter rundete das
gelungenste Moers Festival seit langem auf das Schönste ab. 12.000
Besucher in 4 Tagen und einhellige Begeisterung bei Besuchern und
Fachleuten über das spannende Programm sprachen eine eindeutige Sprache.
Festivalmacher Reiner Michalke hatte als Themenschwerpunkt die junge New
Yorker Avantgarde Szene auserkoren, wobei das Programm aber wie immer
breit streute und auch viele europäische und asiatische Musiker
vorstellte.
Zu den Highlights gehörte der gebürtige
Kanadier Darcy James Argue, der seine stark besetzte Secret Society Big
Band aus New York mitbrachte. Abwechslungsreich arrangierte
Ensemble-Passagen, die mitunter an Maria Schneider erinnerten, wechselten
ab mit inspirierten Solos, bei denen Gitarrist Sebastian Noelle,
Saxofonistin Erica von Kleist und besonders Trompeterin Ingrid Jensen in
der Zugabe „Transit“ herausragten. Etwas enttäuschend geriet dagegen der
mit viel Vorschusslorbeeren versehene Auftritt des Pianisten und
Komponisten Guillermo Klein y Los Guachos, des in Barcelona beheimateten
Argentiniers. Die hochkarätig besetzte New Yorker Band, u.a. mit Miguel
Zenon und Chris Cheek an den Saxofonen, Trompeter Diedo Urcola, Gitarrist
Ben Monder und Schlagzeuger Jeff Ballard, schien nicht so optimal
eingespielt, wie die komplexen Kompositionen und Arrangements es
erforderten; ein Funke sprang nicht über.
Begeisterung löste hingegen der Auftritt
des Multisaxofonisten Colin Stetson aus. Trotz Jetlag gab er eine
mitreissende Solo-Performance, die technisch mit extremer Zirkularatmung
und phasenweise paralleler Melodieführung an Albert Mangelsdorffs
Solo-Konzerte erinnerte. Seine enorme Energie in Verbindung mit
Musikalität und Kreativität kam auch in den Morning Sessions am nächsten
Tag zum Ausdruck. Diese Morning Sessions an drei Festivaltagen und drei
Standorten wurden unter dem Motto „See What Happens“ von Angelika Niescier
kuratiert, die ein gutes Händchen in der Zusammenfügung von Musikern aus
den Bands des Hauptprogramms bewies und auch selbst mit einstieg. Nachdem
diese Form der Jam Sessions bei den meisten europäischen Festivals in den
letzten Jahren verloren gegangen ist, zeigten die Morning Sessions, dass
da viel mehr herauszuholen ist als ein bloßer Blowing Contest auf Basis
von Standards, die jeder kennt.
Breite und Risikofreudigkeit des
Programms machten Enttäuschungen unvermeidlich. So erschloss sich den
meisten Zuhörern nicht, warum die Sängerin Eivor Palsdottir von den Faröer
Inseln mit ihren Folk Songs in Landessprache nach Moers geladen war.
Positiv überraschte Wayne Horvitz, der seine Band Zony Mash um eine
Bläser-Sektion erweiterte und von Hammond Orgel bzw. Keyboards aus einen
leicht zugänglichen Groove Sound dirigierte. Aus Chicago kam The Trio
bestehend aus drei Heroen der Musiker-Vereinigung AACM: Muhal Richard
Abrams am Klavier, George Lewis an Posaune und Elektronik und Roscoe
Mitchell am Saxofon. Sie lieferten ein respektables, wenn auch nicht
sonderlich aufregendes Konzert und sonnten sich in der Ehrerbietung, die
ihnen von Publikum und Mitmusikern entgegenbegracht wurde. Zwei
Nachtkonzerte im völlig überfüllten Klub Röhre gab Tenorsaxofonist Dave
Rempis mit seinem Percussion Quartet, ebenfalls aus Chicago. Der vor allem
durch seine Mitarbeit in der Gruppe Vandermark 5 bekannte Rempis hatte mit
Tim Daisy und Frank Rosaly gleich zwei Schlagzeuger sowie Ingebrigt Håker
Flaten
am Bass dabei. Gemeinsam hielten sie ihr
Publikum mit energiegeladenem Free Jazz trotz später Stunde wach. Nachdem
der Trompeter Peter Evans im letzten Jahr großen Erfolg mit seiner eigenen
Gruppe in Moers hatte, der sicherlich ein wichtiger Impuls für die Wahl
des Schwerpunktthemas New York in diesem Jahr war, kam Evans dieses Mal
mit der Gruppe Mostly Other People Do The Killing. Die besteht aus vier
brillianten Musikern, neben Evans dem sehr schrägen Schlagzeuger Kevin
Shea, dem virtuosen Altsaxofonisten Jon Irabagon, der letztes Jahr den
renommierten Thelonious Monk Wettbewerb gewann, sowie dem Kopf der Band,
dem Bassisten Moppa Elliott. Nachdem sie eine ganze Woche in Moers ein
Schulprojekt gemacht hatten, gaben sie auf dem Festival ein gefeiertes
Konzert. Dabei bedienten sie sich der gesamten Jazz Tradition vom New
Orleans Jazz über Ornette Coleman bis zu Free und Rock Jazz und schufen
daraus einen faszinierenden Mix mit immer wieder überraschenden Wendungen,
der trotzdem musikalisch in sich stimmig blieb.
Man muss sicher nicht die Meinung von
Wolf Kampmann teilen, der in seinem Beitrag zum Programmhaft schrieb, der
europäische Jazz sei an seine Grenzen gestoßen und brauche dringend eine
Auffrischung aus der neuen jungen New Yorker Szene. Wenn man die aktuelle
Musik in den deutschen Jazz-Hochburgen Köln und Berlin verfolgt, kann man
ebenso wenig eine Stagnation erkennen wie in Italien, Frankreich oder
Polen. Umgekehrt ist das Feiern einer gänzlich neuen New Yorker Szene wohl
eher eine Frage der europäischen Wahrnehmung als der Realitäten. Man denke
nur an die Community um das New Yorker Vision Festival oder an Musiker wie
Vijay Iyer, Rudresh Mahanthappa, Lisa Sokolov oder die Strickland Brüder,
die in den letzten zehn Jahren sehr wohl spannende Musik in New York
gemacht haben. Trotzdem war es eine gute Idee von Reiner Michalke, New
York als Schwerpunktthema zu wählen. Damit ging ein Jazz-Anteil am Moers
Programm einher, der deutlich höher war als in den letzten Jahren und dem
Festival gut tat. Und Austausch von Musikern aus unterschiedlichen Szenen
hat den Jazz immer vorangebracht. So haben Reiner Michalke und sein Team
nur ein Problem: Es wird schwer, das diesjährige Festival zu Pfingsten
2010 zu überbieten.
Hans-Bernd Kittlaus