| Saint Louis, Missouri, gilt nicht als der Nabel der amerikanischen Jazz-Welt.
Richard McDonnell wählte diesen Standort bei der Gründung seines MaxJazz
Labels vor fünf Jahren aus persönlichen Gründen. Doch die Provinzlage
hinderte ihn nicht daran, die Marktentwicklung exzellent einzuschätzen. Er
startete mit seiner Vocal Serie genau zu dem Zeitpunkt, als sich der Jazz-Markt
von den Young Lions der Instrumentalmusik ab- und dem Jazz-Gesang zuwandte. Auch
wenn das Programm noch keinen Top-Seller vom Kaliber einer Diana Krall oder
Norah Jones enthält, gelang es McDonnell doch schnell, in die schwarzen Zahlen
zu kommen. Jetzt erobert er mit der Kölner Vertriebsfirma SunnyMoon
erfreulicherweise auch den deutschen Markt.
Von Anfang an beeindruckten die MaxJazz Veröffentlichungen durch Stil und
Klasse, angefangen von der wohl-designten Aufmachung mit Schwarz-Weiss-Fotos,
die bis heute unverändert durchgehalten wurde und hohen Wiedererkennungswert
besitzt, bis zur Qualität der Musik und des Klangs. Den Erfolg der Vocal Serie,
der sich unter anderem in der Grammy-Nominierung von Carla Cooks erster MaxJazz
CD ‚it’s all about love’ ausdrückte, nutzt MaxJazz, um das Programm in
Richtung Instrumental-Jazz zu erweitern. So gibt es inzwischen auch eine Piano
und eine Horn Serie.
Carla Cook ist in Deutschland wohlbekannt, verbrachte sie doch 1993 und 1994
als Gesangslehrerin in Basel und Freiburg und machte hier bereits mehrere
erfolgreiche Tourneen. Ähnlich wie Rene Marie ist Carla Cook unzweifelhaft im
Jazz verankert, aber gleichzeitig offen für die Einbeziehung von
Pop-Einflüssen. Auf ‚Simply Natural’ verknüpft sie alte Standards wie ‚I
Can’t Give You Anything But Love’ mit Simon & Garfunkels ‘Scarborough
Fair’ und gelungenen Eigenkompositionen wie dem Titelsong zu einem
überzeugenden Ganzen. Wie immer spart MaxJazz nicht an den musikalischen
Begleitern. So wechseln sich Cyrus Chestnut und Bruce Barth am Piano ab und
liefern mit Bassist Kenny Davis und Drummer Billy Kilson einen
maßgeschneiderten Rahmen für Miss Cook. Rene Marie verfolgt auf ‚Vertigo’
ein ähnliches Rezept mit ähnlichem Erfolg. Begleitet von Pianist Mulgrew
Miller, Bassist Bob Hurst und Drummer Jeff Tain Watts singt sie Titel von
Lennon/McCartneys ‚Blackbird’ über Cole Porters ‚It’s All Right With Me’
bis zu Eigenkompositionen wie dem Titelsong. Bei einzelnen Titeln kommen
Saxofonist Chris Potter und Trompeter Jeremy Pelt als Solisten dazu. Rene Marie
hat eine sehr warme flexible Stimme, die ihre menschliche Reife ausdrückt,
verbunden mit der Fähigkeit, musikalisch Geschichten zu erzählen. Sie ist die
bislang wichtigste Entdeckung von MaxJazz und konnte neben ‚Vertigo’ schon
zwei weitere CDs vorlegen.
Die MaxJazz Horn Serie wurde im Sommer 2003 mit Veröffentlichungen von
Saxofonist Steve Wilson und Trompeter Terell Stafford gestartet. Beide gehören
zu den herausragenden Musikern der mittleren Generation, die vom Young Lions
Boom der 90er Jahre nicht erfasst wurden. Wilson hat sehr erfolgreich in den
Gruppen von Dave Holland und Chick Corea mitgewirkt, aber sich bislang nicht als
Leader etablieren können, obwohl er das musikalische Zeug dazu hätte. Die
vorliegende CD wirkt auf den ersten Blick wie eine überproduzierte
Marketing-Idee des Labels, wirken doch mit Carla Cook, Rene Marie und dem an Al
Jarreau erinnernden Philip Manuel gleich drei Sänger der MaxJazz Vocal Serie
mit. Doch die Musik fegt solche Gedanken beiseite und erweist sich sowohl in
Wilsons diversen Eigenkompositionen wie auch in Abbey Lincolns ‚Caged Bird’
(mit Rene Marie) oder im Soul-Standard ‚Respect Yourself’ (mit Philip
Manuel) als wirklich ‚soulful’ und inspiriert. Bei Terell Staffords CD
verhält es sich umgekehrt. Sie sieht auf den ersten Blick vielversprechend aus
mit Mulgrew Miller am Piano und den Saxofonisten Steve Wilson, Dick Oatts, Jesse
Davis und Harry Allen als Solisten in einzelnen Titeln. Tatsächlich brillieren
die Bläser, doch der Funke will nicht so recht überspringen. Vielleicht liegt
es an den privaten Veränderungen in Staffords Leben, die er im Begleittext
anspricht, insbesondere an der Trennung von seiner Ehefrau, der Sängerin
Melissa Walker. Sein Potential hat Stafford mit dieser Aufnahme jedenfalls nicht
ausgeschöpft.
Von Pianistin Jessica Williams gibt es eine Vielzahl von Einspielungen, von
denen nur der kleinere Teil in Deutschland verfügbar gemacht worden ist. Auf
der Solo-Piano-CD ‚All Alone’ zeigt sie ihr Talent in vier
Eigenkompositionen und acht Standards, so etwa in Ellingtons ‚Sentimental Mood’
oder Irving Berlins Titelsong. Bei ihr verbinden sich Einfühlungsvermögen,
improvisatorischer Phantasiereichtum, Anschlagskultur und Spiritualität und
schaffen auch bei vielgespielten Titeln neue Hörerlebnisse. Die fünf
vorgestellten CDs stellen einen guten Querschnitt durch das MaxJazz Programm
dar, das inzwischen aus mehr als 20 CDs besteht, die eine intensive Erforschung
lohnen.
Hans-Bernd Kittlaus
27.11.2003
|