Das Wort „Jazz“ hat in den
letzten 30 Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt und trägt heute offenbar
so positive Assoziationen, dass es von Marketing-Spezialisten als Produktname in
eigentlich musikferne Branchen getragen wird. Doch was bedeutet „Jazz“ heute?
Ist es überhaupt ein Begriff mit nachvollziehbarer allgemein anerkannter
Definition, oder ist es nur ein Wort, über dessen Bedeutung es keinerlei Konsens
gibt? Und stellt dieser Status quo ein Problem dar oder einen Anlass zur Freude?
Kurzer historischer Abriss
Die Herkunft des Wortes
„Jazz“ ist nicht eindeutig geklärt. Erstmals tauchte der Begriff vermutlich 1909
in dem Song „Uncle Josh in Society“ auf: „One lady asked me if I danced the jazz
…“ und meinte wahrscheinlich eine Art von Ragtime-Tanz. 1913 ist der Begriff
belegt als Bezeichnung einer Art von Musik, möglicherweise als Bezeichnung für
die Musik zu jenem Ragtime-Tanz. Möglicherweise ist er abgeleitet aus einem Wort
„jass“ aus dem kreolischen
Patois,
das für „tatkräftige Aktivität“, im speziellen
Sexualverkehr
stand. Möglich ist auch eine Ableitung des Wortes Jass oder Jazz aus der
Verwendung des Begriffes jasm (französisches Wörterbuch von 1860) für
Energie,
Dynamik
und
Vitalität
wie auch als Slang-Wort für Samen, oder als passender Ersatzbegriff für
afrikanische Tanznamen wie etwa
Mandingo
jasi oder
Temne
yas. Allen Herkunftsvermutungen gemeinsam ist die Nähe zu den Amüsiervierteln
der damaligen Zeit mit ihrer engen Verzahnung von Musik, Tanz, Alkohol und
Prostitution.
Ab spätestens 1915 gibt es
Bands aus New Orleans, die das Wort Jass oder Jazz im Band-Namen tragen und/oder
damit ihre Musik bezeichnen. Der Bandleader
Tom Brown
nahm für sich in Anspruch, als Erster dieses Wort für die genauere Beschreibung
einer Band verwendet zu haben, worüber ein heftiger Streit mit
Nick LaRocca
von der
Original Dixieland Jass Band
entbrannte. Das englische
Verb
„to jazz“ für „to speed or liven up“, schneller werden oder beleben, in Schwung
bringen, ist ab 1917 belegt.
Joachim Ernst Berendt
prägte mit seinem Standardwerk „Das Jazzbuch“ ([1]) über lange Zeit die Sicht
zumindest im deutschsprachigen Raum auf die historische Entwicklung des Jazz. Im
Kern argumentierte er, dass etwa alle 10 Jahre eine neue Stilrichtung des Jazz
dominant wurde. Dies stellte zwar eine starke Vereinfachung dar, da ältere Stile
keineswegs schlagartig verschwanden, sondern über längere Zeiträume verschiedene
Stilrichtungen parallel gespielt wurden, aber als grobe Orientierungshilfe ist
Behrendts Ansatz bis in die 70er Jahre hinein durchaus nützlich. Der Free Jazz
der 60er Jahre stellte einen Kulminationspunkt der Jazz-Entwicklung dar, der in
seiner radikalen Expressivität nicht mehr steigerungsfähig war. Gleichzeitig war
der Jazz von der dominierenden Unterhaltungsmusik der 30er Jahre zu einer
Nischenmusik mit sehr geringem Publikumszuspruch geworden. So waren es nicht nur
künstlerische, sondern auch wirtschaftliche Gründe, die Musiker ab Ende der 60er
Jahre bewogen, Einflüsse der damals populären Rock- und Pop-Musik aufzunehmen.
So entstanden der Rock Jazz und der Fusion Jazz der 70er Jahre. Die seitherige
Entwicklung ist nicht mehr mit diesem Phasenmodell beschreibbar, da sie von
einer Pluralität der Stile geprägt ist, innerhalb derer kein Stil dominiert.
John Gennari hat in seinem
leider wenig beachteten Buch „Blowin’ Hot and Cool – Jazz and Its Critics“ ([2])
dokumentiert und analysiert, wie die führenden englischsprachigen Jazz-Kritiker
von Leonard Feather und Martin Williams bis zu Gary Giddins und Stanley Crouch
den Jazz nicht nur begleitet, sondern auch beeinflusst haben, indem sie eine
Fachsprache entwickelten und artikulierten und diskutierten, was wie bezeichnet
werden sollte, was gut und was schlecht war. Er schildert die teilweise brutalen
Auseinandersetzungen um die Frage, was als („wahrer“) Jazz betrachtet werden
durfte. Die kochten insbesondere immer dann hoch, wenn ein neuer Stil sichtbar
wurde. Swing Fans konnten mit Bebop nichts anfangen, Bebop Fans lehnten Free
Jazz ab usw. Diese Auseinandersetzungen waren deswegen oft so militant, weil
Kategorisierung und Benennung mit Bewertung vermischt wurden. Es ging zumeist
nicht allein darum, Begriffe zu klären und abzugrenzen, sondern die Begriffe
wurden unmittelbar als Bewertungen verstanden im Sinne von „Swing ist Jazz, also
gut; Bebop ist kein Jazz, also schlecht“.
Von einigen Superstars wie
Ella Fitzgerald oder Oscar Peterson abgesehen hatten in den 70er Jahren nur noch
Rock Jazz und Fusion Jazz kommerzielle Relevanz. Jazz, der sich nicht an
Populärmusik orientierte, überlebte bestenfalls in Nischen. Damit ebbten auch
die oben beschriebenen Auseinandersetzungen um den „wahren“ Jazz etwas ab. Im
deutschsprachigen Raum wandte sich Behrendt, vormals der Hohepriester des Jazz,
zunehmend der Weltmusik zu. Dies brachte ihm viele Anfeindungen ein, doch
erscheinen diese aus heutiger Sicht als ein letztes Aufbäumen, bevor die
deutsche Jazz-Kritik ihre Deutungshoheit über den Jazz-Begriff zermürbt aufgab.
In dieser Zeit wurden die Wurzeln für eine zunehmend eigenständige europäische
Form von Jazz gelegt, etwa durch Manfred Eicher und sein ECM Label.
In den USA kam es ab Ende
der 70er Jahre zu einer wundersamen Renaissance des Jazz. Symbolfigur wurde der
Trompeter Wynton Marsalis, der Vorbild für eine Vielzahl junger Musiker wurde,
die dann als Young Lions bezeichnet wurden. Marsalis wurde später künstlerischer
Leiter des New Yorker Jazz at Lincoln Center, der wichtigsten Jazz-Institution
in USA. Unterstützt von Jazz-Kritiker Stanley Crouch und Schriftsteller Albert
Murray versuchte er, den Jazz-Begriff wieder enger zu fassen und einen
Jazz-Kanon zu definieren. Dies führte zu heftigen Diskussionen in USA, die
darunter litten, dass nicht nur wieder Begriffsabgrenzung und Bewertung
vermischt wurden, sondern dass zusätzlich noch die Rassenfrage (Jazz als
schwarze Musik) dazu gemischt wurde. So erfolgreich und wichtig Marsalis für die
Renaissance des Jazz war und ist, mit seinem Versuch der Gewinnung der
Deutungshoheit über den Jazz-Begriff hat er sich bis heute nicht durchgesetzt.
Die kommerziell erfolgreichste Stilrichtung wurde ab Ende der 80er Jahre in den
USA der Smooth Jazz, eine Form von Pop Jazz mit Wurzeln im Fusion Jazz, die als
besonders Radio-kompatibel angesehen wurde. Im deutschsprachigen Raum hat sich
diese Musik nicht nur wegen des für deutsche Zungen unaussprechlichen Namens
nicht verbreitet. Europa koppelte sich zunehmend von USA ab und entwickelte
eigene Stilarten, zum Beispiel den Nordic Jazz, der wiederum in USA keine
Relevanz erzielte.
Die von Marsalis
angezettelte Diskussion um den Jazz-Begriff fand im deutschsprachigen Raum wenig
Widerhall. Die deutsche Jazz-Kritik hat sich mit der Undefiniertheit des
Begriffs „Jazz“ arrangiert, ja, sie verteidigt diese teilweise engagiert. Sie
hat damit dazu beigetragen, dass sich Marketing-Spezialisten seiner bemächtigt
haben. Heute ist „Jazz“ der Name für ein Parfum (Yves Saint-Laurent), ein Auto
(Honda) oder Software (IBM Rational). Offenbar besitzt das Wort eine erwünschte
Aura von Nonkonformismus, intellektuellem Anspruch, Hipness, die sich umso
besser zur Aufladung für andere Produkte nutzen lässt, je weniger scharf der
Begriff „Jazz“ selbst definiert ist. Diese Marketing-Sicht dominiert auch große
Teile der Musik-Industrie, d.h. die Major Labels und die Veranstalter vieler
Jazz Festivals.
Musiker und Sprache
Das primäre Ausdrucksmittel
eines Jazz-Musikers ist seine Musik. Natürliche Sprache zur Behandlung von Musik
wird von vielen als mehr oder weniger notwendiges Übel betrachtet, auch wenn
Jazz-Musiker heute in der Mehrzahl ein entspannteres und professionelleres
Verhältnis zum Thema Marketing haben als in früheren Zeiten.
Es hat eine gewisse Ironie,
dass einige der Musiker, die heute als Ikonen des Jazz betrachtet werden, zu
ihrer Zeit den Begriff „Jazz“ nicht akzeptierten. Duke Ellington lehnte ihn
ebenso ab wie Schlagzeuger Max Roach. Das lag zum einen an der mutmaßlichen Nähe
zu „schmutzigen Worten“ (siehe oben), zum anderen spielte auch die Rassenfrage
eine Rolle, d.h. der Begriff wurde als eine von Weißen vorgenommene Abstemplung
schwarzer Musik verstanden. Die Sängerin Nancy Wilson wollte lange Zeit nicht
als Jazz Sängerin, sondern als „Song Stylist“ bezeichnet werden, u.a. um ihr
Cross Over in den Pop-Markt nicht durch die Ablage in der Jazz-Schublade zu
behindern.
Heute haben Musiker zumeist
keine Vorbehalte mehr gegen den Begriff „Jazz“. Die wenig noble Herkunft ist
vergessen, die mit dem Begriff verbundene Hipness gefällt, die faktische
Undefiniertheit stellt keinerlei Einschränkung dar. Natürlich möchte jeder
Musiker individuell als eigenständige Stimme wahrgenommen werden und seine
künstlerische Freiheit nicht durch Zuordnung zu irgendeiner Schublade
einschränken lassen. Doch nur wenige gehen so weit wie Pianist Brad Mehldau, der
in seinen selbst geschriebenen Liner Notes zu seiner CD „Art of the Trio 4“
([3]) jede auf der Historie basierende Klassifizierung ablehnt, was in der
Konsequenz bedeutet, dass er die Verwendung von Sprache zur Behandlung von Musik
ablehnt (siehe Exkurs).
Nur wenige Jazz-Musiker äußern
sich zur Definition des Begriffs „Jazz“ so offensiv wie Wynton Marsalis (siehe
oben). Auf einer Linie mit Marsalis dürfte die Aussage liegen, die der
90-jährige Pianist Hank Jones jüngst anbot ([4]): „… it has to have what is
commonly considered to be jazz figures.
Syncopation,
things like that … harmonizations. It doesn’t have to necessarily have a blues
style, ... but a feeling for the blues. And it is not all about the notes. It’s
about what you do with them.”
Jazz-Journalisten und
-Wissenschaftler und Sprache
Das primäre Medium der
Jazz-Journalisten und -Wissenschaftler ist die Sprache.
Damit sind sie den
Spielregeln der Linguistik (siehe dazu „Kleiner Exkurs“) unentrinnbar
verhaftet. Daher ist es
eine ihrer
vorrangigen Aufgaben, in ihrem Themenbereich, dem Jazz, kontinuierlich für Begriffsbildung und
-fortschreibung zu sorgen, also die sprachliche Basis zu schaffen und zu
erhalten, die es erlaubt, über Jazz und seine Entwicklung zu reden, zu schreiben
und zu diskutieren. Ich stelle
die These auf, dass zumindest im deutschsprachigen Raum Jazz-Journalisten und
-Wissenschaftler dieser Aufgabe seit ca. 30 Jahren nicht mehr nachkommen und –
was noch schlimmer ist – dies nicht nur nicht als Problem thematisieren, sondern
als positive Errungenschaft verteidigen.
Als Beispiel und Beleg für
meine These möchte ich das 9. Darmstädter Jazzforum heranziehen, bei dem es im
Herbst 2005 um das Thema „Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur
Popularmusik“ ging und dessen Beiträge im Tagungsband [5] veröffentlicht wurden.
Das Darmstädter Jazzforum ist eine Veranstaltung des Jazzinstituts Darmstadt
unter Leitung des geschätzten Kollegen Dr. Wolfram Knauer, zu der alle zwei
Jahre viele der führenden (überwiegend) deutschsprachigen Jazz-Journalisten und
-Wissenschaftler zusammen kommen. Der Titel der Veranstaltung 2005 schrie
geradezu nach einer Abgrenzung der Begriffe „Jazz“ und „Pop“. Doch keiner der
Beitragenden nahm eine solche Abgrenzung explizit definitorisch vor. Wolfram Knauer schrieb in
seiner Einleitung „Und immer noch sprechen wir vom Jazz und meinen eine Musik,
die für eine bestimmte Art von Spontaneität steht, für Improvisation, für
Individualität und gelebten Selbstausdruck.“ ([5], S. 11) Doch sofort
relativierte er diese Aussage damit, dass all das auch bei Popmusik vorkomme.
Peter Kemper wagte sich in seinem Beitrag am weitesten vor, wenn er Musiker als
konkrete Beispiele für bestimmte Entwicklungen benannte. Doch symptomatisch ist
sein (ironischer?) Einwurf „man möge mir die Konkretion verzeihen“ ([5], S.
199). In den Beiträgen drückt sich ein gewisser innerer Widerspruch aus. Alle
unterstellen implizit ein gemeinsames Verständnis des Jazz-Begriffs, aber keiner
wagt es, dieses Verständnis explizit und damit angreifbar zu machen, vermutlich
aus dem unguten (und gerechtfertigten) Gefühl heraus, dass dieses gemeinsame
Verständnis gar nicht vorhanden ist.
Warum sind wir in diese
Situation geraten? Zum einen zeigt die historische Erfahrung (siehe oben), dass
der Versuch einer expliziten begrifflichen Abgrenzung immer angreifbar war und
der jeweilige Autor nahezu zwangsläufig in die Ecke der ewig Gestrigen gestellt
wurde (siehe dazu den Beitrag von Andrew Hurley über J.E. Berendt in [5], S.
37 – 59). Hinzu kommt die Frage der Relevanz dessen, mit dem man sich
beschäftigt. Wenn ich mich als Jazz-Kritiker oder -Wissenschaftler betätige oder
eine Jazz-Zeitschrift herausbringe, befinde ich mich ohnehin in einer relativ
kleinen Nische des Musikmarkts. Wenn ich nun eine Definition des Jazz-Begriffs
verträte, die aktuell populäre Entwicklungen ausgrenzt, verringerte ich die
Relevanz meines Tuns und möglicherweise auch meinen ohnehin bescheidenen
kommerziellen Erfolg.
Dabei sind die Anfeindungen,
die jeder Versuch der Begriffsabgrenzung auslöst, heute nicht mehr so verbissen
wie in früheren Zeiten (siehe oben). Doch das Totschlagargument „Jazz-Polizei“
ist allgegenwärtig, mit dem jeder, der eine wie auch immer geartete
Begriffsabgrenzung versucht, als engstirnig, gestrig und nicht hinreichend offen
für neue Entwicklungen abgekanzelt wird. In Marketing-Material und
CD-Rezensionen wird es gern als präventiver Erstschlag verwendet, d.h. bevor
irgendjemand die Jazz-Zuordnung der jeweiligen Musik auch nur in Frage gestellt
hat. Für den kundigen Leser signalisiert die Verwendung des
„Jazz-Polizei“-Arguments immer, dass die jeweilige Musik mit Sicherheit kein
Jazz im engeren Sinne (d.h. im Sinne von Hank Jones Aussage oben oder der
Definition unten) ist. Der jeweilige Autor nimmt damit also (entgegen seiner
eigentlichen Intention) genau die Art der Abgrenzung und Kategorisierung vor,
die er mit dem Argument angreift. Unter diesen Rahmenbedingungen ist der
Untertitel der Zeitschrift JAZZthetik geradezu mutig: Magazin für Jazz und
Anderes. Darunter kann man zwar über jedes beliebige Thema schreiben, aber
immerhin sagt dieser Untertitel aus, dass es etwas Anderes gibt, also etwas, das
nicht Jazz ist.
Und was nun?
Gibt es überhaupt ein Problem?
Oder sind nicht alle Beteiligten mit der aktuellen Situation ganz glücklich? Ich
meine, wir haben ein massives Problem. Die mangelnde Kategorisierung durch
Sprache führt zu fehlender Orientierung und erschwert damit den Zugang neuer
Hörer zu Musik bzw. Jazz-Musikern, die sie noch nicht kennen. Durch diese
Undefiniertheit hat das Wort „Jazz“ seine Begrifflichkeit verloren (siehe
Exkurs). Und durch ihre Verweigerung, ihrer sprachprägenden Rolle gerecht zu
werden, verurteilen Jazz-Journalisten und -Wissenschaftler sich selbst zu
Randfiguren, die keinen Anspruch mehr auf Deutungshoheit und Einflussnahme
erheben.
Wie könnte ein neuer Ansatz
aussehen? Wäre es nicht an der Zeit, die heutige Pluralität, um nicht zu sagen
Beliebigkeit, die unter dem Wort „Jazz“ vermarktet wird, neu zu sortieren, zu
kartografieren, begrifflich zu erfassen, zu kategorisieren und abzugrenzen?
Wahrscheinlich müssen wir dazu ganz neue Begriffe kreieren, und zwar unter
strikter Trennung von Kategorisierung und Bewertung. Vielleicht können wir diese
Begriffe auch nicht gleich abstrakt definieren, sondern müssen uns zunächst mal
darauf beschränken, sie durch Aufzählung typischer Beispiele abzugrenzen. Wäre
das nicht ein schönes Thema für ein zukünftiges Darmstädter Jazzforum?
Nach dieser langen Vorrede
möchte ich mich nicht davor drücken, meine Definition von Jazz explizit zu
machen:
Jazz ist eine Musikrichtung, die sich durch folgende
Eigenschaften auszeichnet:
·
Harmonik: Nutzung
erweiterter Akkorde und Blue Notes mit Anlehnung an den Blues
· Rhythmik:
vorwärtstreibender bewegungsorientierter Rhythmus (Swing, Groove), Nutzung von
Polyrhythmen und Synkopen
· Spezielle
individualisierte Tonbildung bzw. Phrasierung mittels Schleiftönen und anderen
Techniken
·
Zumindest
unterschwellig vorhandenes Blues Feeling
·
Anteil
improvisierter Abschnitte
Ich bin mir bewusst, dass ich
damit eine Menge Musik ausgrenze, darunter Musik, die ich selbst gern höre und
positiv bewerte. Die Ausgrenzung dient also ausschließlich zur Kategorisierung,
nicht als Qualitätsbewertung.
Sie soll die Fähigkeit zur
sprachlichen Kommunikation verbessern, aber nicht die Offenheit gegenüber neuen
musikalischen Entwicklungen beschränken.
Wie wäre es mit neuen Bezeichnungen wie Nordic
Impro, Impro-Pop oder Modern Romanticism? Kann es uns gelingen, eine solche
Diskussion sachlich zu führen, ohne in alte von Dogmatismus geprägte
Grabenkämpfe zu verfallen? Ich hoffe es. Hauptsache ist, dass wir aufhören, das
Wort Jazz für jede beliebige Musik zu akzeptieren, nur weil irgendjemand sie so
vermarktet. Und dass wir uns wieder trauen, über diese Fragen zu streiten!
Hans-Bernd
Kittlaus
(bittet um
Feedback unter
kittlaus@acm.org oder
www.hansberndkittlaus.de)
Quellen
[1] Joachim Ernst Berendt,
Günter Huesmann: Das Jazzbuch, Fischer, Frankfurt 1999
(und diverse
frühere Ausgaben)
[2] John
Gennari: Blowin’ Hot and Cool – Jazz and Ist Critics, The University of Chicago
Press,
Chicago, 2006
[3] Liner
Notes in Brad Mehldau: Art of the Trio 4 – Back at the Vanguard, Warner, 1999
[4] Interview mit Hank Jones
in Jazz Times, Februar 2009, S. 62
[5] Wolfram Knauer (Hrsg.):
Jazz Goes Pop Goes Jazz - Der Jazz und sein gespaltenes
Verhältnis zur
Popularmusik, Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung, Band 9,
Jazzinstitut Darmstadt,
2006
Kleiner
Exkurs in die Linguistik
Die Begriffsbildung in
natürlichen Sprachen wie Deutsch oder Englisch basiert grundsätzlich auf
Kategorisierung. Zum Beispiel können wir auf ein einzelnes Exemplar in unserem
Wohnzimmer deuten und sagen „Dies ist ein Tisch.“ Der Begriff „Tisch“ steht
dabei für die Gesamtheit aller Tische, also für eine Kategorie. Da mag es
Grenzfälle geben, in denen man nicht sicher ist, ob es sich bei einem Gegenstand
um einen Tisch oder eine Bank ohne Lehne handelt. Doch für mindestens 99% aller
Gegenstände gibt es einen Konsens der Deutschsprachigen, ob es sich jeweils um
einen Tisch handelt oder nicht. Auch in den Wissenschaften gehört die Bildung
und Bezeichnung von Kategorien zum elementaren Vorgehen, um das jeweilige
Themengebiet zu strukturieren und zu beschreiben. Dabei verändert sich Sprache
und ihre Verwendung über die Zeit (deshalb gibt es regelmäßig überarbeitete
Ausgaben von Lexika und Wörterbüchern). Neue Phänomene müssen sprachlich erfasst
werden (z.B. gab es vor 20 Jahren den Begriff Internet noch nicht), die
Verwendung und Bedeutung existierender Begriffe verändert sich (der Begriff
„surfen“ stand früher nur für Wellenreiten, heute wird er auch für das Springen
von Seite zu Seite im Internet verwendet), oder Begriffe verschwinden aus dem
aktiven Sprachgebrauch (wer sagt heute noch „Fräulein“?). Ein Wort wird
grundsätzlich dadurch zum Begriff, dass ein gemeinsames Verständnis innerhalb
einer Gruppe von Menschen über seine Intension (d.h. Bedeutung, abstrakte
Definition) und/oder seine Extension (d.h. Aufzählung der Gegenstände, die von
ihm bezeichnet werden) besteht.